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Dresdner Startrompeter Ludwig Güttler verabschiedet sich von der BühneSeit 15 Jahren Zugaben

Dresdens berühmter Kulturbotschafter: Der 79-jährige Trompetenvirtuose und Dirigent Ludwig Güttler verabschiedet sich zum Jahresende von der Bühne.

Von Kai Agthe 23.12.2022, 14:38
Ludwig Güttler ist am 29. Dezember letztmals als Musiker zu erleben.
Ludwig Güttler ist am 29. Dezember letztmals als Musiker zu erleben. (Foto: Imago)

Halle/MZ - Einen Termin für ein Telefongespräch mit Ludwig Güttler zu finden, ist ein schwieriges Unterfangen. Der Dezember ist vollgestopft mit Konzerten. In diesen Tagen umso mehr, da der Startrompeter aus Dresden angekündigt hat, seine musikalische Karriere am Ende des Jahres beenden zu wollen. Als die Hoffnung bereits schwindet, mit dem Virtuosen ein paar Worte wechseln zu können, findet sich noch ein kleines Zeitfenster am Freitagabend.

Denn in den folgenden Tagen kurz vor Weihnachten standen für Güttler und sein Blechbläser-Ensemble noch Auftritte im Westen an: Köln, Essen und Mannheim. Und nach dem Fest wird der Musiker seine wirklich allerletzten Konzerte geben: Den Schlussstrich unter seine Laufbahn wird er am 29. Dezember in der Kirche von Röhrsdorf bei Meißen ziehen.

Wie bei jedem Menschen, der seinen Beruf als Berufung versteht, muss man auch Güttler zuerst fragen, ob er lange mit sich habe ringen müssen, seine Laufbahn zu beenden. Die Antwort ist eindeutig: „Ich habe mit mir nicht ringen müssen. Ich gebe immerhin schon seit 15 Jahren Zugaben. Da wird es Zeit, aufzuhören“, erklärt der Musiker, der im Juni sein 80. Lebensjahr vollendet.

Solist und Ensemble-Gründer

„Ich bin nicht infantil genug zu glauben, dass ich die Konzerttätigkeit noch Jahre weiterführen kann.“ Er wolle auch nicht zu denen gehören, die ihren Abschied wiederholt ankündigen, um dann doch auf der Bühne zu bleiben. Deshalb sei es an der Zeit, das Berufsleben jetzt zu beenden.

Ein Berufsleben als Musiker mithin, das ebenso lang wie erfolgreich war. Seit den 70er Jahren war Güttler, der 1943 im Erzgebirgsörtchen Sosa geboren wurde, vor allem als Solist und später auch als Dirigent im In- und Ausland tätig. 1976 gründete er das Leipziger Bach-Collegium, zwei Jahre später das Blechbläser-Ensemble und 1985 das Kammerorchester Virtuosi Saxoniae.

Ohne es offiziell zu sein, wurde Güttler doch zu einem Markenbotschafter der Musikstadt Dresden, die seine Wahlheimat ist. Es war ihm also eine Herzenssache, sich nach 1990 für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche zu engagieren: als Vorsitzender des Fördervereins und als Kurator der Stiftung Frauenkirche. Bei zahllosen Benefizkonzerten half Güttler Spenden für die zwischen 1994 und 2005 erfolgte Wiederrichtung des Barockbauwerks zu sammeln, das beim verheerenden alliierten Luftangriff am 13. Februar 1945 ein Feuer zerstörte.

Für diesen Einsatz erhielt er 2007 aus den Händen des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Auch im Vereinigten Königreich wusste man Güttlers Verdienste zu würdigen. So verlieh ihm Queen Elisabeth II. „in Anerkennung seiner Verdienste um den Wiederaufbau der Frauenkirche und seinen Beitrag für die Versöhnung beider Völker“ ebenfalls 2007 den Titel „Officer of the British Empire“.

Ob er wohl sagen könne, wie viele Tonträger er als Instrumentalist und Dirigent veröffentlicht habe? „Nachgezählt habe ich nicht, aber es dürften mehr als 100 sein“, sagt Güttler. Und er ergänzt, dass das nur die Zahl der in Deutschland erschienenen Aufnahmen sei. „Ein belgischer Journalist sagte mir, dass er 212 Tonträger von mir besitze. Das dürfte alle weltweit erschienenen Schallplatten und CDs umfassen.“

Die Zahl der in Jahrzehnten gegebenen Konzerte dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Haben Sie eine Zahl zur Hand? „Die Gesamtzahl meiner Konzerte kenne ich nicht. In guten Zeiten waren es 100 bis 115 Konzerte pro Jahr. Und bei Bachs Weihnachtsoratorium habe ich nach der 500. Aufführung aufgehört zu zählen. Die fand in den 1980er Jahren in der Leipziger Nikolaikirche statt.“

Apropos Weihnachten: An diesen Tagen hat Güttler frei. Das erste Mal seit vielen Jahren, da er zu Heiligabend und an den Feiertagen immer in Dresden im Einsatz war. „Über zu viele freie Tage werde mich also nicht beklagen“, sagt Güttler. Er will weiter tätig bleiben, wenn auch fernab der Bühne. Im Booklet seiner letzten CD – die unter dem Titel „In allen meinen Taten“ im Herbst erschien – steht zu lesen, dass er sich körperlich fit halten und auch weiter Trompete üben wolle.

Erinnerung an Zeit in Halle

Ferner habe er vor, Notenfunde, die er in Archiven in Europa gemacht habe, auszuwerten. Plant er Editionen der von ihm gefundenen Partituren? „In welcher Form dies geschehen wird, ist noch offen. Aber darunter sind archivalische Ausgrabungen, die bis ins Jahr 1969 zurückreichen.“

Hat der Mensch Ludwig Güttler, der all seine Kraft in die klassische Musik von Johann Sebastian Bach bis Jan Zelenka investierte, vielleicht auch eine Leidenschaft, die jenseits der Noten und Töne zu finden ist? Vielleicht eine Modellbahnanlage oder gar einen Hund? „Weder noch. Aber ich gehe oft im Wald spazieren und ich kümmere mich, wenn es die Jahreszeit zulässt, um Obstbäume.“

Und wenn er schon mit der Mitteldeutschen Zeitung spreche, dann wolle er zuletzt daran erinnern, dass er gern auf seine Zeit als Trompeter im Händel-Festspielorchester Halle zurückblicke, wo er von 1965 bis 1969 tätig war. „Es war meine erste Stelle nach dem Musikstudium in Leipzig und das gute kollegiale Verhältnis in Halle hat mir als Berufsanfänger sehr geholfen“, sagt Güttler.

Keine Frage, ein beeindruckendes Lebenswerk, das übrigens einem schlichten Leitspruch folgt: „Mein Motto lautet: Tue recht und scheue niemand“, so Güttler.

Ludwig Güttler leitet am Freitag den musikalischen Teil der Vesper vor der Dresdner Frauenkirche, die das MDR-Fernsehen ab 17 Uhr überträgt.