Alternative Energie

Firma will Membranwindräder in Städte bringen

Warum ein Unternehmen aus Osterwieck für seine außergewöhnlichen Windkraftanlagen als „Visionär des Jahres“ ausgezeichnet wird.

Von Uwe Kraus
Wirtschaftsminister Armin Willingmann (M.) hat ?SailWindTec?-Entwicklungsleiter Frank Gnisa (l.) und Mario Spiewack Urkunde und Preis des Wettbewerbs ?Bestform? überreicht.
Wirtschaftsminister Armin Willingmann (M.) hat ?SailWindTec?-Entwicklungsleiter Frank Gnisa (l.) und Mario Spiewack Urkunde und Preis des Wettbewerbs ?Bestform? überreicht. Foto: IMG

Osterwieck/MZ

Osterwieck - Auf der Landesgartenschau 2022 im brandenburgischen Beelitz pflanzt die Osterwiecker „SailWindTec GmbH“ Blumen. Nicht Reseda, Rosen, Nelken, sondern ihre „Power-Flower-Windblumen“. Sie muten wie riesige Lilien und Tulpen an, wiegen sich im Wind und tragen keine Pollen weiter. Dafür verbergen sich dahinter individuell gestaltete Kleinwindkraftanlagen.

Mario Spiewack gilt als Vater des Projektes. Der Magdeburger Ingenieur erläutert, wie textile Strukturen für die Energiegewinnung durch Windkraft genutzt werden können. Schon die Urahnen segelten mit Schiffen, die sich die entsprechende Brise zum Vorankommen zunutze machten.

Mit dem aktuellen Vorhaben greife man auf Erkenntnisse aus der Bionik zurück. Die Windblumen werden aus verschiedenen Textilien gestaltet und erhalten unterschiedliche Formen, können in Farbe und Größe dem Standort angeglichen werden.

Zudem sei die Maschine recht hübsch anzusehen. Mit der Idee sei sein Team bereits rund drei Jahre zugange, vor etwa 18 Monaten begann die konkrete Entwicklungsarbeit. Das Segelwindrad sei noch ein Prototyp.

Bisher liegt die Leistung der Membrandwindräder bei 100 Watt

Die Blüte als Windkraftelement sei unterdessen als Gebrauchsmuster geschützt. Es geht erst mal darum, Beleuchtungselemente mit dem Windstrom zu speisen, den Strom für Sicherheitstechnik oder Ladestationen zu nutzen. Der Stoff biete sich zudem als Werbefläche an. Um Strom ins Netz speisen zu können, müssten die Blumen jedoch noch ziemlich wachsen.

Bisher liegt die Leistung der „Experimental“-Blüten bei 100 Watt. Immer wieder verweist der Geschäftsführer von „SailWindTec“ auf den Bezug zur Bionik. Die Entwickler hätten auf die Natur geschaut, wo sich Pflanzen aus dem Wind drehen.

„Das haben wir für unseren Prototypen übernommen. Ein Propeller könnte nicht so auf Stürme reagieren.“ Die blumigen Windkraftmaschinen konnten im Strömungskanal der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität getestet werden, die neben weiteren Unternehmen Partner bei den visionären Vorhaben ist.

Noch sei die Textilblume weniger effizient als die klassischen Windräder. „Aber es fehlt auch der typisch chinesische Propeller-Charme“, schmunzelt Mario Spiewack. In Beelitz als Teststandort der Blumen werde man „mit mehr Fläche im Wind“ weiter experimentieren. Zudem könnten in Zukunft neue Materialien zum Einsatz kommen.

Selbst für Zeiten der Flaute rüsten sich die Entwickler: Die Blumen erhalten Solarpaneele und können selbst leuchten. Hier kooperiere das Osterwiecker Unternehmen mit „CAD.S Raum.Licht.Systeme“ im nahen Aschersleben. Auf künftige Kundenwünsche soll möglichst umfassend eingegangen werden.

Die Segel in ihrer Form und Gestaltung bieten einen Ansatzpunkt, auch ihre Größe lasse sich ändern. „Uns schwebt vor, Schönheit und Nutzen zu kombinieren.“ Textile Blüten seien gar nicht so neu. In Gärten trifft man sie als Windspiel, im küstennahen Gebiet stehen sie als Kunstwerke an Strandpromenaden.

„Hier wird auf ästhetische Weise Strom-Erzeugung erlebbar gemacht.“

Die Jury über die Membranwindräder von SailWindTec GmbH

Geschäftsführer Spiewack verweist auf viele Partner, die bei ihm mit im Blumen-Boot sitzen. Für die Entwicklung und „die prototypische Umsetzung eines hoch belastbaren Fundament-Gleitlager-Systems für den Einsatz bei genehmigungsfreien Membranwindrädern“ sei die Gleitlager und Metallverarbeitung GmbH am Standort Osterwieck zuständig, in Magdeburg sitzen die Entwickler, in Beelitz werden die Vermarkter-Erfahrungen genutzt. Dazu hole sich „SailWindTec“ das Know-how von Textilspezialisten. „Wir sind so von Brandenburg bis in den Harz verzahnt.“

Dabei fühlen sich die Windkraftblumen-Züchter der „SailWindTec“ von einem Preis angespornt, den sie kürzlich in Empfang nehmen konnten. Ihre Power-Flower-Windblumen tragen nun den Titel „Vision des Jahres“ des Landes-Kreativwettbewerbes „Bestform“.

Die Begründung der Jury klingt schlüssig: „Hier wird auf ästhetische Weise Strom-Erzeugung erlebbar gemacht. Viele kreative Köpfe haben sich interdisziplinär darüber Gedanken gemacht, wie ohne großen Aufwand Energie gewonnen und zugleich die Innenstadt belebt werden kann.“ (mz)