Zeitreise in die Kindheit

Zeitreise in die Kindheit: Delitzerin erinnert sich an Jugend im Weißenfelser Schloss

Weissenfels - Für Annemarie Kretzschmar war es am Sonnabend eine Zeitreise in die Kindheit. Sie nutzte das Angebot am Tag der Städtebauförderung und schaute sich den barocken Südflügel des Weißenfelser Schlosses an. Es ist die zweite Führung an diesem Tag und die 66-Jährige, die in Delitz am Berge wohnt, zeigt auf den Turm. Dort hatten ihre Mutter mit deren Eltern als Flüchtlinge aus Pommern in der Zeit großer Wohnungsnot nach dem Krieg gelebt. Sie kennt das allerdings nur aus Erzählungen und von Bildern. Als sie aber vor der Sanierung des Nord-Daches mal an einer ähnlichen Führung teilnehmen konnte, hat sie mit ihrer Tante Jutta Meyer (81) noch den eisernen Ausguss und einen alten Ofen entdeckt, den die Großeltern genutzt ...

Von Holger Zimmer 18.05.2019, 13:00

Für Annemarie Kretzschmar war es am Sonnabend eine Zeitreise in die Kindheit. Sie nutzte das Angebot am Tag der Städtebauförderung und schaute sich den barocken Südflügel des Weißenfelser Schlosses an. Es ist die zweite Führung an diesem Tag und die 66-Jährige, die in Delitz am Berge wohnt, zeigt auf den Turm. Dort hatten ihre Mutter mit deren Eltern als Flüchtlinge aus Pommern in der Zeit großer Wohnungsnot nach dem Krieg gelebt. Sie kennt das allerdings nur aus Erzählungen und von Bildern. Als sie aber vor der Sanierung des Nord-Daches mal an einer ähnlichen Führung teilnehmen konnte, hat sie mit ihrer Tante Jutta Meyer (81) noch den eisernen Ausguss und einen alten Ofen entdeckt, den die Großeltern genutzt hatten.

Erinnerung an Weißenfelser Schloss

Im Südflügel war sie allerdings seit vielen Jahren nicht. Hierhin war sie wegen des Platzmangels bald nach ihrer Geburt mit ihrem älteren Bruder und den Eltern umgezogen. Noch wie heute weiß sie, welchen Raum sie bewohnt hatten. Er wirkt groß, war seinerzeit aber in zwei Zimmer geteilt. Öffnete man die Türen, stand man schon im langen Flur, auf dessen gewienertem Parkett man hätte kegeln können. Auf der einen Seite befand sich das Schlaf- und auf der anderen das Kinderzimmer.

Vater war als Armeeangehöriger zwar oft unterwegs, doch aus den zunächst zwei Kindern wurden vier und nach dem Umzug in eine größere Wohnung in der Langendorfer Straße kam ein Nachzügler zur Welt. Fragt man Frau Kretzschmar nach ihren Erinnerungen, dann spricht sie von einer unbeschwerten Kindheit. Eine zentrale Heizung sorgte für Wärme. „Holz und Briketts mussten Mutter und Vater nur für die Großeltern in den Turm hinauftragen.“

Rund 15 oder 20 Meter waren es über den Flur in die eigene kleine Küche, in der sich das Familienleben abspielte. Geteilt werden mussten die Gemeinschaftstoiletten und der Waschraum. An Ärger kann sie sich nicht erinnern, eher an ein harmonisches Miteinander, bei dem auch gemeinsam gefeiert wurde.

Delitzerin erinnert sich an Jugend im Schloss

Während Annemarie Kretzschmar in Erinnerungen schwelgt und die Fragen Neugieriger beantwortet, erläutert der städtische Angestellte Peter Zimmermann den dritten Bauabschnitt der Sanierung. 2,1 Millionen Euro stehen dafür zur Verfügung, ein Großteil kommt vom Bund, wie er sagt. Die Südwestecke des Schlosses, wo mal weitere Museumsräume eingerichtet werden sollen, ist bis hin zu den Decken saniert. Doch beim Rundgang durch die erste Etage des Südflügels wird das Ausmaß der Schäden deutlich. Risse werden sichtbar.

Der 60-Jährige spricht davon, dass die Innen- und die Außenwände viel mehr hätten miteinander verbunden werden müssen. Weil das nicht geschehen ist, werden die Risse nun mit Mörtel über sogenannte Injektionsröhrchen geschlossen. Die Außenmauern müssen außerdem mit starken Zugankern miteinander verbunden werden, wobei man auch die Wände im Innern durchbohrt. Auf die Frage, wann der Schlossflügel fertig sein wird, meint Zimmermann, dass er das wohl nicht mehr erlebe. Dabei verweist er auf die lange Zeit der Sanierung seit 1997.

Für Kinder war das Schloss ein Paradies

Nach der Führung geht es über eine breite Treppe wieder hinab. Hier hatte Frau Kretzschmar als Mädchen gleich den Hintereingang zum Kindergarten nutzen dürfen. Normalerweise kamen die Mädchen und Jungen durch einen Anbau von der Schlossterrasse in die Räume, erinnert sie sich, als sie im Durchgang unter dem Turm steht. Es sei eine schöne Zeit gewesen und oft wäre man zum Klemmberg gelaufen. Nur im Winter war das Heizen ein Problem, wie Besucher Karl Storch sagt, der Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre als Hausmeister nachts um zwei los musste, damit es die Kinder am Morgen warm hatten. Bei zig Öfen galt es, die Kohlen mehrmals am Tag nachzulegen.

Für Kinder sei das Schloss ein Paradies gewesen, erzählt die Frau. Dort, wo sich neben den Wohnungen das alte Theater befunden hat, konnte man Ball spielen und bekam dann oft Ärger mit dem Pfarrer, der den Raum für kirchliche Zwecke nutzte. Spannend war auch ein Gang in die Gruft. Nun freut sich Annemarie Kretzschmar schon auf den August. Denn zum Schlossfest kommt sie stets an die Saale. (mz)