Weißenfels

Weißenfels: Waschbären-Plage ohne Ende

WEISSENFELS/MZ. - Diesen Montag vergisst Inge Schnöke nie: Ihr Mann war auf Arbeit, die 65-Jährige hatte die Wohnung verlassen und wollte sich im Garten, der sich in der Naumburger Straße befindet, zu schaffen machen. Doch schon von weitem sah sie, dass die Gardine herunterhing. Irgendetwas stimmte nicht. Vorsichtig habe sie die Laube aufgeschlossen - und traute ihren Augen nicht. Nichts lag mehr an dem Platz, wo es sein sollte, überall befand sich Mörtel und Staub, die Gardinenstange war heruntergerissen und die Uhr von der Wand lag auf dem ...

Von KLAUS-DIETER KUNICK 23.06.2011, 19:59

Diesen Montag vergisst Inge Schnöke nie: Ihr Mann war auf Arbeit, die 65-Jährige hatte die Wohnung verlassen und wollte sich im Garten, der sich in der Naumburger Straße befindet, zu schaffen machen. Doch schon von weitem sah sie, dass die Gardine herunterhing. Irgendetwas stimmte nicht. Vorsichtig habe sie die Laube aufgeschlossen - und traute ihren Augen nicht. Nichts lag mehr an dem Platz, wo es sein sollte, überall befand sich Mörtel und Staub, die Gardinenstange war heruntergerissen und die Uhr von der Wand lag auf dem Boden.

"Da habe ich immer noch nicht gewusst, wer das angerichtet hat", erinnerte sich die Weißenfelserin. Doch als sie die Miniküche hervorrückte, blickten sie plötzlich zwei Augen an - ein Waschbär. "Ich bekam es richtig mit der Angst zu tun, aber wie." Panikartig verließ sie die Laube, verschloss diese und wollte Gartennachbarn verständigen. Unterwegs stürzte sie und verletzte sich am Arm. Doch wie es nun mal ist in solchen Situationen, niemand war zur Stelle. Nur einer konnte einen Tipp geben: Den Stadtjäger anrufen. "Dass sie mich gerufen haben, war vorbildlich", erklärte Armin Deubel, der berufener Jäger der Stadt Weißenfels ist.

Was sich im Garten der Familie Schnöke abspielte, ist kein Einzelfall. Täglich werde er vier bis fünfmal angerufen und um Hilfe gebeten. Allein im Juni musste Deubel zehn Waschbären zur Strecke bringen. "Es gibt keine andere Möglichkeit, als diese Tiere zu erlegen", sprach der Jagdpächter. Leider werden die Waschbären immer wieder durch unerfahrene Bürger angelockt. Sie stellen Katzenfutter vor die Tür, das natürlich auch den Waschbären schmeckt. Deubel: "Das ist falsch verstandene Tierliebe."

Er erzählte auch gleich noch ein anderes Beispiel. Im Haushalt eines Bäckermeisters schlossen ein junger Marder und eine Katze Tierfreundschaft. Da der Marder noch klein war, fand es die Familie lustig, wenn der Marder sich herumliegende Handschuhe schnappte und diese mit auf einen Baum nahm. Deubel hat dafür absolut kein Verständnis. Der Marder werde größer und fresse eines Tages die Kabel am Auto durch. "Wer findet das dann noch lustig?" In seinen Augen sei das Verhalten des Bäckermeisters unverantwortlich. Wer sich nicht zu helfen wisse, sollte getrost den nächsten Jäger anrufen, um sich Rat einzuholen. "Die Bürger brauchen unbedingt Rat, sie suchen nach einem Ansprechpartner in solchen Situationen", sagte Deubel weiter. Sei er nicht erreichbar, nehme auch das Ordnungsamt der Stadt Anrufe entgegen.

Dass das Erlegen der Waschbären irgendetwas mit Gefühlsduselei zu tun haben soll, kann Dietrich Kramer, Geschäftsführer des Landesjagdverbandes Sachsen-Anhalt, nicht verstehen. Die Bevölkerung sei zu dem Thema gespalten: Während einige die Waschbären füttern und für niedliche Tiere halten, sind andere vollkommen gegen sie. Aus gutem Grund: Sie fressen beispielsweise die Eier aus den Vogelnestern und richten hohen Schaden in Gärten an. Waschbären seien eine Ursache, dass beim Roten Milan, der unter strengem Naturschutz steht, kaum Nachwuchs da sei, weil die Waschbären sich die Eier aus dem Horst rauben. Ähnlich dramatisch sehe es bei vielen Singvögeln aus.

Außerdem übertragen Waschbären den gefährlichen Waschbärenspulwurm, der auf den Menschen übertragbar ist. "Und dann kommt mitunter das Argument, wir sollen die Waschbären im Heimatnaturgarten abgeben. Wie das gehen soll, ist mir ein Rätsel." Denn Kramer nannte Zahlen: Wurden vor 15 Jahren in Sachsen-Anhalt lediglich 67 Waschbären erlegt, stieg diese Zahl rasant an. 2009 waren es schon 6 563 und im vergangenen Jahr bereits 8 678 Waschbären, die zur Strecke gebracht werden mussten.

In Blankenburg im Harz seien es allein in diesem Jahr bisher 53 erlegte Tiere, so Kramer. "Die Waschbären-Plage ist nicht nur in Blankenburg ein Thema, sondern überall", erklärte der Vereinsvorsitzende Michael Ott von der Jägerschaft Zeitz. Im Jahre 2000 wurde im Raum Zeitz ein Waschbär erlegt, im vergangenen Jahr waren es immerhin schon 363, war von der unteren Jagd-, Fischerei- und Waffenbehörde in der Kreisverwaltung zu erfahren.

Ungeliebt sind Waschbären nicht allein wegen ihrer Räuberei, sondern auch deshalb, weil von ihnen Tollwutgefahr ausgeht. Zudem sind sie Träger des Fuchsbandwurms und können sie Parasiten auf Menschen übertragen. Das geschieht nach Auskunft von Deubel allerdings selten.