Spezialmaschinen-Werk von Siemens

Spezialmaschinen-Werk von Siemens : Mit Hipster-Protest gegen die drohende Schließung

Leipzig - Im Zentrum des Widerstands geht es etwas chaotisch zu: Auf dem Schreibtisch von Betriebsratschef Thomas Clauß stapeln sich Flyer und Plakate neben leeren Kaffeetassen, auf dem Fußboden liegen aufgeschlagene Akten, das Telefon klingelt alle fünf ...

Von Steffen Höhne

Im Zentrum des Widerstands geht es etwas chaotisch zu: Auf dem Schreibtisch von Betriebsratschef Thomas Clauß stapeln sich Flyer und Plakate neben leeren Kaffeetassen, auf dem Fußboden liegen aufgeschlagene Akten, das Telefon klingelt alle fünf Minuten.

Das Büro des Betriebsratschefs hat sich in den vergangenen drei Wochen zur Anlaufstelle für all die entwickelt, die das traditionsreiche Turbomaschinenwerk im Leipziger Stadtteil Plagwitz erhalten wollen.

„Wir kämpfen hier für den Erhalt von 270 Arbeitsplätzen und Industriekultur in Deutschland“, sagt Clauß mit fester Stimme.

120 Jahre Tradition in Leipzig Plagwitz

Es ist normal, dass ein Betriebsratschef für sein Werk eintritt. Ungewöhnlich ist, dass ein ganzes Viertel sich solidarisiert - und zwar auf so kreative Weise. An der Tür hängt ein Plakat, auf dem das Gesicht eines Mannes mit Bart, Hornbrille und Arbeitshelm gedruckt ist.

Es sieht aus wie eine Kombination aus Hipster und Industriearbeiter - darunter die Plattform siemensbleibtinplagwitz.de „Das hat ein Künstler für uns gestaltet“, sagt Clauß. Der Ingenieur ist selbst überrascht und auch berührt. Konzertveranstalter, Designer und Bürger machen sich für das Industriewerk stark.

Clauß: 39 Jahre, blondes, dichtes Haar, Brille, Spitzbart. Für Siemens war der Ingenieur schon auf Baustellen in China, Japan und Kanada. Er ist stolz auf seine Arbeit und eigentlich auch auf das Unternehmen.

Ende Oktober sickerte allerdings die Nachricht durch, dass der Münchner Technologiekonzern in seiner Kraftwerkssparte tausende Stellen streichen und Standorte schließen will. Betroffen sollen Görlitz (Sachsen), Erfurt (Thüringen), Offenbach (Hessen) und eben Leipzig sein.

Bestätigt hat Siemens das noch nicht, erst am Donnerstag soll die Entscheidung verkündet werden. Die Nachricht hat die Leipziger Belegschaft kalt erwischt. „Unsere Auftragsbücher sind voll. Wir haben Aufträge bis Ende 2018“, sagt Clauß.

Vor 120 Jahren, 1898, wurde am Standort das Pumpen- und Gebläsewerk C. H. Jaeger & Co. gegründet, das seit der Jahrhundertwende Verdichter herstellt. In der DDR arbeiteten im Pumpen- und Gebläsewerk (PGW) rund 1000 Mitarbeiter.

Volle Auftragsbücher beim einstigen Pumpen- und Gebläsewerk C. H. Jaeger & Co.

Als eines der wenigen größeren Industrie-Unternehmen in der Messestadt behauptete sich der Betrieb nach der Wende, 2006 wurde er von Siemens übernommen. Für die Öl- und Gaswirtschaft werden sogenannte Turboverdichter hergestellt - von der Konstruktion bis zum Schleifen des Metalls.

Die Anlagen erzeugen den nötigen Druck zur Verarbeitung von Gasen oder Chemikalien. „Wir liefern fast nur Einzelanfertigungen. Vier Stück ist bei uns schon eine Großserie“, sagt Clauß. Die Kunden sitzen in China, den USA oder dem Nahen Osten. Das Geschäft brummt.

Etwa einmal in der Woche verlässt ein Schwerlastzug das Firmengelände, um eine dieser tonnenschweren Anlagen auszuliefern. Zum Verhängnis wird dem Standort nun, dass er im Konzernverbund der Kraftwerkssparte zugeordnet ist.

„Seit einigen Jahren produzieren wir auch Verdichter für Kraftwerke“, erläutert Clauß. Anfangs brachte das dem Standort einen weiteren Schub. Doch so richtig gerechnet haben sich die Aufträge für den Mutterkonzern in dem Segment nicht.

2016 schrieb das Werk deshalb rote Zahlen und landete so wohl auf der Streichliste. „Wir sind so klein, dass die Konzernspitze offenbar gar nicht weiß, was wir hier alles machen“, sagt Clauß. Den Satz wiederholt er auf Veranstaltungen immer wieder. Er hofft wohl, dass Konzernchef Joe Kaeser ihn doch einmal hört.

Leipzig Plagwitz - Vom Industrieviertel der Messestadt zum Kunstszenetreff

Plagwitz liegt im Leipziger Westen und war über Jahrzehnte das Industrieviertel der Messestadt. Doch viele der Betriebe schafften nach 1990 den Sprung in die Marktwirtschaft nicht. Übrig blieben riesige leere Hallen in Backsteingebäuden.

Als erstes zogen in diese Künstler ein. Der international bekannte Maler Neo Rauch mietete ein Atelier in der ehemaligen Baumwollspinnerei. Es folgten die ersten Galerien - heute sind es zwölf, die Spinnerei ein deutschlandweit bekannter Kunstszenetreff.

In Plagwitz hat auch das Internet-Unternehmen Spreadshirt seinen Sitz. Mit dem bedrucken von T-Shirts ist die Firma gestartet, die heute mehr als 100 Millionen Euro im Jahr erwirtschaftet. In allen Straßenzügen eröffnen Cafés. Noch sind die Mieten günstig und das Bier billig.

Bündniserklärung für das Siemenswerk als Nachbarschaftshilfe

In einer der ehemaligen Fabriken ist der Club „Täubchenthal“ eingezogen. Die Mitarbeiter gehören zu den Erstunterzeichnern einer sogenannten Bündniserklärung für das Siemenswerk.

„Wir verstehen das als Nachbarschaftshilfe“, sagt Club-Chef Timm Schleicher. Zwei Sprayer mit dem Pseudonym „Donatello & Michelangelo“ sind in Plagwitz aufgewachsen. Damals sei das Viertel „grau und von verlassenen Gebäuden und Abrisshäusern gespickt gewesen“. Nur Graffiti hätte dem Stadtteil Farbe gegeben.

„Als wir von Bekannten von der Schließung des Siemens-Werkes und den damit verbundenen Verlust von über 200 Arbeitsplätzen hörten, konnten wir es nicht fassen“, sagen sie. Die Beschäftigten unterstützen sie auf ihre Weise: Sie malten ein Bild mit Siemenschef Kaeser, der über Profit nachdenkt. Es steht nun auf einem Anhänger vor dem Werkstor.

Die Gewerkschaft IG Metall in Leipzig hat die Unterstützer-Liste initiiert. „Viele Technologie-Unternehmen wie SAP oder Microsoft zahlen viel Geld, um Standorte in solch kreativen Vierteln aufzubauen“, sagt Gewerkschaftssekretär Steffen Reißig. „Siemens denkt aber über einen Rückzug nach.“ Die Kreativen wollen mit der Unterstützung des Werks wohl auch erreichen, dass das Viertel seinen ursprünglichen Charakter nicht verliert. Von einigen Beschäftigten haben bereits die Mütter, Väter und sogar Großväter im Werk gearbeitet.
Konzept für Fortführung.

Als Blaupause für den Kampf könnte auch das andere Leipziger Siemens-Werk, der Schalteranlagenbau, dienen. Dieses sollte 2013 geschlossen werden. Betriebsrat und Gewerkschaft arbeiteten ein eigenes Konzept für den Standort aus und konnten sich damit durchsetzen. „Wir rechnen es dem Siemens-Management heute noch an, dass es gesprächsbereit war“, sagt Reißig. Auch für Plagwitz soll nun ein Fortführungskonzept erarbeitet werden. „Wir wollen einfach nur die Chance, um zu zeigen, dass wir eigenständig, profitabel arbeiten können“, sagt Betriebsratschef Clauß. Vom Pförtner bis zur Geschäftsführung würde das wohl jeder im Betrieb unterschreiben - und die Einwohner in Plagwitz auch. (mz)