Ein Jahr, ein Ticket

Bus und Bahn für einen Euro - mit der 365-Euro-Karte

Als erste Stadt in Mitteldeutschland führt Leipzig stufenweise eine 365-Euro-Karte ein. Ein Modell auch für andere Kommunen?

Schneller mit der Straßenbahn - in Leipzig bald auch günstiger Foto: Dpa

Leipzig - Für einen Euro am Tag unbegrenzt Bus und Bahn fahren - es klingt wie ein Schnäppchen. In Leipzig soll das künftig möglich sein, zunächst allerdings nur für eine begrenzte Anzahl von Fahrgästen. Nach zweijähriger Prüfung hat der Stadtrat beschlossen, stufenweise ein sogenanntes 365-Euro-Ticket für den Nahverkehr einzuführen. Die Stadt ist damit Vorreiter in der Region.

In den Genuss des günstigen Tickets sollen zunächst Geringverdienende kommen. Ab August gilt es für alle, die den Leipzig-Pass besitzen, insgesamt rund 55.000?Menschen. In der Regel handelt es sich um Hartz-IV-Empfänger. Vom Januar kommenden Jahres sollen auch junge Menschen bis zum Alter von 27?Jahren für einen Euro pro Tag den Nahverkehr nutzen können. Zudem soll es das Ticket dann als Zusatzangebot geben für Familien, die bereits Abokunden sind, also etwa Monatskarten haben. Voraussetzung ist allerdings jeweils eine finanzielle Förderung des Bundes.

Noch nicht für alle

Die günstige Jahreskarte für alle einzuführen, wie ursprünglich angestrebt, scheitert vorerst an fehlendem Geld. Wie in allen Kommunen, haben auch in Leipzig sinkende Fahrgastzahlen in Folge der Pandemie ein Loch in das Budget der Verkehrsbetriebe gerissen. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) will das Angebot über kurz oder lang trotzdem ausweiten. Ein Ticket für alle bleibe das Ziel, betont er.

Der Fahrgastverband „Pro Bahn“ begrüßt den Leipziger Beschluss. „Das ist ein erster Schritt zur Vereinfachung“, sagt Referent Carsten Schulze-Griesbach mit Blick auf die von vielen Fahrgästen als unübersichtlich empfundene Tarifstruktur im Nahverkehr. Jedoch müsse ein solches Ticket längerfristig uneingeschränkt angeboten werden, um neue Kunden für den Nahverkehr zu gewinnen. „Dann kann das auch ein Modell für andere Städte sein, zum Beispiel für Halle“, sagt Schulze-Griesbach.

Skepsis in Halle

Dort gibt es seit Jahren entsprechende Planspiele. Doch Vinzenz Schwarz, Vorstand der Halleschen Verkehrs AG (Havag), ist zurückhaltend: „Nicht eine Reduktion des Fahrpreises bringt uns mehr Fahrgäste, sondern ein besseres Angebot“, sagt Schwarz. Er wolle ein 365-Euro-Ticket für Halle nicht ausschließen, doch zuvor müssten das Netz ausgebaut, Takte verdichtet und mehr Fahrzeuge eingesetzt werden. In dieser Reihenfolge sei auch in Österreichs Hauptstadt Wien verfahren worden, die oft als Vorbild für deutsche Kommunen genannt werde, so Schwarz. Auch „Pro Bahn“-Referent Schulze-Griesbach hält einen Angebotsausbau für zwingend: Ohne diesen werde es nicht gehen. Bisher bieten nur wenige meist kleinere Kommunen in Deutschland ein solches Ticket an, darunter Görlitz.

Befürworter sehen in dem 365-Euro-Ticket dagegen die Möglichkeit, Bus und Bahn für alle Bevölkerungsgruppen bezahlbar zu machen. Bisher kostet die günstigste Jahreskarte in Leipzig 646,80 Euro. Aus Sicht des Leipziger Umweltverbandes „Ökolöwe“ ist das neue Jahresticket zudem ein „wichtiger Beitrag zum Klimaschutz“, weil viele Menschen vom Auto in Bus und Bahn umsteigen würden. (MZ/Alexander Schierholz)