Kaffee

Kaffee: Gerösteter Genuss

Halle (Saale)/MZ. - Kein Wunder, denn seinen Kaffee hat der Balgstädter schließlich selbst geröstet. In seiner eigenen Kaffeerösterei.

Von iris stein 06.07.2012, 17:27

Kein Wunder, denn seinen Kaffee hat der Balgstädter schließlich selbst geröstet. In seiner eigenen Kaffeerösterei.

Die steht am Ortsrand und sieht von außen eher nach einem Autohaus aus. "Das war sie auch", lacht der Chef und freut sich über die Verblüffung, die diese Information auslöst. Nun gut, dann also Kaffeetrinken im Autohaus. Das ist an sich nichts Besonderes, in diesem Fall aber schon. Wer bei "Moness" einkehrt - so heißt das Café, das zur Rösterei gehört -, der hat am Ende einen ganz neuen Maßstab vom Kaffee im Autohaus. Dabei ist Enrico Pierard genau genommen eigentlich nur zu seinen Wurzeln zurück gekehrt, denn der Kaffeeröster ist - man glaubt es nicht - Kraftfahrzeugmeister.

Dass die ehemalige Werkstatt mit Hebebühne, die mittlerweile Röstanlage und Kaffeelager beherbert, heute das Herzstück seiner Firma ist, das hat er allerdings selbst nicht für möglich gehalten, als er vor Jahren seine Kaffeeleidenschaft entdeckte.

Begonnen haben seine Frau Ina und er im Jahr 1995 mit einem kleinen Café in Naumburg. "Die Autos haben mich irgendwann nicht mehr so interessiert", erzählt der 50-Jährige. "Das war kein Reparieren und kein technisches Tüfteln mehr. Ich musste ja nur noch Teile auswechseln." Und auch seiner Frau, ehemals Lehrerin, war die Selbstständigkeit recht. Das Eis-café Verona wurde schnell ein Begriff in der Umgebung, doch für die umtriebigen Neu-Gastronomen war das nicht genug. Die Initialzündung kam schließlich bei einer "Kaffeeschule", ein Geschenk für Enrico Pierard, der in jener Woche zum ersten Mal in die Geheimnisse des Kaffeeanbaus und der Röstung Einblick bekam. Geheimnisse, die heute für ihn keine mehr sind, denn da ist er ganz Perfektionist: Was es über Kaffee zu wissen gibt - er weiß es inzwischen.

Schnell redet er sich in Leidenschaft beim Rundgang durch das von seiner Frau geschmackvoll im Kolonialstil eingerichtete Café und die technischen Anlagen in der gläsernen Rösterei. Dabei wird eines deutlich: Mit Autos mag der ehemalige Kfz-Meister beruflich nichts mehr am Hut haben, Technik hat es ihm dennoch angetan. Das beweist nicht zuletzt die stattliche Sammlung alter Kaffeemaschinen, die in der einstigen Werkstatt aufgereiht ist. "Das ist eine Rowenta von 1930, aus einem Hotel, das abgerissen wurde", erzählt Enrico Pierard, der seine Stücke seit 15 Jahren zusammenträgt. Dass von der demontierten Kaffeerösterei in Halle, die einst nahezu die ganze DDR versorgte, so gar nichts übrig blieb, bedauert er, denn so ein lebendiges Museum, "das ist doch was, oder"? Ist es, noch dazu, wenn der Chef zu seinen Stücken Geschichten ohne Ende parat hat. Die kann sich jeder anhören, denn beim Kaffeerösten darf auch jeder zuschauen oder sogar eine Extra-Vorführung buchen.

Die Geschenk-Kaffeewoche ließ ihn nicht mehr los und schließlich zum Kaffeeröster werden. Heute brilliert er mit Fachkenntnissen, röstet seine oder von den Kunden zusammengestellte Mischungen von 100 Gramm bis 50 Kilo, erklärt sicher, welcher Kaffee welches Aroma bringt, kennt die Bohnentemperatur - 160 Grad -, bestimmt die Länge des Röstvorgangs - 20 bis 30 Minuten -, die Zeit des Ausgasens der Bohnen - ein bis zwei Tage. "Mit dem Kaffee ist es wie beim Wein", lässt er wissen und beschreibt kenianischen Kaffee als fruchtig, den aus Costa Rica als säurehaltig, weiß, dass sonnengetrockneter mehr Pep hat und klimatische Bedingungen und Bodenbeschaffenheit für einzigartige Charaktereigenschaften sorgen.

Seinen Kaffee kauft er in den Häfen von Hamburg, Bremen oder auch Triest, die Mischungen gibt er vor oder entwickelt sie mit den Kunden: Privatleute, Bürogemeinschaften, kleine Firmen. Deutschlandweit. Die kann er besser und schneller bedienen, seit er das in Insolvenz gegangene Autohaus in Balgstädt gekauft, umgebaut und 2010 eröffnet hat. Weil es allein zum Rösten - damit hatten Pierards schon vorher begonnen - viel zu groß war, entstanden darin gleichzeitig ein Café mit Terrasse - mit bis zu 300 Sitzplätzen - sowie ein paar Hotelzimmer, bis ins Detail so liebevoll gestaltet wie alles hier.

Doch der Kaffee spielt die Hauptrolle. Vielfalt und Möglichkeiten, die Mischungen nach Geschmack zusammenzustellen sind unendlich. Manchmal belässt es der Kenner Pierard dennoch bei Sortenreinheit. "Kenianischer Kaffee ist zu schade zum Mischen", meint er. Seine Tipps, wie Kaffee zu behandeln ist, sprudeln endlos aus ihm hervor: das Wasser zum Brühen kurz vor dem Siedepunkt, das Kaffeemehl möglichst frisch gemahlen, sonst oxidiert es, was den Geschmack beeinträchtig. Deshalb besser portionsweise mahlen. Geröstete Bohnen können dagegen sehr lange lagern. Er selbst trinkt übrigens gerade mal zwei bis drei Tassen am Tag.

Pläne für die Zukunft? Haben die Pierards. "Wenn ich mir was wünschen könnte? Mit der ganzen Mannschaft mal zur Kaffee-Ernte", träumt er und fügt ganz realistisch hinzu: "Und ich würde gern irgendwann einen Kindergarten bauen." Das will er vor allem für die 15 Angestellten tun.