Totalverweigerung und „Rechtsperversion“

Totalverweigerung und „Rechtsperversion“: Ein Jahr Mammutprozess gegen Adrian Ursache

Halle (Saale) - Seit zwölf Monaten verhandelt das Landgericht Halle wegen versuchten Mordes im Prozess gegen den früheren Schönheitskönig

Von Steffen Könau

Kurz vor Schluss reicht es Jan Stengel dann doch wieder einmal. Gerade hat der wegen versuchten Mordes seit einem Jahr vor dem Landgericht Halle stehende frühere Schönheitskönig Adrian Ursache angesetzt, einen seiner meist ausufernden Redebeiträge vorzulesen, da unterbricht der Vorsitzende Richter entschieden.

„Herr Ursache“, sagt der in der Regel zurückhaltende Chef der Großen Strafkammer mit erhobener Stimme, „ich bitte Sie, mit ihren Anwälten zu beraten, ob Sie diesen Vortrag hier wirklich halten wollen.“ Irgendwann sei der Punkt erreicht, da müsse Schluss sein mit Beleidigungen. „Ich habe keine Lust, nach jedem Verhandlungstag Strafanzeige zu stellen.“

Adrian Ursache: Stengel ein „sogenannter“ Richter - Verfahren eine „Rechtsperversion“

Ursache lamentiert kurz, er erwähnt sein Rederecht und verteidigt seine Wortwahl, nach der Stengel ein „sogenannter“ Richter ist und das gegen ihn laufende Verfahren „Rechtsperversion“. Dann aber willigt er doch in eine Pause ein und lässt sich von seiner als Prozessbeistand anwesenden Frau bewegen, seine angekündigte Rüge ein andermal vorzulesen. Das habe allerdings, sagt er, nicht mit einem Abrücken von seiner Meinung zu tun. „Aber ich werde beim nächsten Mal allgemeiner formulieren.“

Die Szene zeigt das Spiegelbild eines Verfahrens, das als recht übersichtlicher Fall begann und sich nach und nach verkomplizierte, in dem der Angeklagte jedoch weiter nach einer Position zwischen Totalverweigerung und kooperativen Forderungen nach objektiver Wahrheitssuche schwankt. An diesem 42. Verhandlungstag, mehr als ein Jahr nach Verlesung der Anklageschrift, gibt Adrian Ursache sich anfangs überwiegend freundlich. Er lächelt, stellt Wortmeldungen auf Verlangen des Gerichts zurück und vergreift sich nicht im Ton.

Prozess gegen Adrian Ursache: Den Jahrestag haben alle verpasst

Es ist auch nur ein Tag der technischen Abgelegenheiten, ohne Zeugen. Anträge werden gestellt, begründet, umformuliert. Das Gericht lehnt bereits gestellte Anträge ab, der Angeklagte meldet sich mit Widersprüchen zu Wort, die Staatsanwaltschaft beantragt wie immer, gestellte Anträge als unbegründet abzuweisen. Den Jahrestag haben alle verpasst, bemerkt Verteidiger Hartwig Meyer in einer Pause, weil ihn Facebook gerade daran erinnert.

„Ein Jahr und wir haben nicht einmal richtig angefangen“, sagt der Anwalt. Ursaches Frau Sandra, die den Prozess von Anfang an verfolgt hat, entgegnet mit Blick auf die Revision, die die Verteidigung mutmaßlich schon fest im Blick hat: „Und bald haben wir wieder einen neuen.“

Prozess gegen Adrian Ursache: Die Lage ist verfahren

Die Lage ist verfahren, weil der Blick der Verteidigerbank und der von Staatsanwaltschaft und Gericht auf den Prozessverlauf sich deutlich unterscheiden. Bei den drei Verteidigern und ihrem Mandanten herrscht die Überzeugung, dass, so Meyer, „noch große Lücken in der Indizienkette klaffen“.

Nach der hat Adrian Ursache im August 2016 mit einem Revolver auf einen Polizeibeamten geschossen, der als Angehöriger einer SEK-Einheit nach Reuden beordert worden war, um die Zwangsräumung des Grundstücks der Familie Ursache durch einen Gerichtsvollzieher abzusichern. Die Kammer und die Staatsanwaltschaft hingegen haben schon lange genug gehört – das Gericht hatte die Beweisaufnahme bereits geschlossen, die beiden Staatsanwälte haben sogar schon plädiert und acht Jahre Haft für Ursache gefordert.

Prozess gegen Adrian Ursache:  Schusskanäle der Verletzungen müssten geprüft werden

Nach der von der Verteidigung mit allen prozessualen Mitteln förmlich ertrotzten Wiederaufnahme der Beweisaufnahme steht nun aber wieder alles auf dem Prüfstand. Die Schusskanäle der Verletzungen von Ursache müssten geprüft werden, so Meyer, weil der SEK-Beamte ST321, der sich als Schütze bezeichnet hatte, den Angeklagten aus seiner Position so nie hätte treffen können.

Auch die Frage, wie ein Stück eines Geschosses in das Halstuch des verletzten SEK-Mannes ST325 gelangen konnte, wo doch der Beamte selbst im Zeugenstand angab, er habe kein Halstuch getragen, sei aufzuklären. Die Staatsanwaltschaft sieht hier „keine logischen Widersprüche“. Die Verteidigung schon. „Bei standardgemäßer Ermittlungsführung hätte die Schutzkleidung des Beamten untersucht werden müssen“, klagt Hartwig Meyer. Das aber sei eben nicht geschehen und so wisse niemand, wie ein Geschoss unter das Gewebe der Sturmhaube gelangen konnte, ohne diese zu beschädigen.

Gerichtsakten zu Adrian Ursache: 30 Aktenbände

Ursache-Anwalt Manuel Lüdke beantragt eine Einsicht der Verteidigung in die kompletten Gerichtsakten. Stengel zieht die Augenbrauen hoch. „Zuschicken oder mitnehmen“, fragt er. Als Lüdke sich fürs Mitnehmen entscheidet, warnt der Kammervorsitzende: „Da werden Sie große Arme brauchen, das sind 30 Aktenbände.“

Lüdke ist nun doch für Zusenden, die Unterlagen würden aber gebraucht, um die weitere Verteidigungsstrategie zu beraten. Über die hat Adrian Ursache selbst schon entschieden. Er beharrt in einer spontanen Einlassung ohne Manuskript darauf, nicht der gewesen zu sein, „der geschossen hat“. Richtig sei, dass er „Widerstand gegen einen rechtswidrigen Einsatz“ habe leisten wollen, ohne jedoch jemals entschlossen gewesen zu sein, auf jemanden zu schießen“. Das habe ein anderer getan, behauptet er.

Adrian Ursache: „Alles wurde manipuliert“

„Alles wurde manipuliert, um den Eindruck zu erwecken, dass ich ein Krimineller bin.“ Dabei sei er nur ein Mensch, der „das Grundgesetz verteidige“ und immer „mit offenem Visier“ kämpfe.

Bei seinen Anhängern, die den Verhandlungstagen stoisch folgen, punktet der von den Behörden als „Reichsbürger“ geführte 43-Jährige damit immer noch. Im Saal kursiert zum Jubiläum des Prozessbeginns eine Glückwunschkarte zu Ursaches bevorstehenden Geburtstag, die viele seiner Unterstützer bereitwillig unterzeichnen. Der Prozess wird im November fortgesetzt. (mz)