Von Wales nach Wittenberg

WITTENBERG/MZ. - Die Sprache seiner Mutter ist indes Deutsch. Die Ägyptologin Kate Bosse-Griffiths erblickte in Wittenberg das Licht der Welt, als Tochter von Paul und Käthe Bosse. Die Familiengeschichte und eine Einladung haben den Briten am Wochenende in die Geburtsstadt der Mutter ...

Von STEFANIE HOMMERS

Die Sprache seiner Mutter ist indes Deutsch. Die Ägyptologin Kate Bosse-Griffiths erblickte in Wittenberg das Licht der Welt, als Tochter von Paul und Käthe Bosse. Die Familiengeschichte und eine Einladung haben den Briten am Wochenende in die Geburtsstadt der Mutter geführt.

Ermordet in Ravensbrück

Heini Gruffudd ist am Sonnabend indes nicht zum ersten Mal zu Gast in der Lutherstadt zu Gast. Schon mehrmals hat er Wittenberg besucht und dabei auch jenes Haus in der Heubnerstraße in Augenschein genommen, indem seine Großeltern 1936 eine Privatklinik gründeten und in der über Jahrzehnte Mütter ihre Kinder zur Welt brachten. Zuvor war der Gynäkologe Paul Bosse Direktor am Paul-Gerhardt-Stift gewesen. Sein Mitte der 30er Jahre auslaufender Vertrag wurde allerdings nicht verlängert, was wohl weniger mit seiner Qualifikation als vielmehr mit seiner Frau zu tun hatte. Käthe Bosse war zwar mit der Heirat zum evangelischen Glauben übergetreten, doch den Nationalsozialisten galt die geborene Levin weiterhin als Jüdin, die Verbindung firmierte im Jargon des Dritten Reiches als "Mischehe". Nur den großen Verdiensten, die sich Paul Bosse bei der Rettung von Verunglückten während des Sprengstoffunglücks bei der Wasag in Reinsdorf 1935 erworben hatte, war es zu verdanken, dass die Familie weitgehend unbehelligt blieb. Das Versprechen der Schonung, von Adolf Hitler persönlich gegeben, währte bis 1944. Das Attentat der Gruppe um Graf Stauffenberg diente landauf landab als Vorwand für zahlreiche Verhaftungen. Zwei Tage nach dem 20. Juli traf es auch Käthe Bosse. Sie wurde nach Ravensbrück deportiert und dort kurze Zeit später ermordet.

"Meine Mutter hat mit uns deutsche Lieder gesungen", erinnert sich Heini Gruffudd, die quälenden Ereignisse der deutschen Vergangenheit offenbarten sich dem 1946 Geborenen erst weit später. 1990 ist er zusammen mit seiner damals bereits 80-jährigen Mutter erstmals in Wittenberg gewesen. Die 1935 nach England emigrierte Wissenschaftlerin hatte in ihren letzten Lebensjahren zahlreiche Briefe aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg gesammelt, ihr Bruder Günter, der nach Schweden auswanderte, habe ihm bei einem Besuch kurz vor seinem Tod stundenlang von jener Zeit berichtet, erzählt Gruffudd. Schon als junger Mensch habe er natürlich die Familiengeschichte gekannt, "die bedrückenden Details wurden uns aber erst spät offenbart. Erst zum Ende ihres Lebens wollten meine Mutter und mein Onkel ihr Wissen an die nächste Generation weitergeben".

Stammbaum der Familie

Dass ein Stolperstein künftig in der Lutherstadt an seine Großmutter und ihr Schicksal erinnern soll, freut Heini Gruffudd. Schließlich habe Kate Bosse-Griffiths in den 90er Jahren auf Restitutionsansprüche bezüglich des Klinikgebäudes verzichtet, "unter der Bedingung, dass das Andenken an ihre Eltern sowie der Name ,Bosse' erhalten bleiben". Als Dank für ihr Engagement hat er den Wittenberger Unterstützern der Stolperstein-Aktion Mario Dittrich, Renate Gruber-Lieblich und Reinhard Pester ein rund ein Meter langes Gastgeschenk mitgebracht, das die Augen der Hobbyhistoriker leuchten lässt. Es ist der Stammbaum seiner Familie, mit seinen zahlreichen Verzweigungen und Verästelungen. "Ein echter Goldschatz", findet nicht nur Mario Dittrich. Und ein wichtiger Baustein für die weitere Erforschung jüdischen Lebens in der Lutherstadt.