450 Schrottimmobilien

450 Schrottimmobilien: Weißenfels will vernachlässigtes Eigentum notsichern

Weissenfels - Neue Bänke, frisches Grün - und dahinter zerfällt ein Haus vor den Augen der Weißenfelser. Ein Szenario, das die Stadt am Markt 19/20 unbedingt vermeiden will. Deshalb werden in den nächsten Tagen Notsicherungsmaßnahmen auf der Seite zum neuen Markt hin ...

Von Andreas Richter 30.04.2019, 05:00

Neue Bänke, frisches Grün - und dahinter zerfällt ein Haus vor den Augen der Weißenfelser. Ein Szenario, das die Stadt am Markt 19/20 unbedingt vermeiden will. Deshalb werden in den nächsten Tagen Notsicherungsmaßnahmen auf der Seite zum neuen Markt hin beginnen.

Vernachlässigtes Eigentum

Seit 2003 steht das Gebäude, in dem es nach der Wende mal eine Pizzeria gab, leer. Heute kann es exemplarisch für jenen schweren Ballast stehen, den die Stadt nach wie vor mit sich herumschleppt: die Schrottimmobilien privater Eigentümer. Jahrelang habe die Stadt vergeblich versucht, Kontakt zum vermutlich im Ausland lebenden Eigentümer aufzunehmen, berichtet Heidi Eichardt. Um den kompletten Verfall des Gebäudes am neuen Markt zu verhindern, geht die Kommune nun in die sogenannte Ersatzvornahme, wird das Gebäude also selbst zumindest notsichern.

Seit gut zwei Jahren ist Heidi Eichardt die Fachfrau für Schrott-Häuser in der Stadt. Seinerzeit wurde die 30-jährige Diplomverwaltungswirtin extra für diese Aufgabe in die Stadtverwaltung geholt, für eine Herkulesaufgabe. Immerhin gibt es in der Stadt noch immer rund 450 Schrottimmobilien, also Häuser, die mehr oder weniger verfallen. Dabei ist oft schon die Ermittlung des Eigentümers ein zäher Kampf. „Manchmal wechseln Gebäude drei Mal im Jahr den Eigentümer“, berichtet Manuela Meißner, die Leiterin der unteren Bauaufsichtsbehörde bei der Stadt.

Sie verfallen vor den Augen der Weißenfelser, die Schrottimmobilien der Stadt. Da sind Forderungen nach konsequenterem Handeln der öffentlichen Hand auf jeden Fall berechtigt und treffen den Nerv der Bürger. Immerhin sind die Häuser das Gesicht ihrer Stadt. Das Problem: Die oft verzwickten Verhältnisse hinter der Fassade bleiben zumeist verborgen. Man sieht einem Schrott-Haus eben nicht an, dass sein Eigentümer irgendwo im Ausland sitzt und kaum zu erreichen ist.

Deshalb ist die Stadt auf dem richtigen Weg - wenn sie den Bereich in der Verwaltung personell verstärkt und wenn der Rat Geld für dringende Gefahrenabwehr freigibt. Anders wird der zähe Kampf gegen die Schrottimmobilien nicht zu gewinnen sein.

andreas.richter@dumont.de

Bauantrag für die Sanierung eines Hauses

Es komme nicht selten vor, dass Häuser weiterverkauft werden, sobald jemand merkt, dass die Behörde aktiv wird. Oft hängt an angeblichen Adressen irgendwo in Deutschland nur ein Briefkasten. „Verfahren ziehen sich nicht selten über Monate und Jahre hin. Da braucht es einen langen Atem“, weiß Heidi Eichardt. Bis zu hundert verschiedene Vorgänge hat die junge Frau da parallel auf dem Tisch. Aktuelle Problem-Adressen fallen ihr sofort ein: die Jüdenstraße 19 etwa, die Merseburger Straße 20 oder die Schillerstraße 13.

Doch entmutigen lässt sich Heidi Eichardt keineswegs. Immerhin hat sie in den vergangenen beiden Jahren auch schon einiges erreicht. Aktuelles Beispiel ist die Langendorfer Straße 25, ein markantes Gebäude genau am Abzweig zum Heimatnaturgarten. Nach mehrfacher Aufforderung haben jetzt die Eigentümer, ein Architektenehepaar aus Halle, reagiert und einen Bauantrag für die Sanierung des Hauses gestellt.

In der selben Straße hat die Hartnäckigkeit der Behörde mittlerweile Wirkung gezeigt: Das verfallene Haus Langendorfer Straße 88-90 ist verschwunden. Nachdem die Kommune dem Eigentümer ein Zwangsgeld angedroht hatte, hat selbiger das Gebäude selbst abreißen lassen. Oder die Große Burgstraße 3 und 5. Nach dem Drängen der Stadt hat der Eigentümer jetzt zumindest wucherndes Grün entfernt und will das Grundstück nun weiter verkaufen.

Kommune muss oft die Sache selbst in die Hand nehmen

So wie am Markt 19/20 muss die Kommune allerdings oft auch selbst die Sache in die Hand nehmen. Aktuelles Beispiel: die Novalisstraße 32. Von der Schrottimmobilie gegenüber der Neustadtschule ging seit langem Gefahr für Anwohner und Passanten aus. Mittlerweile ist das Gebäude gesichert. Kostenpunkt: 23.000 Euro. Weitere 25.000 Euro hat der Abriss des Nebengebäudes gekostet. Der Eigentümer, der auf eine Verfügung zur Sicherung des Gebäudes nicht reagiert hat, erhält nun eine Rechnung.

Ob die Stadt allerdings je einen Cent sieht, steht in den Sternen. Da ist die Kommune froh, dass der Weißenfelser Stadtrat im Haushalt jedes Jahr 300.000 Euro für Maßnahmen der Gefahrenabwehr lockermacht. Geld, das die Stadt im zähen Kampf mit ihren Schrott-Häusern wohl noch lange gut gebrauchen kann. (mz)