Öffentlicher Nahverkehr

Öffentlicher Nahverkehr: Bus und Bahn oft ohne Plan

Halle/MZ. - Mit dem Rekordhoch der Kraftstoffpreise wird der öffentliche Personennahverkehr für viele wieder interessant, sagt Sachsen-Anhalts Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre (CDU). Sein erklärtes Ziel ist es, die Nahverkehrsverbindungen so weit zu verbessern, "dass die Zahl der Autos pro Haushalt sinken kann". Doch was muss sich konkret tun, damit der Nahverkehr attraktiver wird? Die MZ hat Wunsch und Wirklichkeit miteinander ...

Von Julia Klabuhn und Antonie Städter 29.06.2008, 18:53

Mit dem Rekordhoch der Kraftstoffpreise wird der öffentliche Personennahverkehr für viele wieder interessant, sagt Sachsen-Anhalts Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre (CDU). Sein erklärtes Ziel ist es, die Nahverkehrsverbindungen so weit zu verbessern, "dass die Zahl der Autos pro Haushalt sinken kann". Doch was muss sich konkret tun, damit der Nahverkehr attraktiver wird? Die MZ hat Wunsch und Wirklichkeit miteinander verglichen.

Ländlicher Raum

In Ballungsräumen sei zwar das Angebot im Nahverkehr "heute besser als vor zehn Jahren", sagt Stefan Jugelt vom Fahrgastverband Pro Bahn in Mitteldeutschland. Probleme gebe es im ländlichen Raum. "Ländliche Gebiete sind das Stiefkind des Nahverkehrs", sagt auch der Vorsitzende des Mitteldeutschen Bahnkundenverbandes, Bernd Proske. Das Angebot sei gering und instabil. Vielerorts gebe es nur noch Schülerverbindungen, heißt es beim Städte- und Gemeindebund Sachsen-Anhalt. Die Betriebskostendefizite der Verkehrsbetriebe seien erheblich, sagte der stellvertretende Geschäftsführer des Verbandes, Jürgen Leindecker. Grund sei die schwache Nachfrage wegen des Bevölkerungsrückgangs. Linientaxis und Rufbusse seien eine Lösung, aber teuer. Laut Daehre hat man mit Rufbussen und -taxis gute Erfahrungen gemacht. Diese fahren nach einem Plan, den sie aber nur erfüllen, wenn sie von Kunden angefordert werden.

Streckensanierung

Eine wichtige Maßnahme sei die Sanierung von Strecken, auf denen die Züge nur weniger als 80 Stundenkilometer fahren können, sagt Daehre. Gerade für Berufspendler müssten schnelle Verbindungen geschaffen werden. Das sieht Bahnkundenverbandschef Proske genauso - beklagt aber: "Die Ausbaumaßnahmen gehen oft zu langsam voran." An Knotenpunkten fehle es häufig an einer optimalen Koordinierung. Mitunter seien Reisende nach Umbauten genauso lange unterwegs - weil sie auf Anschlusszüge warten müssten.

Koordinierung

Bei der Abstimmung zwischen verschiedenen Verkehrsträgern - und auch innerhalb der Bahn - gibt es laut Proske "einen großen Nachholbedarf". Der Informationsaustausch zwischen den Verkehrsmitteln müsse verbessert werden, meint auch Daehre. Abhilfe soll hier die Ausstattung der Bahn- und Bussteige mit digitalen Anzeigentafeln schaffen, kündigt er an. Mit der Anzeige tatsächlicher Ankunftszeiten sei es den Busfahrern dann möglich, auf Fahrgäste aus verspäteten Zügen zu warten.

Barrierefreiheit

"An vielen Bahnhöfen kommt man als Mensch mit Mobilitätseinschränkung nicht rein und nicht raus", erklärt der Landesbehindertenbeauftragte Adrian Maerevoet. Daehre zufolge sollen die Bahnhöfe flächendeckend barrierefrei werden. Maerevoet kritisiert, dass zunächst nur jene Bahnhöfe mit großen Umsteigezahlen umgebaut werden sollen.

Kundenservice

Die umstrittene Regel, dass in Nahverkehrszügen seit 1. Juni keine Bahntickets mehr verkauft werden, gelte für behinderte Menschen nicht, betont Daehre. Er sei aber mit der Abschaffung des Ticketverkaufes in Nahverkehrszügen "nicht zufrieden". Das letzte Wort mit der Bahn sei hierüber noch nicht gesprochen. "Diese Maßnahme gehört wieder abgeschafft", fordert Bahnkundenvertreter Proske . Es könne nicht sein, dass Reisende "sofort als Schwarzfahrer abgestempelt werden". Wenn statt ausgebildeter Zugbegleiter nur noch Kontrolldienste eingesetzt werden, "verliert der Kunde seinen letzten Ansprechpartner im Zug", sagt Pro Bahn-Sprecher Jugelt. Kundenbetreuer in jedem Zug will der Verkehrsminister nicht versprechen - man versuche aber, sich "der Hundert-Prozent-Marke" anzunähern.

Preise

"Wir brauchen im Nahverkehr eine moderatere Preisgestaltung, vor allem für Pendler", sagt Proske. Kritik an zu hohen Preisen, gerade für Berufspendler, weist Daehre zurück. Fahrten mit dem Auto kosteten schließlich nicht nur Benzin, es fielen auch Fixkosten an. Klar sei zudem, dass Sprit künftig nicht billiger werde. "Wir müssen aber aufpassen, dass Tickets für Bus und Bahn nicht die Preisspirale mitmachen, die wir derzeit beobachten", erklärte der Minister.