Mehr Schulschwänzer im Kreis

Schulschwänzer: Programm soll die Zahl im Kreis Wittenberg reduzieren

Wittenberg - Mal einen Tag blaumachen. Das kennen schon die Kleinen. Schulschwänzer gibt es, seit es die Schulpflicht in Deutschland gibt. Bedenklich wird es, wenn sich unentschuldigte Fehltage auf dem Schülerkonto häufen. Im Programm „Schulerfolg sichern“ werden in Sachsen-Anhalt bis 2020 rund 118 Millionen Euro aufgewendet, um die Zahl der Schulschwänzer zu verringern. Landesweit laufen derzeit 352 Projekte der Schulsozialarbeit mit 413 ...

Von Ilka Hillger

Mal einen Tag blaumachen. Das kennen schon die Kleinen. Schulschwänzer gibt es, seit es die Schulpflicht in Deutschland gibt. Bedenklich wird es, wenn sich unentschuldigte Fehltage auf dem Schülerkonto häufen. Im Programm „Schulerfolg sichern“ werden in Sachsen-Anhalt bis 2020 rund 118 Millionen Euro aufgewendet, um die Zahl der Schulschwänzer zu verringern. Landesweit laufen derzeit 352 Projekte der Schulsozialarbeit mit 413 Schulsozialarbeitern.

Der Landkreis Wittenberg hatte im Rahmen des Projektes zu einer Gesprächsrunde eingeladen, in der sich Schüler, Sozialarbeiter und Lehrer zu diesem Thema austauschten. Zehn von 16 angeschriebenen Schulen, so informierte Jutta Schamberger, nahmen das Angebot wahr. Schamberger leitet die Netzwerkstelle „Schulerfolg sichern“, in der auch die Beratungsstelle „Enter“ vom Internationalen Bund (IB) mit ihren fünf Mitarbeitern um Detlev Zinke mitarbeitet.

Zahl der Schulschwänzer im Landkreis Wittenberg steigt

Die Gespräche mit den Kindern und Jugendlichen, so bilanzierten die Akteure nach der Zusammenkunft, hätten unterstrichen, dass am Motto „Erziehen statt Strafe“ im Landkreis festgehalten werde. Laut Schamberger seien intensive Gespräche mit den Schulschwänzern das bessere Mittel, um das unentschuldigte Fehlen im Unterricht einzudämmen. Auch im Landkreis Wittenberg ist die Zahl der Schulschwänzer gestiegen, nicht zuletzt durch den Zuzug von Flüchtlingen und deren ganz unterschiedliche Erfahrungen mit Schulsystemen.

Im Schnitt wird das Ordnungsamt des Landkreises in jährlich rund 100 Fällen eingeschaltet. Das sei jedoch die letzte Konsequenz und eine pädagogisch durchaus umstrittene, wie Detlev Zinke meinte. Oft genug, so der Leiter der „Enter“-Beratungsstelle, würden die Sanktionen wie Bußgeld oder im schlimmsten Fall Arrest die Jugendlichen ereilen, wenn diese sich schon in Ausbildung befinden. „Das kann zwei bis drei Jahre dauern, angesichts der Überlastung der Gerichte“, sagte er.

Da wird sich dann so mancher Schulschwänzer längst nicht mehr erinnern, was ihn einst zum Fernbleiben bewog. Die Gründe dafür sind höchstverschieden. „Das reicht von Mobbing über Liebeskummer bis hin zu Prüfungsangst“, sagte Silke Petters, Schulsozialarbeiterin an der Wittenberger Gesamt- und Sekundarschule Friedrichstadt.

Die Schulpflicht ist in Deutschland gesetzlich geregelt. Als Verweigerer gilt bereits, wer dem Unterricht oder anderen schulischen Veranstaltungen einen Tag fern bleibt. Nicht jeder unentschuldigte Fehltag führt dabei zu einem Bußgeld - zuvor greifen andere Maßnahmen.

So müssen Lehrer in der Regel zuerst selbst aktiv werden und den Kontakt zu Eltern und Schüler suchen, um herauszufinden, weshalb dieser dem Unterricht fernbleibt. Zeigen diese Gespräche keine Wirkung, wird das Fehlen von der Schulleitung an die kreisfreie Stadt oder den Landkreis gemeldet. Dann droht ein Bußgeld.

In letzter Konsequenz können Schulverweigerer in Sachsen-Anhalt sogar im Gefängnis landen. Dabei handelt es sich um den sogenannten Ungehorsamkeitsarrest, der durch einen Jugendrichter verhängt wird und auf maximal eine Woche begrenzt ist. 2015 verbüßten laut Justizministerium 166 Schulschwänzer einen Arrest in der Jugendarrestanstalt Halle. 2014 waren es 114.

Als wichtige Erkenntnis habe man aus der Gesprächsrunde mitgenommen, dass sich die Schüler klare Regeln wünschen und dass diese auch konsequent durchgesetzt werden. Denn noch immer wird an den Schulen unterschiedlich verfahren, wenn Mädchen und Jungen nicht zum Unterricht erscheinen.

Sozialarbeiter an den Schulen sind wichtig

Im Landkreis gibt es deshalb einen Handlungsleitfaden für die Schulen. Der legt - gedruckt auf ein Plakat - genau dar, welche Schritte den Lehrern und Schulsozialarbeitern empfohlen werden. „Wo Sozialarbeiter in den Schulen sind, klappt das“, ist die Erfahrung von Petters.

Sind die Lehrer auf sich gestellt, werden sie in problematischen Fällen jedoch nicht allein gelassen. „Wir kommen auch in die Schulen“, informierte Detlev Zinke von „Enter“. Auch Eltern, die vielleicht schon resigniert haben, würden in der Beratungsstelle in der Collegienstraße 59 e einen Ansprechpartner finden, vor allem aber die Kinder und Jugendlichen.

Die Netzwerkstelle, so kündigte es Jutta Schamberger an, will ihr Programm im kommenden Jahr fortsetzten und dann Schüler und Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter in einer Konferenz zu Wort kommen lassen. Bis dahin wird man in verschiedenen Arbeitsgruppen das Problem „Schulschwänzer“ nicht aus den Augen lassen.

›› Bei Problemen ist die Enter-Beratungsstelle unter der Telefonnummer 03491/69 78 08 erreichbar und montags bis donnerstags von 9 bis 15 sowie freitags von 9 bis 13 Uhr geöffnet. (mz)