Gebeugt, aber unbeirrt

Heinz Keßler: Ehemaliger Verteidigungsminister der DDR mit 97 Jahren gestorben

Halle (Saale) - Im Alter von 97 Jahren ist der frühere Verteidigungsminister und General Heinz Keßler gestorben. Bis zum Schluss pries er die DDR als „Friedensstaat“.

Von Steffen Könau 04.05.2017, 12:56

Im Februar ließ sich der schmal gewordene Mann mit dem weißen Haar noch einmal sehen. Die frühere FDJ-Zeitung „Junge Welt“ feierte ihren 70. Geburtstag und Heinz Keßler, kurz zuvor 97 Jahre alt geworden, kam zur Jubiläumsparty ins Berliner Kino International. Gebeugt, aber unbeirrt. Ein Strippenzieher und Verteidiger der DDR immer noch, der mit Gleichgesinnten auch in Sachsen-Anhalt einen regen Briefverkehr führt.

Und nach dem Tod von Margot Honecker der letzte noch lebende Vertreter jener Funktionärsgeneration, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrte und mit der DDR ihren Traum von einem Arbeiter- und Bauernstaat verwirklichte.

Heinz Keßler kehrte mit 25 ins kriegszerstörte Deutschland zurück

Für Heinz Keßler, Sohn einer Arbeiterfamilie aus Schlesien, gab es nie Zweifel an dem, was er „die Sache“ nannte. Vater und Mutter waren wegen ihrer kommunistischen Gesinnung mehrfach ins Konzentrationslager gesperrt worden. Als der gelernte Maschinenschlosser und Jungspartakist im Herbst 1940 zur Wehrmacht einberufen und gezwungen wird, am „Unternehmen Barbarossa“ teilzunehmen, nutzt er die erste Gelegenheit und läuft zur roten Armee über. Er kommt ins Kriegsgefangenenlager 27, später wechselt er zu einer Antifa-Schule, dient als Propaganda-Offizier in der Roten Armee und gehört zu den Gründern des Nationalkomitees Freies Deutschland.

Mit 25 kehrt Keßler ins kriegszerstörte Deutschland zurück. Er kommt als Sieger, sieht sich selbst aber als Befreier. Heinz Keßler ist dabei, als die Freie Deutsche Jugend gegründet wird, er wird einer ihrer ersten Sekretäre. Er tritt der KPD bei und wird nach dem Zusammenschluss mit der SPD Mitglied der SED. Als die Partei ihn beauftragt, in die damals noch als „Volkspolizei-Luft“ getarnten Luftstreitkräfte der späteren NVA einzutreten, folgt er auch diesem Auftrag.

Heinz Keßler war auch mit dem Ehepaar Erich und Margot Honecker befreundet

Keßler ist ein Überzeugungstäter. Er macht seinen Weg nach oben in und mit der DDR: Aus dem MG-Schützen wird erst der Stellvertreter des Ministers des Inneren. Nach einer Ausbildung an der Moskauer Generalstabsakademie schließlich der Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung. Heinz Keßler ist Generaloberst und Mitglied des Militärrates des Oberkommandos des Warschauer Pakts, er sitzt im Zentralkomitee der SED und im Politbüro, in dem alle wichtigen Entscheidungen fallen.

Zudem ist Keßler, der Erich und Margot Honecker aus den Anfangstagen der FDJ kennt, nicht nur ein Genosse des Paares, das die DDR noch mehr prägen wird als sein erster Parteichef Walter Ulbricht. Nein, der Mann mit der prägnanten Wartburgbrille ist mit den Honeckers befreundet, er spielt mit Erich Skat.

Auch mit Margot verbindet ihn eine Freundschaft, die über das Ende der DDR hinausreichte: Beide machen nach dem tiefen Fall regelmäßig gemeinsam Urlaub in Kuba, beide verteidigen ihr früheres Wirken beharrlich und im Fall von Keßler auch öffentlich.

Für Keßler bleibt die DDR auch nach ihrem Ende ein „Friedensstaat“

Der Mann, der nach dem Tod von Heinz Hoffmann DDR-Verteidigungsminister wird, ordnet sich 1990 nach dem Rauswurf aus der SED wegen seiner angeblich „antisowjetischen Haltung“, einer Anklage wegen der Mauertoten und einer Verurteilung zu einer siebeneinhalbjährigen Freiheitsstrafe wegen Totschlags weit links ein. Für Keßler bleibt die DDR auch nach ihrem Ende ein „Friedensstaat“, der mit dem Mauerbau einen dritten Weltkrieg verhindert hat.

„Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“, darauf beharrt Keßler, der frühere SED-Genossen wie Modrow und Schabowski für Verräter hält. „Mit Modrow wäre Heinz niemals gemeinsam aufgetreten“, beschreibt ein Wegbegleiter. Stattdessen trat der ehemals ranghöchste Militär der DDR, der seine letzten Jahre in einem katholischen Stift in Berlin-Karlshorst verbrachte, in die DKP ein, für die er 2011 auch bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus kandidierte. Heinz Keßler bekam ganze 0,2 Prozent der Stimmen. Am 2. Mai ist der frühere Verteidigungsminister im Berliner Oskar-Ziethen-Krankenhaus gestorben.  (mz)