Artenschutz im Nationalpark Harz

Artenschutz im Nationalpark Harz: Wohin gehst du, Luchs?

Wernigerode - Der Nationalpark Harz ist der Raubkatze mit Fotofallen auf der Spur. Das jüngste Monitoring lässt auf 19 selbstständige und 11 Jungtiere schließen.

Von Rita Kunze

Dem Luchs geht es gut im Harz. „Die Population breitet sich nach wie vor aus“, sagt Ole Anders, der Koordinator des Luchsprojektes Harz, nach der Auswertung des jüngsten Fotofallenmonitorings.

Zwischen August 2016 und März 2017 entstanden an 60 Fotofallenstandorten insgesamt 8.689 Fotos von Wildtieren, 502 der Bilder zeigen Luchse. Es waren mehrere Tiere, die anhand der charakteristischen Fleckenzeichnung voneinander unterschieden werden konnten. Aufgenommen wurden die Bilder zwischen Goslar-Sieber im Westen und dem Bodetal und Stiege im Osten.

779 Quadratkilometer wurden untersucht

In den vergangenen beiden Jahren gab es solch ein Monitoring im westlichen Teil des Harzes, in der nächsten Saison soll es im Ostharz durchgeführt werden. Nach der statistischen Auswertung der aktuellen Daten könne davon ausgegangen werden, dass in dem 779 Quadratkilometer großen Gebiet, das im Monitoring untersucht wurde, 19 selbstständige Luchse leben.

Vier der fotografierten Luchsinnen hatten Nachwuchs, insgesamt wurden elf Jungtiere gezählt. Rechnet man die statistischen Daten auf den gesamten Harz hoch, leben dort etwa 87 Tiere. Es können aber auch mehr sein.

Erster Jungtiernachweis in Südniedersachsen gelungen

Auch außerhalb des Harzes gibt es Luchsnachwuchs: Erstmals gelang im vergangenen Monitoringjahr - vom 1. Mai 2016 bis 30. April 2017 - ein Jungtiernachweis im Solling (Südniedersachsen), sagt der Projektkoordinator.

„Eine Luchsin führte dort sogar vier kleine Luchse. Auch bei Göttingen gab es eine Beobachtung einer solchen Familiengruppe mit zwei Jungtieren.“

Anders als in den Vorjahren habe es hingegen im Kaufunger Wald (Hessen/Niedersachsen) und im Hils (Niedersachsen) keine Hinweise auf Luchsnachwuchs gegeben. „Im Kaufunger Wald ist die Fuchsräude für diese Entwicklung verantwortlich.“

Vor 17 Jahren wurde die ersten Luchse im Harz in die Freiheit entlassen

Im Sommer des Jahres 2000 wurden die ersten Luchse in die Freiheit der Wälder im Nationalpark Harz entlassen. Nicht alle freuen sich über seine offensichtlich geglückte Rückkehr: Jäger und Landwirte sehen in ihm auch eine Gefahr für Wild- und Viehbestände; die Mufflons beispielsweise würden nicht nur vom Wolf bedroht.

Konkurrenz sei in gewisser Weise da, sagt Anders, aber ob der Luchs in der Lage sei, das Mufflon auszurotten, bleibe abzuwarten. „In den letzten 17 Jahren ist das nicht passiert.“

Mufflon hat eine andere Fluchtstrategie

Der Luchs habe „deutlich mehr Zugriff auf Reh und Rothirsch“ als auf Muffelwild. Letzteres sei eine eingeführte Art und auf wenige kleine Gebiete beschränkt, außerdem nicht so gut angepasst: Das Mufflon hätte Luchs und Wolf wenig entgegen zu setzen, denn seine Fluchtstrategie sei eine andere.

Das Wildschaf ist kein Sprinter

Das Wildschaf stammt aus gebirgigen Landschaften im Mittelmeerraum und ist erst seit etwa 110 Jahren im Harz heimisch - zu dieser Zeit gab es hier keine Luchse mehr. Es sucht Schutz auf hohen, schwer zugänglichen Felsen, es ist nicht gemacht für lange Sprints bei Verfolgungsjagden.

Der Luchs als Einzelgänger sei definitiv ein Rehjäger, betont Anders. Rehe hätten eine Größe, „mit der er am besten fertig wird“. In Teilen des Harzes, besonders in den Hochlagen, spiele auch das Rotwild als Beute eine bedeutende Rolle.

Wiederansiedlung ist eine Artenschutzmaßnahme

Der Koordinator des Luchsprojektes betont zugleich, dass die Wiederansiedlung der Anfang des 19. Jahrhunderts im Harz ausgerotteten Raubkatze von Anfang an eine Artenschutzmaßnahme gewesen ist, die auch von Jägern initiiert wurde.

„Ganz viele Jäger begleiten das Projekt offensiv.“ Sein Blick in die Zukunft: „Wir werden teilen müssen. Wir können nicht erwarten, dass alles so bleibt wie vorher. Der Luchs wird Rehe und Rotwild nicht ausrotten, aber er kann die Situation lokal deutlich verändern.“

Der einsamer Wanderer wechselt schnell sein Gebiet

Einige Luchse gehen auch weiter als andere - und das im Wortsinn: „Dass es regelmäßigen Austausch zwischen den Reproduktionsgebieten gibt, bewies zuletzt das besenderte Männchen M 10“, sagt Anders.

Das Tier sei innerhalb kurzer Zeit vom Hils im niedersächsischen Bergland in den Harz gewandert. Aber auch das große Mittelgebirge habe ihm nicht zugesagt: „Vor wenigen Wochen überquerte M 10 die hessische Grenze und hält sich aktuell bei Hessisch Lichtenau auf“, weiß Anders.

Mit rund 150 Kilometern Luftlinie oder ungefähr 300 Kilometern bei chronologischer Verbindung aller Nachweispunkte des Tieres sei dies die bislang längste dokumentierte Wanderung eines Harzer Luchses.

M 10 ist nicht das einzige Tier, das einen Sender trägt

„M 10“ soll nicht der einzige Luchs im Harz sein, der einen Sender um den Hals trägt. „Unbedingt“ sollen weitere Tiere damit ausgestattet werden, sagt der Projektleiter, „wir fokussieren dabei auf die Wanderer“.

Denn das mache die Harzer Population besonders: „Am Anfang des Projektes hatte man uns gesagt, der Luchs werde den Harz nicht verlassen, aber genau das tut er, deutlich über den Harz hinaus. Wir wollen wissen, wie er das macht und welche Wege er geht.“

Und wie wahrscheinlich ist es, dass Spaziergänger im Wald einen Luchs entdecken? Eher unwahrscheinlich, sagt Anders. „Uns werden zwar um die 100 Sichtbeobachtungen im Jahr gemeldet, aber eine Begegnung wäre sehr zufällig.“ (mz)