Burgenlandkreis

Burgenlandkreis: Wie der Hamster im Rad

WEISSENFELS/MZ. - John Leyseck hat schwarze Schmierflecken im Gesicht. Außerdem trägt der 19-Jährige einen blauen Mechanikeranzug. So verbringt er derzeit praktisch jede freie Minute in der Werkstatt der Firma Guhratec in Weißenfels. John Leyseck ist Artist und gehört zum Zirkus Rolandos. Für ihn entsteht in dem Weißenfelser Unternehmen ein gewaltiges "Todesrad". Das ist eine Stahlkonstruktion, die an ihrer Achse aufgehängt ist. Diese dreht sich um sich selbst. An den Enden befinden sich zwei Laufflächen, ähnlich wie ...

Von ANDREA HAMANN 21.11.2011, 18:38

John Leyseck hat schwarze Schmierflecken im Gesicht. Außerdem trägt der 19-Jährige einen blauen Mechanikeranzug. So verbringt er derzeit praktisch jede freie Minute in der Werkstatt der Firma Guhratec in Weißenfels. John Leyseck ist Artist und gehört zum Zirkus Rolandos. Für ihn entsteht in dem Weißenfelser Unternehmen ein gewaltiges "Todesrad". Das ist eine Stahlkonstruktion, die an ihrer Achse aufgehängt ist. Diese dreht sich um sich selbst. An den Enden befinden sich zwei Laufflächen, ähnlich wie Hamsterräder.

Eine gewisse Vorstellung davon, wie das Rad im fertigen Zustand aussehen wird, hat er bereits. Ein kleines Modell, Maßstab 1:20, steht auf dem Tisch des Firmenchefs Karsten Guhra. Das hat John Leyseck nach seinen Vorstellungen in seiner kargen Freizeit gebaut.

Den Wunsch nach einem "Todesrad" trug er schon länger mit sich herum. Endgültig "Klick" machte es bei ihm während des Weihnachtszirkus in Gelsenkirchen. "Dort hatten Artisten ein solches Rad. Ich durfte hineinsteigen und da war es um mich geschehen", sagt er. Die größte Hürde war aber nicht der Bau, sondern seine Mutter, gibt er schmunzelnd zu. Obwohl selbst erfahrene Artistin, wollte sie ihren Sohn nicht auf und in einem solchen Rad sehen. Kein Wunder: der junge Mann kann sich auf dem sich im Kreis drehenden Rad nicht absichern. Außerdem gibt es auf und in den "Käfigen" nur einen Punkt, auf dem er laufen kann, um im Gleichgewicht zu bleiben. Es ist ein riskantes Kunststück. Schließlich siegte das Artistenblut und sie stimmte zu.

Nun musste ein geeignetes Unternehmen gefunden werden. Das war für Leysecks nicht schwer. Sie sind mit Karsten Guhra befreundet und wissen. Guhra kann Motoren selbst bauen, ist erfahren bei Fahrzeugen mit Sondertechnik, wie beispielsweise Krankenwagen oder Feuerwehrautos. Und er liebt die Herausforderung. Das muss er auch: Es gibt nur wenige Todesräder und jedes Modell ist ein Einzelstück. "Über die Kosten halten sich alle bedeckt. Auf jeden Fall kostet es eine Menge Nerven", gibt Guhra immerhin zu. Er ist beeindruckt vom Engagement des jungen Artisten. "Er baut und schweißt und schaut zu, wo er kann", lobt er.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Zuhause in Herzberg werden seine Tiere zurzeit deshalb von seiner Familie versorgt. Wenn Luft ist, fährt John Leyseck dorthin. Außerdem übt er, damit er seine eigenen Aufführungen nicht verlernt. Außerdem muss er sich mit seinen Tieren beschäftigen, damit auch die ihre Kunststücke nicht verlernen. Darüber hinaus schaut er sich im Internet die Choreographien seiner Kollegen an. "Davon lasse ich mich inspirieren und erstelle meine eigene Nummer", erklärt John Leyseck. Etwa 300 Videos habe er sich schon angesehen, gibt er schmunzelnd zu.

Er weiß, worauf es in seinem Beruf ankommt. Schließlich steht er seit seinem zehnten Lebensjahr auf der Bühne. Lange hält er es aber nicht zu Hause aus. So ist er bald wieder in der Weißenfelser Werkstatt anzutreffen. Das Todesrad lässt ihn nicht mehr los. Die Fachleute haben übrigens aus gutem Grund Stahl als Material für das variable Modell, welches in einer Höhe von fünf bis 8,40 Metern aufgebaut werden kann, gewählt. "Baustahl ist gut zu verarbeiten", sagt Karsten Guhra. Plötzlich herrscht Unruhe in der Werkstatt. Die Seitenstreben für die Käfige sind angeliefert worden. Sie kommen gerade aus Bitterfeld, wo sie mit einer speziellen Computertechnik kreisförmig gebogen wurden. John Leyseck betritt einen der Kreise und macht plötzliche eine für Laien komische Bewegung. "Passt", sagt er und freut sich. Soeben hat er theoretisch ausprobiert, ob er später in dem Käfig einen Salto ausführen kann. "Es gibt keine Zeichnung, keine Norm, nur die Hoffnung auf den Erfolg und den Respekt vor dem Bauwerk", erklärt Karsten Guhra.

In Deutschland sind es nur schätzungsweise drei Zirkusse, die mit einem solchen Rad aufwarten. Mit John Leyseck und dem Zirkus Rolandos könnte sich ein viertes Unternehmen dieser Art etablieren. Es gilt für die Fachleute, bis zum Januar konzentriert zu arbeiten. Dann soll das Rad fertig sein. Noch in der Weißenfelser Werkstatt wird der junge Mann seine Premiere feiern. Vor den Mitarbeitern wird er einsteigen und schauen, ob die Statik stimmt und sich die Monate lange Arbeit gelohnt hat. Später wird er intensiv an seinen ersten Übungen arbeiten. Anschließend kommen Kostüme und Showeffekte hinzu. Dann wird John Leyseck die Zuschauer in der Manege auf dem 500 Kilogramm schweren Gerüst faszinieren.