Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt

Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt: Nabu kritisiert Unterpflügen von Feldwegen

Magdeburg/MZ - Wenn es um Umweltschutz in Sachsen-Anhalt geht, ist manchmal sogar das zuständige Ministerium machtlos: Ein Mitarbeiter der Magdeburger Behörde wunderte sich etwa darüber, dass seine heimatliche Joggingstrecke am Rande der Colbitz-Letzlinger Heide quasi über Nacht schrumpfte. Nicht etwa in der Länge, sondern in der Breite. Bis eines Tages der Feldweg hinterm Haus gänzlich verschwunden war. Der Pfad war untergepflügt worden - peu à peu, und letztlich ...

Von Hendrik Kranert-Rydzy 18.04.2014, 20:26

Wenn es um Umweltschutz in Sachsen-Anhalt geht, ist manchmal sogar das zuständige Ministerium machtlos: Ein Mitarbeiter der Magdeburger Behörde wunderte sich etwa darüber, dass seine heimatliche Joggingstrecke am Rande der Colbitz-Letzlinger Heide quasi über Nacht schrumpfte. Nicht etwa in der Länge, sondern in der Breite. Bis eines Tages der Feldweg hinterm Haus gänzlich verschwunden war. Der Pfad war untergepflügt worden - peu à peu, und letztlich vollständig.

Kein Einzelfall, wie der Naturschutzbund Deutschland festgestellt hat. „Seit zehn Jahren nimmt das Unterpflügen von Feldrainen und Feldwegen immer stärker zu, selbst Grenzsteine verschwinden dabei“, sagt Landesgeschäftsführerin Annette Leipelt und spricht von einer „schleichenden Bewirtschaftung“ von Feldwegen.

Manchmal läuft es auch ganz radikal: Da wird so nah an wenige Jahre alte Obstbäume gepflügt, dass Wurzelschäden programmiert sind und das Absterben der Bäume sehr wahrscheinlich ist. Immer wieder kommen aus allen Teilen des Landes entsprechende Nachrichten. Leipelt hat bereits etliche Male das Umweltministerium informiert, ein Teil des Schriftverkehrs samt eindrucksvoller Fotos liegt der MZ vor. Doch sichtbare Konsequenzen haben die Beschwerden bislang nicht gehabt, so Leipelt. Mit dem Unterpflügen von Feldrainen und Feldwegen werden aber nicht nur wertvolle Biotope für Insekten, Amphibien und Kleinsäuger - etwa Hasen, Kaninchen und Hamster - vernichtet, sondern auch bares Geld.

Denn das Land fördert den sogenannten „ländlichen Wegebau“, also das Anlegen und den Unterhalt von Feldwegen, wie auch die Wiederherstellung von Blühstreifen: Eben jenen Rändern entlang der oft monotonen Feldflur, auf denen sich dann wieder Wildkräuter und Gehölze ansiedeln können.

„Schizophren und makaber“, nennt es Leipelt, wenn „auf der einen Seite die biologische Vielfalt verschwindet und auf der anderen Seite künstlich Förderprogramme aufgelegt werden.“ Tatsächlich lässt sich das Land, gefördert von der EU, die Wegebau- und Blühstreifen-Programme einiges kosten. Allein für neue Blühstreifen wurden im vergangenen Jahr 1,4 Millionen Euro Fördermittel ausgereicht - pro Hektar gibt es 740 Euro und Jahr für jene Landwirte, die sich dem Programm anschließen. Für den „ländlichen Wegebau“ flossen nach Angaben des Ministeriums in der EU-Förderperiode von 2007 bis 2013 satte neun Millionen Euro, die Land und Kommunen zudem noch gegenfinanzieren müssen.

Nach Angaben von Ministeriumssprecherin Jeanette Tandel seien zehn Prozent der geförderten Wegebaumaßnahmen von den zuständigen Ämtern für Landwirtschaft, Forsten und Flurneuordnung überprüft und dabei neun Verstöße festgestellt worden. Klingt wenig, doch rechnet man dies auf die Gesamtzahl aller rund 400 Projekte hoch, wird bei jedem dritten gegen die Förderrichtlinien verstoßen - doch das Gros bleibt unerkannt. „Mehr als zehn Prozent aller Projekte zu kontrollieren ist technisch nicht möglich“, sagt Tandel. Beim Blühstreifen-Programm werden sogar nur fünf Prozent der Projekte auf ordnungsgemäße Umsetzung kontrolliert. Bei Verstößen werde der Fördergeld-Empfänger aufgefordert, diese zu beseitigen, auch die Rückforderung von Fördermitteln sei möglich. Passiert sei dies aber bislang noch nicht.

In keine Statistik fließen bislang jene Fälle ein, in denen Landwirte Ackerraine und Feldwege widerrechtlich in Nutzfläche umwandeln. Tandel zufolge gibt es keine Zahlen über entsprechende Verstöße. Sie räumt aber ein, dass „wir das vermehrt feststellen und das Problem wahrnehmen“. Man könne auch nur bedingt etwas unternehmen, weil in der Regel die Wege den Kommunen gehören und diese auch für die Kontrollen zuständig seien.

Nabu-Geschäftsführerin Leipelt reicht das nicht: Neben den Kommunen würden auch die Ämter für Landwirtschaft zu wenig kontrollieren und auf die Wiederherstellung untergepflügter Feldwege drängen. Sie verweist auf einen Fall aus dem Salzlandkreis, wo nach Hinweisen die zuständige Behörde zwar den Landwirt auf Wiederherstellung verpflichtet habe. „Passiert ist da aber bislang nichts.“