Tante-Emma-Laden

Familie Zehnpfund in Siptenfelde: Einzelhandel seit 110 Jahren in Familienhand

Siptenfelde - Dass die Brüder Burkhard und Axel Zehnpfund den Verbrauchermarkt ihres Vaters übernommen haben, liegt  fast auf den Tag genau 27 Jahre zurück. Sie sind  die bereits vierte Generation, die den Laden am Ortsausgang von Siptenfelde betreibt.„Wir haben alles miterlebt - vom Kaiserreich bis heute“, sagt Axel Zehnpfund ...

Von Kjell Sonnemann 06.10.2018, 07:57

Dass die Brüder Burkhard und Axel Zehnpfund den Verbrauchermarkt ihres Vaters übernommen haben, liegt  fast auf den Tag genau 27 Jahre zurück. Sie sind  die bereits vierte Generation, die den Laden am Ortsausgang von Siptenfelde betreibt.„Wir haben alles miterlebt - vom Kaiserreich bis heute“, sagt Axel Zehnpfund (58).

Neben dem ursprünglichen Eingang  - an der Gebäudeseite zum Dorf - hängt ein vergrößertes Foto aus dem Jahr 1905: „Unser Urgroßvater ist der, der auf der Treppe steht“, erklärt Burkhard Zehnpfund (63).  Auf einem Schild an der Hauswand ist zu lesen: „Colonial & Materialwaren, Tabak & Cigarren, Fleischwaren & Flaschenbiergeschäft von Friedrich Zehnpfund“.

Das Schild an der Hauswand stammt von 1910

Auf dem Foto  sieht das erst ein Jahr zuvor gebaute Haus komplett bewohnt aus: Gardinen hängen auch hinter den Fenstern im Obergeschoss.    Doch die Etage stand leer; es wäre zu aufwendig gewesen, auch dort zu heizen.

Das ist mittlerweile mehr als 110 Jahre her.  Axel Zehnpfund sagt: „Die Arbeit im Landen war nie ein Zuckerschlecken“. Die zweite Generation im Verbrauchermarkt musste beispielsweise während der NS-Zeit über die Runden kommen.

„Unser Opa wollte nicht in die NSDAP eintreten.“ Selbst Kleinunternehmer mussten damals befürchten, etwa boykottiert zu werden, wenn sie nicht Parteimitglied waren.

Die älteste Kundin ist 89 Jahre alt

Diese Zeit erlebte auch  die heute älteste Kundin der Zehnpfunds. „Sie ist 89 Jahre alt und kennt alles hier von klein auf“, berichtet Burkhard Zehnpfund, der Jahre später im Kinderwagen durch die Regalreihen geschoben wurde.

Die Kundin absolvierte 1941 ihr Pflichtjahr in dem Siptenfelder Laden. Im Dritten Reich mussten alle Frauen unter 25 Jahren  ein Jahr in der Land- und Hauswirtschaft arbeiten. „Obwohl sie nur 200 Meter weit weg wohnte, musste sie hier auch übernachten.“

Laden wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Konsum-Landwarenhaus

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus dem Tante-Emma-Laden ein Konsum-Landwarenhaus, in dem die Kunden später auch etwa Waschmaschinen und Fernseher kaufen konnten. „Unser Vater hat eine richtige Fleischabteilung aufgebaut“, sagt Axel Zehnpfund.

Hinzu kam unter der dritten Generation des Geschäfts  noch ein Anbau, in dem Textilien und Schuhe angeboten wurden. Bis zu zehn Verkäuferinnen waren dort beschäftigt.

Axel Zehnpfund erinnert sich an großen Zusammenhalt

Das Geschäft lief zu DDR-Zeiten gut. Der Zusammenhalt im Ort sei größer gewesen als heute - schon durch den Zusammenschluss der Bauern als Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG), bemerkt Axel Zehnpfund.

Siptenfelde sei früher als „goldene Aue“ im Harz bezeichnet worden, weil  es sehr guten Boden für die Landwirtschaft und wenig Waldfläche hatte.

Sein älterer Bruder Burkhard, ein gelernter Werkzeugmacher,  hatte den kranken Vater ab 1981 im Verbrauchermarkt unterstützt. Axel Zehnpfund hatte Verkäufer gelernt - als Hahn im Korb in einer Klasse mit 20 Mädchen.

„Edeka hatte als erstes angeklopft“ nach der Wende. Von 1991 bis 2008 führten die  Brüder Zehnpfund - mittlerweile die vierte Generation - den Laden unter dem Namen der Handelskette. „Große Firmen machen großen Druck“, bemerkt Axel Zehnpfund nur.

Vor zehn Jahren wurde der Vertrag gekündigt. Jetzt arbeitet das Duo mit kleinen Händlern und Zwischenhändlern wie Gutkauf zusammen. „Das passt.“

Seit 1993 gibt es eine Filiale in Stiege

Ihren größten Treffer landeten sie 1993, als sie einen kleinen, 60 Quadratmeter großen Laden im knapp 15 Kilometer entfernten Stiege eröffneten. Anfangs hätten die Leute gefragt:  „Was wollt ihr denn hier? Wir haben doch einen Fleischer und einen Bäcker vor Ort“, erinnert sich Axel Zehnpfund zurück. Mittlerweile gibt es nur noch den kleinen Verbrauchermarkt.

Dieser überlebte, weil sie auf  Wünsche  eingehen: „Durch die Kundenbindung  haben wir es geschafft,  zu bleiben.“ Auch in Siptenfelde besorgen Zehnpfunds fast alles, wonach die Kunden fragen. Im regulären Angebot haben sie Lebensmittel aller Art, Obst und Gemüse, Back- und Wurstwaren, aber auch etwas Krimskrams.

Zudem kann man Pakete aufgeben. „Wir haben von allem ein bisschen.“
Die Zeiten, dass Hunderte Touristen im kleinen Verbrauchermarkt einkaufen, sind vorbei.

Aber vor allem Motorradfahrer halten im Sommer gerne für einen Snack und eine Tasse Kaffee in Siptenfelde an.
Ob das und die Kunden  aus dem Ort ausreichen, damit einmal die  fünfte Zehnpfund-Generation den Markt übernimmt, ist jedoch  fraglich. (mz)