Barrierefreie Haltestellen

Barrierefreie Haltestellen: Unhaltbare Zustände in Weißenfels

Weißenfels - Von den rund 150 Bushaltestellen im Raum Weißenfels sind gerade einmal 20 barrierefrei hergerichtet. Aber bis Ende 2021 müssen alle anderen fertig sein.

Von Klaus-Dieter Kunick 01.03.2017, 06:00

Die Weißenfelser Stadtverwaltung steht vor einer Herkulesaufgabe: Bis zum 1. Januar 2022 müssen alle Haltestellen im Öffentlichen Personennahverkehr barrierefrei ausgebaut sein. Das sieht das Personenbeförderungsgesetz vor. Das ist eine Herausforderung, die, ohne den Teufel an die Wand malen zu wollen, höchstwahrscheinlich nicht zu schaffen ist.

Der Grund: Von den rund 150 Bushaltestellen im Raum Weißenfels sind gerade einmal 20 barrierefrei ausgebaut worden. „Es steht uns also ein gutes Stück Arbeit bevor, weshalb die Umsetzung nur schrittweise Jahr für Jahr erfolgen kann“, sagt Pressesprecherin Katharina Vokoun von der Stadtverwaltung. Dass dringender Handlungsbedarf besteht, kann Jens Robrahn, der einen Rollator nutzt, bestätigen. Er fährt täglich mit dem Bus und muss die Unzulänglichkeiten hinnehmen. Ob er will oder nicht.

Behindertenbeirat der Stadt Weißenfels unternimmt zweistündige Tour mit dem Bus

Um das zu verdeutlichen, wie es um die Haltestellen tatsächlich steht, unternahm der Behindertenbeirat der Stadt Weißenfels eine knapp zweistündige Tour mit dem Bus. In Sachen Barrierefreiheit sah es am Busbahnhof gut aus. Dort hatten Jens Robrahn, Dagmar Busch, sie ist sehbehindert, sowie Almut Lorbeer und die anderen Mitglieder des Beirates nichts zu kritisieren. Doch das änderte sich alsbald.

Eine der schlimmsten Haltestellen ist die am Krankenhaus. Wer dort aussteigt, kann beispielsweise über einen Baumstumpf fallen. Von Leitlinien für Sehschwache ganz zu schweigen. „Wegen dieser Unzulänglichkeiten werden immer wieder Klagen an uns gerichtet“, berichtet Dagmar Busch. Die Haltestelle stelle nicht nur für Sehschwache ein Problem dar, „hier kann auch jeder andere schnell stürzen“, ergänzt sie.

Barrierefreiheit in Weißenfels: Ein Leitsystem für Sehschwache fehlt

An vielen Haltestellen kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu: Radwege führen zu dicht an den Haltestellen vorbei, so dass Fahrgäste und Radfahrer kollidieren können. Nächster Stopp: Burgwerbener Straße. „2016 wurde hier Hand angelegt“, berichtet Mike Arning, Leiter der örtlichen Straßenverkehrsbehörde. „Alles in Ordnung“, bestätigt Dagmar Busch.

In der Geibelstraße ist das schon längst nicht mehr der Fall. Das Leitsystem für Sehschwache müsste bis zu einer Sitzbank durchgezogen werden. Ist es aber nicht. Hinzu kommt, dass das Wartehäuschen für Rollstuhlfahrer viel zu klein ist - sie müssten im Notfall im Regen stehen. Was an den meisten Haltestellen ebenfalls kritikwürdig ist: die Fahrgäste können nicht ebenerdig in den Bus einsteigen. „Das sollte aber überall der Fall sein“, erklärt der Weißenfelser Betriebsstellenleiter der PVG, Uwe Schröter, der ebenfalls die Tour mitfuhr.

Barrierefreiheit in Weißenfels: Am Südring ist ebenfalls nicht alles zum Besten bestellt

Am Südring ist ebenfalls nicht alles zum Besten bestellt, darauf macht Almut Lorbeer aufmerksam. Beim Einschwenken in die Wendeschleife streift der Bus den Bürgersteig. Farbspuren belegen das. „Hier besteht eine Gefahr für Fahrgäste“, sagt die Seniorin. „Heute ist der Busfahrer vorsichtig gefahren“, sagt Jens Robrahn. Busfahrer Holger Brendel bestätigt: „Wenn man vorsichtig in die Wendeschleife einfährt, streift der Bus den Bürgersteig nicht.“

Jens Robrahn erwidert zudem, dass etliche Fahrer nicht dicht genug an die Haltestellen heranfahren. „Es ist schwierig für mich, den Bus zu nutzen“, ergänzt er. „Es bleibt ein langer Weg, um alles so herzurichten, wie es sein müsste“, erklärt Sandy Scheunpflug, sie ist Vorsitzende des Weißenfelser Behindertenbeirates, am Ende der Bustour.

Von 2017 bis 2020 sind in Weißenfels jedes Jahr für Barrierefreiheit rund 300.000 Euro eingeplant

Dass es mit der Barrierefreiheit dennoch vorwärtsgeht, kann die Stadt belegen: Von 2017 bis 2020 sind jedes Jahr dafür rund 300.000 Euro eingeplant. Zunächst sollen die Bushaltestellen in der Kernstadt ausgebaut werden. „In den Ortsteilen sind erst ab 2019 Mittel im Haushaltsplan vorgesehen“, so Katharina Vokoun.

Da sich der Zustand der Haltestellen in den Ortschaften unterscheide, seien demzufolge die finanziellen Mittel unterschiedlich. Doch die Pressesprecherin weist zugleich auf Schwierigkeiten hin: Im November 2016 hat der Stadtrat den Stellenplan der Stadt Weißenfels zwar beschlossen, in dem auch eine Personalstelle für den Tiefbau bestätigt wurde.

Aufgaben eines neuen Mitarbeiters werden Planung, Organisation und Begleitung bei der Umsetzung des barrierefreien Ausbaus der Bushaltestellen in Weißenfels

Eine Aufgabe des neuen Mitarbeiters wird die Planung, Organisation und die Begleitung bei der Umsetzung des barrierefreien Ausbaus der Bushaltestellen sein. „Leider verzögert sich die Personalie, der Haushalt ist noch nicht bestätigt“, sagt Katharina Vokoun. Das heißt: Es geht derzeit weder bei der Besetzung der Personalstelle, noch bei den Bauvorhaben, Bushaltestellen barrierefrei zu machen, voran. Erst mit dem beschlossenen Haushalt könnten die Aufgaben angegangen werden.

Ist das der Fall, kann losgelegt werden. Vor den Verantwortlichen steht jede Menge Arbeit. An den besagten Bushaltestellen müssen Sonderbordsteine angebracht werden, die auf gleicher Höhe wie der Buseinstieg liegen. Auch spezielle Noppen- und Rillenplatten für das Blindenleitsystem im Umfeld der Bushaltestelle werden verlegt.

Für den barrierefreien Ausbau der Bushaltestellen muss die Stadt Weißenfels Angebote einholen und die Bewerber vergleichen

Bei der Sanierung sei darauf zu achten, dass keine Elektrokabel oder sonstige Leitungen beschädigt werden. Für den barrierefreien Ausbau der Bushaltestellen muss die Stadt Weißenfels Angebote einholen und die Bewerber vergleichen. Die Stadt rechnet damit, dass der Ausbau einer einfachen Bushaltestelle zwischen 5.000 und 10.000 Euro kosten wird.

Hierbei geht es nur um Standard-Bushaltestellen und Bushaltestellen mit beengtem Platzangebot. Deren Ausbau erfolgt mit Noppen-Haltestellenborde, Kontraststreifen, Einstiegsfeld und Leitstreifen, aber ohne Anbindung zum Wartehäuschen und ohne Fußgängerquerung. Viele Bushaltestellen sind teilweise schon mit barrierefreien Elementen ausgebaut worden, müssen jedoch in unterschiedlichem Umfang ergänzt werden.

Stadtrat Weißenfels beschloss im Oktober 2016 eine einheitliche barrierefreie Gestaltung des Straßennetzes

Es gibt vor allem in der Kernstadt einige Bushaltestellen, die im Zuge des grundhaften Straßenausbaus gleich mit saniert und barrierefrei ausgebaut werden. Dazu die Pressesprecherin: „In diesem Jahr wird dies zum Beispiel in der Saalstraße geschehen. Die Bushaltestelle vor der Post ist aktuell noch nicht barrierefrei.“ Weitere noch nicht barrierefreie Bushaltestellen gibt es zum Beispiel in der Selauer Straße. Es dürfte finanziell und personell einer Herausforderung gleichkommen, die Bushaltestellen barrierefrei herzurichten. Daran zweifelt Mike Arning nicht eine Minute.

Und das, obwohl der Stadtrat gedanklich vorgelegt hat: Der beschloss im Oktober 2016 eine einheitliche barrierefreie Gestaltung des Straßennetzes. Dabei berief er sich auf Musterskizzen, die von der örtlichen Straßenverkehrsbehörde in Zusammenarbeit mit dem Behinderten- und Seniorenbeirat und der Behindertenbeauftragten des Burgenlandkreises erarbeitet wurden. (mz)