Mit Menschen ins Gespräch kommen

Präsident auf Tuchfühlung - Steinmeier wandert durch den Harz

Von Von Fabian Albrecht
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gibt auf dem Brocken im Harz ein Pressestatement.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gibt auf dem Brocken im Harz ein Pressestatement. dpa

Nach Monaten der Pandemie will der Präsident von den Menschen im Harz wissen, wie sie durch die Krise gekommen sind und sorgt vor Ort für Begeisterung. Lösen kann er die Probleme der Region mit seinem Besuch nicht - aber darauf aufmerksam machen.

Wernigerode/dpa - Mit offenen Mündern stehen am Sonntag viele Wanderer am Rand des Goethewegs am Brocken, staunen und flüstern, als plötzlich der Bundespräsident an ihnen vorbei wandert. „Na, hab ich Ihnen eine Pause verschafft?“, fragt das Staatsoberhaupt die verdutzten Bürger lächelnd, oder winkt einfach und grüßt, bleibt für Selfies stehen, schüttelt Hände. Genau das hatte Frank-Walter Steinmeier sich für seinen Wanderausflug in den Harz vorgenommen: mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Unter dem Motto „#schrittfuerschritt“ wandere er in diesem Sommer entlang der früheren innerdeutschen Grenze, „weil wir uns schrittweise hoffentlich von der Pandemie entfernen und weil wir uns gleichzeitig schrittweise wieder aufeinander zubewegen wollen“, sagt Steinmeier. Er will hören, wie die Menschen durch die Pandemie gekommen sind, wo ihre Ängste und Sorgen liegen und was sie in den kommenden Monaten von der Politik erwarten.

Beim Wandern komme man gut ins Gespräch, sagt Steinmeier, „und zu besprechen gibt es vieles, gerade nach diesen 15, 16 Monaten Pandemie, die wir hinter uns haben“. Der Präsident hatte daher zu jeder der drei Etappen seiner Wanderung Vertreter verschiedener Gruppen eingeladen. Vom Brocken in Sachsen-Anhalt startete Steinmeier, begleitet von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und seinem niedersächsischen Amtskollegen Stephan Weil (SPD) zum Wurmberg in Niedersachsen. Immerhin gut neun Kilometer und mehr als 400 Höhenmeter nahm sich die hochkarätige Wandergruppe vor und ließ sich auch von heftigen Regenfällen am Nachmittag nicht davon abhalten.

Der Regen war in den vergangenen Jahren eins von vielen Problemen im Harz gewesen, der wenige Regen, um genau zu sein. Dürre und Stürme schwächten die Wälder des Mittelgebirges im ehemaligen Grenzgebiet, machten sie anfällig für den Borkenkäfer. Wo noch vor zehn Jahren dichte Wälder an Märchen und Hexen-Geschichten erinnerten, klaffen heute vielerorts große Kahlstellen mit umgeknickten, ausgeblichenen Bäumen. Eine fast dystopische Kulisse bietet sich dem Präsidenten, als er vom Brocken aus los wandert.

„Niemand hat glauben wollen, dass der Klimawandel in der Luft liegt“, sagt Sabine Bauling, die den Präsidenten auf der Wanderung begleitet. Dass das Staatsoberhaupt sich nun selbst ein Bild von der Lage macht und die Aufmerksamkeit auf ihre Heimat lenkt, macht Bauling stolz. Die Holzwirtschaft ist ein wichtiger Faktor in der Region, ein noch wichtigerer der Tourismus. Auch den belastet der Klimawandel. Nicht nur wird die Landschaft durch den massiven Kahlschlag unattraktiver.

Der Harz ist auch Norddeutschlands einziges Wintersportgebiet und damit auf kalte Winter angewiesen. Die einzigen nennenswerten Schneefälle der vergangenen Jahre kamen aber ausgerechnet im vorigen Winter, als wegen der Corona-Pandemie keine Gäste kommen durften. Auch im Sommer ist der Tourismus in Ost- und Westharz ein wesentlicher Faktor und hat sich, wie in den anderen deutschen Urlaubsgebieten, längst nicht von den Monaten des Lockdowns erholt.

Die Touristiker, Gastronomen, Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker, Feuerwehrleute und Förster mit denen Steinmeier wandern geht, berichten ihm von den schwierigen Monaten. Die in den letzten Monaten oft kritisierte Corona-Politik bekommt dabei durchaus auch Lob. „Wir sind mit zwei blauen Augen durch die Krise gekommen“, sagt Brockenwirt Daniel Steinhoff Steinmeier, nachdem er ihm auf dem Brocken traditionell Bockwurst und Erbsensuppe serviert. Die Hilfen von Bund und Länder hätten gerade noch so schlimmeres verhindert.

Viel mehr als sein offenes Ohr und gute Wünsche kann Steinmeier seinen Begleitern aber nicht bieten. „Ich hoffe, dass die Touristen wieder kommen - und weitere Touristen mitbringe“, sagt Steinmeier bei einer kleinen Brotzeit im ehemaligen Grenzgebiet. Konkrete politische Zusagen sind auch nicht die Aufgabe des Bundespräsidenten. Allein mit seinem Besuch, sagen viele der Mitwandernden, habe der Präsident aber schon viel bewirkt. Nämlich das Gefühl, gehört und gesehen zu werden und außerdem, wie der Brockenwirt betont, eine „ganz tolle Werbung für unsere Region“.