Tag der offenen Tür

Eine Zeitreise ins ehemalige Lichtspieltheater „Gloria“ in Weißenfels

Das ehemalige Weißenfelser Lichtspieltheater steht seit mehr als zwei Jahrzehnten leer. Jetzt wurden erstmals die Türen für die Bürger geöffnet.

Von Andreas Richter
Oberbürgermeister Robby Risch (3. v.re.) berichtet bei einem der Rundgänge im ehemaligen Kinosaal über die Geschichte des „Gloria“.
Oberbürgermeister Robby Risch (3. v.re.) berichtet bei einem der Rundgänge im ehemaligen Kinosaal über die Geschichte des „Gloria“. (Foto: Andreas Richter)

Weissenfels/MZ - Manchmal muss ein Oberbürgermeister ziemlich viel Ausdauer mitbringen. Wenn er zum Beispiel, so wie der Weißenfelser Robby Risch (parteilos), an zwei Wochenendtagen insgesamt 13 Mal dieselbe Runde dreht.

So geschehen am vergangenen Wochenende im ehemaligen Filmpalast „Gloria“ unweit der großen Saalebrücke. Weil wohl nur wenige Gebäude in der Stadt so im Bewusstsein vieler Weißenfelser verankert sind wie das frühere Kino, hatte die Stadt zu zwei Tagen der offenen Tür eingeladen. Immer zur vollen Stunde startete jeweils eine etwa zehnköpfige Gruppe unter Leitung des OB zu einer kleinen Zeitreise in das seit mehr als zwanzig Jahren leerstehende Gebäude - am Samstag zwischen 9 und 15 Uhr, am Sonntag zwischen 9 und 14 Uhr. Schon eine Woche vorher waren alle Termine ausgebucht.

„Das ist doch der Wahnsinn“

Am Samstagmittag haben sich auch Ina und Heiko Lamprecht, zwei gebürtige Weißenfelser, zusammen mit Sohn Philipp einem der Rundgänge angeschlossen. In den 1980er Jahren gehörten sie zu den vielen Besuchern des stadtbekannten Filmpalasts. Nun kehren sie zurück. „Nach so vielen Jahren wieder hier zu sein. Das ist doch der Wahnsinn“, sagt Ina Lamprecht und betrachtet im Innern, was vom einst so beliebten Haus mit bis zu 1.200 Sitzplätzen übrig geblieben ist.

Es gibt viel zu tun im ehemaligen Lichtspieltheater in der Merseburger Straße. Der Verfall ist  an vielen Stellen unübersehbar.
Es gibt viel zu tun im ehemaligen Lichtspieltheater in der Merseburger Straße. Der Verfall ist an vielen Stellen unübersehbar.
(Foto: Andreas Richter)

Gleich hinter dem Eingang erinnern Bilder an einst hier Beschäftigte, auf der anderen Seite hinter Glas eine Einladung zur „99-Pfennig-Party“ aus dem Jahr 1997 - aus jener Zeit, da das Haus eine Diskothek beherbergte. Im ehemaligen Kinosaal erinnert OB Risch unter anderem daran, dass vor kurzem zahlreiche ehrenamtliche Helfer dafür gesorgt hatten, dass der große Raum überhaupt gefahrlos begehbar wurde. Acht Container Sperrmüll und zwei Container Bauschutt wurden entsorgt.

Film aus der Bauzeit des Hauses

Auf dem Weg zum geräumten Kinosaal sehen und spüren die Besucher den allgegenwärtigen Verfall. Nicht nur wegen der reichlich vorhandenen Spinnweben versprüht das Haus einen morbiden Charme. Risch berichtet über die wechselvolle Geschichte des in den 1920er Jahren entstandenen Gebäudes. Eine interessante Begebenheit am Rande dieses Tages: Eine Weißenfelserin besitzt offenbar noch einen Film aus der Bauzeit des Hauses. Sie sei bereit, den Film der Stadt zu übergeben, der dann digitalisiert werden könnte, so Risch.

Am Eingang hinter Glas bis heute erhalten: Eine Einladung zur „99-Pfennig-Party“ aus dem Jahr 1997 und Werbung für eine  Tour der Band „Pankow“.
Am Eingang hinter Glas bis heute erhalten: Eine Einladung zur „99-Pfennig-Party“ aus dem Jahr 1997 und Werbung für eine Tour der Band „Pankow“.
(Foto: Andreas Richter)

Auf ihrer Reise in die Vergangenheit kommen die Besucher an den einstigen Logen des Kinos vorbei. „Hier habe ich auch mal gesessen“, weiß Ina Lamprecht. Auf dem Rang erfahren die Besucher einiges über die Anstrengungen der Stadt, den markanten Bau zu neuem Leben zu erwecken. Zu welchem Leben, diese Frage will die Stadt gemeinsam mit ihren Bürgern beantworten. Deshalb soll am 15. und 16. September im Kulturhaus eine Ideenwerkstatt zur künftigen Nutzung des „Gloria“ stattfinden. Schon jetzt gibt es zahlreiche Vorstellungen - von der eher unwahrscheinlichen Wiederbelebung als Kino über die Nutzung als Kultur- und Veranstaltungszentrum bis hin zur Errichtung einer Kletterhalle.

Dabei dürfte die alles entscheidende Frage einer wirtschaftlich sinnvollen Nutzung dieses riesigen Baus schwierig zu beantworten sein. Als Standort für eine moderne Bibliothek sei das Haus zu klein, sagt der Oberbürgermeister beim Rundgang schon mal und beruft sich auf eine dazu vorliegende Studie. Und so dürften an diesem Wochenende noch ein paar Weißenfelser mehr zu der Erkenntnis gelangt sein: Für die Wiederauferstehung des „Gloria“ wird nicht nur der OB viel Ausdauer mitbringen müssen.