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Digitales Lernen im Harz „Bis Ende der Sommerferien alle Schulen umstellen“

Martina Müller, beim Kreis zuständig für die Technik, erklärt die Vorteile des Systems Puavo aus Finnland. Schulen sollen Videos produzieren.

14.05.2021, 13:57
Schul-IT-Teamleiterin Martina Müller und Landrat Thomas Balcerowski (r.) bei der Einrichtung von Puavo an der Sekundarschule Ilsenburg.
Schul-IT-Teamleiterin Martina Müller und Landrat Thomas Balcerowski (r.) bei der Einrichtung von Puavo an der Sekundarschule Ilsenburg. (Foto: Landkreis Harz)

Halberstadt - Mit Beginn des neuen Schuljahres sollen alle Schulen in Trägerschaft des Landkreises Harz das PC-Betriebssystem Puavo für den Unterricht nutzen können. Das kündigte Landrat Thomas Balcerowski auf der jüngsten Kreistagssitzung an. Die ersten beiden Schulen in Trägerschaft des Landkreises sind bereits damit ausgestattet. MZ-Reporterin Rita Kunze sprach dazu mit Martina Müller, Teamleiterin der Schul-IT des Landkreises.

Bis wann kann in den noch nicht fertig ausgestatteten Schulen Puavo installiert werden? Ist der vom Landrat genannte Termin am Schuljahresbeginn zu halten?

Martina Müller: Wir planen, bis Ende der Sommerferien alle Schulen auf Puavo umzustellen. Die Vorbereitungen und Abstimmungen mit unserem Partner aus Finnland laufen bereits. Die Anträge für die Umsetzung des Digitalpakts Schule sind gestellt, inklusive der Beantragung eines vorzeitigen Maßnahmebeginns.

Bekommen die Schüler aus dem Puavo-Programm auch Laptops oder ähnliche Geräte?

Müller: Die Schulen und Schüler haben aus dem Soforthilfeprogramm zum Teil Endgeräte erhalten. Die Anzahl reicht aber nicht aus. Der Landkreis Harz hat mit Eigenmitteln weitere Geräte beschafft.

Ein großer Vorteil der nun eingesetzten Open-Source-Lösung Linux Debian ist aber auch, dass sie deutlich ressourcenschonender arbeitet als beispielsweise Microsoft-Produkte: Geräte, die mit Windows 10 nicht mehr funktionieren, können problemlos weiter eingesetzt werden und erhalten durch Puavo eine aktuelle Software. Alle Anwendungen, welche genutzt werden, befinden sich stets auf einem aktuellen Stand.

Welche Vorteile hat Puavo gegenüber anderen Angeboten fürs digitale Lernen außerdem?

Müller: Durch die quelloffene Lösung aus Finnland sind wir unabhängig von einzelnen Anbietern und Unternehmen, haben die freie Wahl der Endgeräte. Die Technik folgt der Pädagogik: Die Schule entscheidet, mit welchem Gerät sie arbeitet. Auch gebrauchte Business-Geräte sind kein Problem, diese sind robust und leistungsstark. Dabei unterstützen wir aktiv nachhaltige IT-Strukturen.

Inwieweit hilft Puavo den Schulen in der Pandemiezeit? Ist dadurch echter Distanzunterricht möglich?

Müller: Puavo ist ein Teil unserer Open-Source-Strategie für die Bildungseinrichtungen im Landkreis Harz. Durch den Einsatz unternehmen wir einen großen Schritt Richtung Bildungsgerechtigkeit: Alle Anwendungen, welche die Schüler vorfinden, können sie sich auch für zu Hause kostenfrei herunterladen und nutzen.

Wie funktioniert das?

Müller: Ein Bestandteil ist eine Nextcloud, die ab Mitte Mai zum Einsatz kommt. Alle Schüler, Lehrkräfte, pädagogischen Mitarbeiter und auch Schulsozialarbeiter erhalten eine eigene E-Mail-Adresse und Cloud-Speicher zentral vom Landkreis Harz. Der Zugang dient dann auch als persönlicher Login für das Puavo-System. Daten können so in der Schule erstellt und zu Hause weiterbearbeitet und auch ausgetauscht werden. Zusätzlich betreibt der Landkreis eine eigene Jitsi Meet Videokonferenzlösung kostenfrei für alle Schulen in unserer Trägerschaft. So unterstützen wir zusätzlich den Distanzunterricht.

Gibt es weitere Pläne?

Müller: Das Zusammenspiel von Cloud, E-Mail und Videokonferenzlösung inklusive kostenfreier und systemunabhängiger Anwendungen für alle Anwender ist eine große Hilfestellung im Distanzunterricht, aber auch nach der Pandemie. Der nächste Schritt ist ein zusätzlicher Nachrichtendienst für alle Benutzer, der an die dann bereits vorhandene E-Mail-Adresse geknüpft ist.

Wie viel Geld bringt der Landkreis für die Umsetzung des Digitalpakts und Puavo zusätzlich zu den Fördergeldern auf?

Müller: Der Landkreis plant für das Förderprogramm Digitalpakt Schule Eigenmittel in Höhe von zirka 800.000 Euro ein. Die Förderanträge für alle Schulen in unserer Trägerschaft sind bereits gestellt. Die Erstinstallation und die Bereitstellung der Schulserver - die Puavo-Box - zur Umsetzung der Puavo-Lösung werden über das Förderprogramm finanziert.

Zusätzlich finanzieren wir mit Eigenmitteln in einigen Schulgebäuden die dringend erforderlichen baulichen Maßnahmen bei Elektro-, Maler- und anderen Arbeiten, die nicht förderfähig sind. Die dafür veranschlagte Summe in diesem Jahr beträgt 300.000 Euro. Außerdem muss der Landkreis die jährlichen Kosten für den Dienstleistungsvertrag mit Puavo, inklusive der Cloud- und Jitsi Meet-Lösung für unsere Schulen, dem Ticketsystem sowie die Wartung und den Betrieb bereitstellen.

Entstehen weitere Kosten?

Müller: Wir investieren auch erheblich in Fortbildungen für die Mitarbeiter des Schul-IT-Teams. Dadurch und durch den Einsatz von Open-Source-Systemen bleiben wir unabhängig und sind kostengünstiger als eine Software-gebundene Lösung. Die jährlichen Kosten für rund 11.000 Schüler an Schulen in Trägerschaft des Landkreises betragen bei Nutzung aller angebotenen Optionen etwa 900.000 Euro, das sind etwa 80 Euro jährlich pro Schüler.

Brauchen die Lehrer noch Schulungen für die Nutzung von Puavo?

Müller: Im Unterricht sollten unserer Meinung nach Grundkompetenzen vermittelt werden und keine Produktschulungen für einzelne Hersteller oder bestimmte Programmversionen. Also die Grundkompetenz beispielsweise, eine Textverarbeitung zu bedienen oder eine Tabellenkalkulation. Ein normaler Benutzer erkennt an einem modernen System keinen Unterschied mehr, mit welchem Betriebssystem er nun eigentlich arbeitet. Dies ist ihm auch nicht wichtig, das Gerät soll einfach funktionieren.

Wird eine Schule auf die Lösung „Puavo“ umgestellt, erhält die Einrichtung immer eine Grundeinweisung. Gleichzeitig stehen Lernvideos für den Einsatz einzelner Software, durch die Schul-IT selbst produziert, zur Verfügung. Ein weiteres Ziel ist es, dass Schulen gemeinsam mit Schülern eigene Lernvideos erstellen. Materialien für dieses Projekt stehen bereits zur Verfügung. Bisher scheitert dieses Projekt jedoch an den Pandemiebedingungen. (mz)