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Welche Künstler die Balladen von Gottfried August Bürger inspirierten

Von Klaus Damert
Ein Stich des Chesterfield-Pokals, der bei einem Pferderennen 1865 in England vergeben wurde. Der Schöpfer hatte sich von der Ballade "Lenore" von Gottfried August Bürger inspiereren lassen. Veröffentlicht 1865 in der "The Illustrated London News".
Ein Stich des Chesterfield-Pokals, der bei einem Pferderennen 1865 in England vergeben wurde. Der Schöpfer hatte sich von der Ballade "Lenore" von Gottfried August Bürger inspiereren lassen. Veröffentlicht 1865 in der "The Illustrated London News". (Foto: Archiv Klaus Damert)

Molmerswende - Gottfried August Bürger: Das ist doch der aus Molmerswende mit dem Münchhausen? Oder nicht? Das ist nicht falsch, doch hier ist es wie beim Eisberg: Das Offensichtliche ist nur der kleinste Teil des Ganzen. Der nationalen und internationalen Bedeutung Bürgers wird diese Sichtweise in keiner Weise gerecht. Ehe es sich herumgesprochen hatte, dass Bürger Münchhausen-Geschichten geschrieben hatte, waren diese schon ein Welterfolg. Gleichzeitig waren in Deutschland bereits 50 Gedichtbände von ihm erschienen.

Die Digitalisierung englischer Presseerzeugnisse macht es nun möglich, seinen Einfluss auf diesen Sprachraum zu erforschen. Von Bürgers Schauerballade „Lenore“ gibt es in England fast 50 Übersetzungen, Zeitungen druckten auch andere Gedichte von ihm. Damit stand seine Popularität der in Deutschland in nichts nach. Von Bedeutung waren neben der „Lenore“ auch „Der wilde Jäger“ und „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“. Doch das ist nicht alles.

Pokal inspiriert von einem Bürger-Gedicht

Die Begeisterung der Briten für Pferdesport ist zwar bekannt - doch wo ist da die Verbindung zu Bürger? Die Zeitungen im Jahre 1865 berichteten ausführlich nicht nur über Rennergebnisse, sondern auch über einen Pokal, der für den Chesterfield-Cup vergeben wurde. Und damit über ein Bürger-Gedicht. Die Schöpfer des Pokals hatten sich die künstlerische Umsetzung des Todesrittes vorgenommen. Eine Zeitung druckte sogar fast die gesamte „Lenore“ ab.

Die Begeisterung über den Pokal war ungeteilt. „The Illustrated London News“ veröffentlichte dazu einen Stich - die Fotographie war noch nicht so weit - mit dem Titel: „Lenore und ihr gespenstischer Liebhaber“. Bereits 1843 hatte es einen Siegerpokal mit dem Thema des wilden Jägers gegeben, ebenfalls lithographiert. Kein Bild gibt es leider von einem Siegerpokal von 1872 für eine Segelregatta, der sich Bürgers wildem Jäger widmete.

Ein Stich des Chesterfield-Pokals, der bei einem Pferderennen 1865 in England vergeben wurde. Der Schöpfer hatte sich von der Ballade "Lenore" von Gottfried August Bürger inspiereren lassen.
Ein Stich des Chesterfield-Pokals, der bei einem Pferderennen 1865 in England vergeben wurde. Der Schöpfer hatte sich von der Ballade "Lenore" von Gottfried August Bürger inspiereren lassen.
(Foto: Archiv / Klaus Damert)

Noch überraschender und sicher auch künstlerisch wertvoller war jedoch eine 1874 entstandene Skulptur von Albert Bruce Joy, dem großen irischen Bildhauer, dessen Statuen und Medaillen in aller Welt höchste Wertschätzung fanden. Er hatte sich der literarisch wohl anspruchsvollsten Bürgerschen Ballade angenommen: „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“. Er selbst nannte das Werk „Röschen von Taubenhayn“ oder „Forsaken“ - die Verlassene. 1874 wurde ein Terrakottamodell in Liverpool ausgestellt.

Überwältigendes Echo zur Skulptur von Albert Bruce Joy

Das Echo war überwältigend. Es gab dann noch Varianten in Marmor und Bronze. Ausgestellt wurde das Werk nicht nur mehrfach in England, sondern auch in Paris (preisgekrönt) und Chicago. Die Skulptur stellt den Moment der Ballade dar, als die Pfarrerstochter Rosette aus dem Wahn, in dem sie ihr Neugeborenes mit einer Haarspange ins Herz getötet hatte, erwachte: „O Jesu, mein Heiland, was hab’ ich gethan“.

Die Skulptur "Forsaken" des irischen Bildhauers Albert Bruce Joy, die auf der Ballade „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“ von Gottfried August Bürger basiert.
Die Skulptur "Forsaken" des irischen Bildhauers Albert Bruce Joy, die auf der Ballade „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“ von Gottfried August Bürger basiert.
(Foto: Archiv Klaus Damert)

Die veröffentlichte Meinung schwankte zwischen Bewunderung und vereinzelter Ablehnung. Joy hatte mit dem Werk große Pläne - im wahrsten Sinne des Wortes. Die Figur selbst sollte auf zehn Fuß (etwa drei Meter) vergrößert werden und auf einem Podest von 13 Fuß (etwa 3,9 Meter) stehen. Es war sogar schon eine Vorauswahl eines Standortes in Liverpool getroffen worden. Realisiert wurde das gigantische Werk aus unbekannten Gründen nicht, möglicherweise fehlte ein Geldgeber.

1890 findet sich in einer Zeitschrift das leider nicht hochwertige Foto der trotzdem sehr beeindruckenden Marmorstatue. Der jetzige Standort der Skulptur ist nicht bekannt. Bürger nur auf Münchhausen zu reduzieren wird seiner Bedeutung also offensichtlich nicht gerecht. (mz)