Wirtschaft Wittenberg

SKW Piesteritz: Größter Erdgasverbraucher Deutschlands seinen Verbrauch reduzieren

Wittenberg - SKW Piesteritz will als größter industrieller Erdgasverbraucher Deutschlands Energieaufwand senken.

Von Marcel Duclaud 02.11.2016, 06:00

Beide Zahlen sind eindrucksvoll: die vom Verbrauch an Erdgas, das alljährlich bei SKW Piesteritz durch die Leitungen fließt, das für die Produktion benötigt und verarbeitet wird. Und jene, die die Einsparung beziffert, die durch allerlei Maßnahmen in den vergangenen Jahren erzielt werden konnte.

Die erste lautet: 1,2 Milliarden Kubikmeter. SKW ist damit größter industrieller Erdgasverbraucher Deutschlands, in Piesteritz wird mehr Erdgas abgenommen als in Bremen und im Saarland zusammen. Das macht die Menge ein bisschen fassbarer, ebenso wie der Vergleich, der die Einsparung betrifft.

Von 20.000 Einfamilienhäusern spricht Matthias Mißling, Zentralbereichsleiter Technik. Die könnten mit dem Erdgas beheizt werden, das das Chemieunternehmen nun nicht mehr braucht. Es ist gelungen, den Energieaufwand in den beiden Ammoniakanlagen massiv zu senken. Das ermöglicht es nach den Worten von Mißling, den Einsatz von Erdgas um rund sieben Prozent zu reduzieren. Eine ordentliche Menge, die sowohl ökonomisch als auch ökologisch von Belang ist.

Seit 2014 wird laut Mißling konsequent das Thema Energieeinsparung bei dem Düngemittelhersteller angepackt, oft im Kontext zu den jährlichen Generalrevisionen, die aktuelle ist gerade abgeschlossen. Die Maßnahmen resultieren zum einen aus Verbesserungsvorschlägen der eigenen Mitarbeiter, die eine Prämie erhalten, wenn die Ideen Erfolge zeitigen.

Zum anderen läuft noch bis zum nächsten Jahr ein Projekt unter dem Titel „Modifizierung der Ammoniakanlagen“, das mit einem externen Partner umgesetzt wird. Es sieht unter anderem vor: Umbau des Hauptreaktors, dort, wo die Synthese stattfindet; Umbau des Synthesegasverdichters; Aufbau zusätzlicher Wärmetauscher.

Beim Ammoniakreaktor, erklärt René Kolod, Abteilungsleiter Ammoniak bei SKW, einige technische Details, ist die Strömungsrichtung des Gases geändert worden. „Der Katalysator wird dadurch intensiver durchströmt, auch das Design des Katalysators hat sich verändert.“

Das ist inzwischen alles erledigt. Für nächstes Jahr sind aber noch weitere Umbauten geplant, die freilich diesmal der Genehmigung durch das Bundesimmissionsschutzgesetz bedürfen. „Wir haben den Antrag schon im Januar abgegeben und erwarten demnächst die Genehmigung.“

Umgebaut werden soll die so genannte Kohlendioxidwäsche, es geht außerdem um zusätzliche Luftverdichter und um „Erdgassättigungskolonnen“. Das Unternehmen erhofft sich davon weitere Einsparungen beim Erdgasverbrauch um drei bis vier Prozent, so Mißling.

Ammoniak wird nach dem so genannten Haber-Bosch-Verfahren produziert. Das Erdgas wird bei 800 bis 850 Grad Celsius in Wasserstoff und seine weiteren Bestandteile aufgespalten. Wasserstoff und Stickstoff aus verdichteter Luft verbinden sich anschließend mit Hilfe von Katalysatoren unter Druck von bis zu 240 bar und Temperaturen zwischen 400 und 500 Grad zu Ammoniak.

Zu zwei Dritteln wird das Ammoniak nach Angaben von Matthias Mißling, Zentralbereichsleiter Technik bei SKW, im Piesteritzer Werk verarbeitet. Unter anderem zu Harnstoff; das Unternehmen produziert nach eigenen Angaben rund ein Prozent der gesamten Weltjahresproduktion und ist damit größter Harnstoffhersteller in Deutschland.

Zum großen Teil weiter genutzt wird das hochreine Kohlendioxid, das als Nebenprodukt bei der Herstellung von Ammoniak abfällt - unter anderem zur Produktion von Harnstoff. Aber eben auch als Zusatzstoff für die Lebensmittelindustrie. Air Liquide etwa nutzt das Kohlendioxid von SKW und Wittenberg Gemüse - als Nährstoff für Tomatenpflanzen. (mz/mac)

Möglich werden die Investitionen durch technischen Fortschritt und durch die erfolgreiche Entwicklung des Wittenberger Chemiebetriebes in den vergangenen Jahren. Denn Sparen kostet zunächst einmal Geld.

SKW Piesteritz wendet nach Angaben aus der Presseabteilung allein 2016 110 Millionen Euro für Instandhaltung und Investitionen auf, im vergangenen Jahr waren es 90 Millionen. „Wir sind bestrebt“, sagt René Kolod, „die Anlagen immer auf dem neuesten Stand zu halten.“ Das dient der Energieeffizienz ebenso wie Umwelt und Sicherheit. Und führt nicht zuletzt dazu, dass die Anlagen nicht ausfallen. Kolod: „Wir haben hier nahezu keinen außerplanmäßigen Stillstand.“ (mz)