Holocaust-Gedenken in Wittenberg

Holocaust-Gedenken in Wittenberg: 200 Wittenberger kommen zum Mahnmal an Stadtkirche

Wittenberg - Rund 200 Wittenberger gedenken der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 75 Jahren. Warum es auch um die Gegenwart geht.

Von Irina Steinmann

7500 Menschen bekamen ihr schieres Leben gerettet, als die Sowjets am 27. Januar 1945 in Polen das deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreiten. Die Bilder ihrer ausgemergelten Körper - und die der Berge von Toten - lassen bis heute jedem den Atem stocken, der sie sieht. 75 Jahre ist das her. Schon. Erst. Jedes Jahr erinnern Stadt und Landkreis, Stadtkirchengemeinde und Evangelische Akademie, aufs Neue an das Ungeheuerliche, Unfassbare.

Schweigen und Reden

Zu der Veranstaltung am gestrigen Mittag an der Stadtkirche unterhalb der „Judensau“ sind diesmal mehr Menschen gekommen als in den Vorjahren, um die 200 mögen es sein. Schweigend und redend erinnern sie an die Ermordung von sechs Millionen Juden, die Zahl, die auch auf der Gedenktafel zu ihren Füßen als Mahnung in Bronze verewigt ist.

„Der Holocaust erschien mir lange Zeit unwirklich“, sagt Laura Hohlfeld. Die Schülerin des Luther-Melanchthon-Gymnasiums, eine von mehreren jungen Rednerinnen und Rednern, spricht dabei einen wunden Punkt an. Zeitzeugenschaft erlischt, bald wird es niemanden mehr geben, der aus erster Hand von seinem Leid, vom Grauen berichten kann. Lilly Hirschfeldt etwa, an die an diesem Tag eine blaue Stele vor der Kirchenwand erinnert, ist lange tot, gestorben 1984 in Tel Aviv.

Laura Hohlfeld fand dann über das Geschichtsprojekt ihrer Schule Zugang zu dem Thema. Heute sagt sie, es sei angesichts der „jüngsten Entwicklungen“, sie meint das blutige Attentat von Halle, „bedeutender denn je“, sich zu erinnern. Erinnern will sich auch Tobias Thiel von der Evangelischen Akademie, der die Moderation der Gedenkveranstaltung übernommen hat und in seiner eigenen kurzen Rede wiederholt auf jüngste Äußerungen des Bundespräsidenten anlässlich der 75. Wiederkehr der Befreiung von Auschwitz zurückgreift.

Die Täter waren „Menschen“ - ein Gedanke, so ungeheuerlich wie wahr - und die Täter waren „Deutsche“, zitiert er das Staatsoberhaupt und schlägt mit Steinmeier den Bogen ins Jetzt: „Manchmal scheint es mir, als verstünden wir die Vergangenheit besser als die Gegenwart.“ Das darf man getrost als Warnung verstanden wissen. Und als Aufforderung zum Handeln.

Mut und Toleranz, Verantwortungsbewusstsein und Menschlichkeit, diese vier Dinge haben zuvor Teilnehmer der Schreibwerkstatt des Lucas-Cranach-Gymnasiums von uns Heutigen verlangt. Die dort entwickelten Statements der vier Schülerinnen und eines Schülers werden den jungen Leuten nach der Veranstaltung viel Lob und Zuspruch seitens der älteren Generation einbringen. „Es ist nicht deine Schuld“, erklärt einer der Schüler zu Holocaust und Verantwortung, „aber es wäre deine Schuld“, wenn es wieder so käme.

Gefordert sei „Anpacken, um die Welt zukunftssicherer zu machen“ - und dabei „blau-braunen“ Politikern entgegenzutreten. Blau ist bekanntlich die Farbe der AfD, die auch diesmal an der Gedenkveranstaltung teilnimmt, Braun muss man nicht extra erklären.

Kränze und Steine

„How could it be the world was blind?“, heißt es im Gedenklied „Nie wieder/Never again“, das Stadtkirchenpfarrer Frank Koine stimmgewaltig anstimmt, bevor am Ende Vertreter von Stadt und Kreis sowie politischer Parteien (Linke, SPD) Kränze und Blumen niederlegen am Mahnmal und jeder der möchte in guter jüdischer Tradition auch einen weißen Stein für die Toten. Viele möchten das tun an diesem 75. Jahrestag, die Schlange ist länger als sonst an einem 27. Januar. Wie konnte die Welt so blind sein?

Bei „We shall overcome“ singen viele mit. Die Sonne bescheint die Judensau. (mz)