Kritik von Akademie und KircheWas an Entscheidung zu Verbleib der Schmähplastik "Judensau" in Wittenberg genau stört

Mitglieder der Evangelischen Kirche und der Evangelischen Akademie äußern Kritik am Kirchenrat in Wittenberg. Es geht um den Verbleib der „Judensau“ an der Stadtkirche. Was an der Entscheidung genau kritisiert wird.

28.10.2022, 13:10
Die Schmähskulptur in Wittenberg sorgt für viele Diskussionen.
Die Schmähskulptur in Wittenberg sorgt für viele Diskussionen. (Foto: Klitzsch)

Wittenberg/MZ/epd - Der Entschluss zum Verbleib der „Judensau“ an der Fassade der Stadtkirche Wittenberg hat Ärger verursacht. Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen, äußerte sich enttäuscht.

Er könne zwar die Entscheidung des Gemeindekirchenrats inhaltlich nachvollziehen, sei aber über die Art und Weise verärgert, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Donnerstag. Der Wittenberger Gemeindekirchenrat hatte am Mittwoch nach jahrelangem Streit bekanntgegeben, dass die judenfeindliche Schmähplastik nicht entfernt wird. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte, die Entscheidung werde nicht alle Positionen in der bisherigen Debatte befriedigen.

Arbeit wird konterkariert

Ein von der Gemeinde 2020 eingesetzter Expertenbeirat hatte im Juli empfohlen, die Schmähskulptur zu entfernen und in unmittelbarer Nähe kommentiert auszustellen. Die Fachleute seien nie zu einem Gespräch eingeladen worden, sagte Claussen, der Mitglied des Beirats war. Zudem seien die Experten nicht über die Entscheidung des Gemeindekirchenrats informiert worden. Auch der Leiter der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Christoph Maier, kritisierte, dass man nicht zum Gespräch eingeladen worden sei. Er hatte die Beiratsgespräche moderiert. Dass nach der Beiratsempfehlung offenbar der Eindruck entstanden sei, man müsse sich gegen die Zerstörung eines etablierten Gedenkortes zur Wehr setzen, konterkariere die gemeinsame Arbeit der vergangenen Jahre. „Wir sind der festen Überzeugung, dass das Gedenkensemble an der Wittenberger Stadtkirche auch ohne das Zeigen der beleidigenden judenfeindlichen Plastik auskommt“, so Maier.

Größer und präsenter

Claussen sagte, die Entscheidung eines einzelnen Gemeindekirchenrats strahle auf die gesamte evangelische Kirche aus. Dem Wittenberger Fall komme eine besondere Bedeutung zu, die Skulptur sei größer und präsenter als andernorts. Außerdem sei sie mit dem Namen des Reformators Martin Luther verbunden. Deshalb handle es sich nicht um eine Lokalangelegenheit.

Der Gemeindekirchenrat sieht sich in seinem Entschluss durch ein Urteil des Bundesgerichtshofs im Juni bestätigt, wonach das Relief trotz des antijüdischen Inhalts an seinem Ort verbleiben kann.