Forscher fordern Zuwanderer

Migration gegen Überalterung? Forscher fordern Zuwanderer

Magdeburg - Wissenschaftler drängen die Landesregierung, stärker auf Migration aus dem Ausland zu setzen. Andernfalls sehen sie nicht nur die Wirtschaft in Gefahr.

Von Jan Schumann
Symbolbild zur Integration von Asylanten im Arbeitsmarkt: imago stock&people

Angesichts der zunehmenden Überalterung in Sachsen-Anhalt fordern Wissenschaftler dringend, auf Zuwanderung aus dem Ausland zu setzen. So sollen vor allem ländliche Regionen vor dem weiteren Niedergang bewahrt werden. „Eine demografische Stabilisierung Sachsen-Anhalts“ könne nur durch „verstärkte Zu- oder Rückwanderung aus dem übrigen Bundesgebiet und dem Ausland erreicht werden“, erklären die Wissenschaftler des renommierten Leibnitz-Instituts für Länderkunde in Leipzig in einer neuen Studie. „Realistisch betrachtet“ liege das größte ungenutzte Potenzial in der internationalen Zuwanderung.

Die Studie entstand im Auftrag des Ministeriums für Landesentwicklung unter Thomas Webel (CDU) für knapp 80.000 Euro - die bisher nicht öffentlich bekannten Ergebnisse sollen bald im Landtag besprochen werden.

Grünen-Fraktionschefin Cornelia Lüddemann schließt sich auf MZ-Anfrage der Forderung der Wissenschaftler an: „Sachsen-Anhalt braucht einen Masterplan, Migration muss Chefsache in der Staatskanzlei werden.“ Ihr Eindruck sei, „dass viele Daten und Fakten zur Migration immer noch auf der unteren Regierungsebene gehalten werden“. Bisherige Integrationsangebote seien eher kleinteilig und Stückwerk.

Demografischer Wandel trifft Sachsen-Anhalt besonders stark

Hintergrund der Studie: Sachsen-Anhalt ist besonders stark vom demografischen Wandel betroffen. Rein statistisch ist jeder vierte Bewohner 65 Jahre oder älter, im Bundesschnitt ist es lediglich jeder fünfte. Ohne Zuwanderung aus anderen Bundesländern und dem Ausland verschärfe sich die Lage, so die Studie.

Fazit: Die „alternative Strategie bei Ausbleiben einer signifikanten Zahl von Zuwanderern“ sei „die Verwaltung und Gestaltung der Schrumpfung“. Dies träfe bereits überalterte Regionen wie Mansfeld-Südharz. Allerdings würden auf diesem Wege ländliche Regionen noch unattraktiver - für Zuwanderer und Bewohner. Davor warnen die Wissenschaftler eindringlich.

Die weitere Alterung der Bevölkerung - und ihr Rückgang - seien nicht nur mit einem „bundespolitischen Bedeutungsverlust“ des Landes verbunden, sondern auch mit höheren Sozialausgaben und einem Fachkräftemangel, „der die Wettbewerbsfähigkeit kleiner und mittelständischer Unternehmen gefährden könnte“. Die Studie stellt auch der Landesregierung ein kritisches Zeugnis aus. 

Demnach wollen Zuwanderer vor allem aus zwei Gründen nicht nach Sachsen-Anhalt ziehen: aufgrund vergleichsweise schlecht bezahlter Arbeitsplätze und wegen der Ablehnung von Zuwanderern bis hin zur Fremdenfeindlichkeit in Teilen Bevölkerung. Es sei auch Aufgabe der Politik, die „Notwendigkeit internationaler Zuwanderung zu erklären, Vorurteile und Vorbehalte zu entkräften“, betonen die Forscher.

AfD-Fraktion: Viele Einwanderer für Arbeitsmarkt ungeeignet

Webels Ministerium zeigt sich als Auftraggeber der neuen Studie einsilbig. Die Frage, inwiefern die Ergebnisse in die Arbeit der Landesregierung einfließen oder einfließen werden, ließ das Ressort unbeantwortet. Die Studie werde derzeit „so wie üblich“ fachlich und rechtlich geprüft, teilte ein Sprecher mit. Webel äußerte sich auf Anfrage nicht zu den Ergebnissen.

Als größte Oppositionsfraktion im Land verwahrte sich die AfD gegen gezielte Zuwanderungsbemühungen. Fraktionschef Oliver Kirchner sagte: „Viele Einwanderer aus kulturfremden Staaten - etwa Syrien, Afghanistan oder der Maghreb-Region - sind für den Arbeitsmarkt ungeeignet.“ Anders sei es zwar meist bei Migranten aus Europa. „Aber dann fehlen die Kräfte in diesen Ländern, das halten wir für unsolidarisch.“ (mz)