Zirkustraining in Prettin

Zirkustraining in Prettin: Kopfüber durch die Manege

Prettin - 102 Kinder aus Prettin werden vom Zirkus- und Theaterprojekt Rosner auf zwei Vorstellungen vorbereitet. Warum Ole Kämmerer von Piraten angegriffen wird.

Von Thomas Tominski

Den ersten Angriff der Piraten hat Ole Kämmerer ohne Kratzer überstanden. Der Grundschüler aus Prettin sitzt als entflohener Schatzdieb in einem Fass und prüft die Schwerter auf Schärfe. „Ich hatte zunächst ein bisschen Angst. Doch die Klingen sind stumpf“, meint der Erstklässler etwas erleichtert und verrät, dass die anderen Mitglieder seiner Gruppe es sich nicht getraut haben, in das Fass zu klettern.

Trainerin Heidi Rosner vom Seydaer Zirkus- und Theaterprojekt „Dreamland“ hat ihre Piraten im Griff und überwacht die Schwerternummer. Ole Kämmerer führt laut Anweisungen die Spitzen der Stichwaffen in die passenden Löcher und ist erstaunt, dass er mit den vielen Klingen kaum in Berührung kommt.

Als der Erstklässler mit beiden Beinen wieder in der Manege steht, ist von der anfänglichen Aufregung nix zu spüren. „Hoffentlich“, sagt er, „geht bei den Vorstellungen alles glatt. Da schauen meine Eltern zu.“

Kontrolle per Sportuhr

Die 102 Kinder aus der örtlichen Kita „Haus der kleinen Knirpse“ (große Gruppe) und der Grundschule sind in vier Gruppen eingeteilt. Unter fachlicher Anleitung werden sie in Windeseile zu Trapez-Künstlern, Piraten, Zauberern und Akrobaten. Leni Döring hängt kopfüber am Trapez und lässt beide Arme baumeln. Heidi Rosner erklärt der Drittklässlerin den Ablauf, gibt ihr Tipps und leistet Hilfestellungen.

Am Donnerstag findet ab 10 Uhr die Generalprobe im großen Zirkuszelt statt. Dieses steht auf der Schlosswiese der Prettiner Lichtenburg. Die erste Vorstellung beginnt am 28. März um 17.30 Uhr, die zweite am Freitag um 17 Uhr. Am Zirkus- und Theaterprojekt „Dreamland“ nehmen insgesamt 102 Kinder der Kita „Haus der kleinen Knirpse“ sowie der Grundschule teil.

„Du bist die Nummer eins“, ruft die Trainerin dem Mädchen beim Abgang lautstark zu und erklärt, welcher Stern auf dem Boden der Manege ihr Stellplatz sei. Leni Döring schaut auf die Sportuhr und kontrolliert routiniert ihren Puls. „Hier kann ich von Schritte am Tag bis Kalorienverbrauch alles ablesen“, sagt sie und ist froh, dass es auf der Skala keine Anzeige für Aufregung gibt.

Zu den beiden Aufführungen kommt die gesamte Familie. Da muss eine Nummer eins exakt funktionieren, meint die Schülerin, die sich die Trapez-Gruppe ganz bewusst ausgesucht hat. Die kleine Blondine liebt die Herausforderung und hat Spaß an der Bewegung. „Auf dem Zeugnis habe ich im Sport eine Eins gehabt.“

„Dreamland“-Chef Helmut Rosner steht außerhalb der Manege und freut sich, dass alle Teilnehmer mit Feuereifer bei der Sache sind. Es sei wichtig, dass Kinder gemeinsam etwas erleben. Solche Projekte stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl und machen aus schüchternen Naturen kleine Helden.

Rosner, der früher als Trampolin-Artist und Jongleur das Publikum begeistert hat und seit 2014 an der Spitze des Familienunternehmens steht, reist mit dem Zirkus- und Theaterprojekt quer durch Deutschland und macht an 27 Schulen Station. „Wir wollen den Kindern Erfolgserlebnisse verschaffen und sie dauerhaft für die bunte Zirkuswelt begeistern.“

Teilnehmer lernen zaubern

Lehrerin Kirsten Mocker spürt diese Begeisterung hautnah. Sie beobachtet die von Lorenzo Rosner trainierten Zauberer und findet es toll, dass alle Teilnehmer die Tricks der Magier erklärt bekommen. Bei den Vorführungen werden Tauben verschwinden, Hasen auftauchen oder Papierschnipsel zu Stofftüchern. „Es sind leichte Tricks. Ich lasse den Kindern schon die Illusion, dass sie Zauberer sind“, so Rosner, der seit neun Jahren als Trainer arbeitet.

Früher, sagt er, habe er die Piraten auf Kurs gebracht, seit zwei Jahren schult er Magier. Prinzipiell macht die Arbeit mit Kindern Laune. Sie sind diszipliniert und experimentierfreudig.

Merle Schiller aus der ersten Klasse geht mit erhobenem Kopf über den Schwebebalken und dann ganz vorsichtig in die Standwaage. „Ruhig bleiben“, mahnt Übungsleiterin Marion Sperlich, denn bei dieser Übung ist Balance gefragt. Rücken durch und die Zehen gerade, lauten ihre nächsten Anweisungen. „Ich bin erstaunt, wie schnell Kinder Tricks draufhaben“, so die Trainerin, die optimistisch ist, dass bei den Vorstellungen alles rund läuft. „Die Gruppe Schwebebalken tritt dann in Indianerkostümen auf“, verrät Marion Sperlich. Merle Schiller zieht sich nach der Übung schnell eine Jacke drüber.

Es ist frisch im Zelt. „Es war nicht schwierig, ich hatte keine Angst“, lautet ihr Fazit. Das Mädchen freut sich, dass ihre Grundschule solch ein Projekt auf die Beine gestellt hat. Einmal in der Manege vor Publikum stehen, sei schon immer ihr Traum gewesen. Direktorin Sylvie Ebermann informiert, dass Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds (Programm „Schulerfolg sichern“) mit in das Projekt fließen und ihre Bildungseinrichtung zusätzlich von zwei Sponsoren unterstützt wird. (mz)