„Oma Leni“ gehörte zum Inventar

24-Stunden-Schwimmen in Querfurt: Eintauchen in der Nacht

Ein nächtlicher Selbstversuch bei der Traditionsveranstaltung im Stadtbad und eine emotionale Ehrung für eine verstorbene Querfurterin.

Von Robert Briest
Diana Schneider vom Jugendrotkreuz übernahm die Nachtschicht ab 1.30 Uhr.
Diana Schneider vom Jugendrotkreuz übernahm die Nachtschicht ab 1.30 Uhr. (Foto: Robert Briest)

Querfurt/MZ - Die kühle Nachtluft streift über den blanken Oberkörper, als ich kurz vor 0.30 Uhr aus der schmalen Umkleide trete. Vor mir glänzt das Stadtbad im Fluchtlicht. Beim Fußballfan in mir werden Stadionassoziationen geweckt. Ich verspüre das Kribbel, das die besondere Atmosphäre von Abendspielen auslöst. Die kalte Dusche am Beckenrand beendet jäh den verträumten Gedankengang. Für die nächsten 15 Minuten soll ich nicht Zuschauer, sondern Akteur sein. Eine Schicht beim Querfurter 24-Stunden-Schwimmen übernehmen. Eine Nachtschicht.

Das Bad ist fast leer. Nur die Jugendlichen von Jugendrotkreuz und Wasserwacht halten im Kampfgericht noch die Stellung. Sie übernehmen später auch die noch unchristlicheren Nachtzeiten im Becken. Es gehe darum, dass den ganzen Tag über ein Schwimmer unterwegs ist, erklärt Badchef Olaf Tobisch, der wie sein Kollege natürlich ebenfalls noch vor Ort ist, die simple Regel. An der habe sich seit dem ersten Schwimmen 1996 nichts geändert, berichtet er stolz. Seither sei auch kein Jahr pausiert worden. Es geht dabei nicht um Rekorde, erläutert Tobisch: „Es geht darum, dass so viele aus der Bevölkerung mitmachen wie möglich, vom Fünfjährigen, der gerade schwimmen gelernt hat, bis möglichst zum 100-Jährigen. Es ist ein Bekenntnis zum Stadtbad.“

Slot ab 0.30 Uhr zugeteilt

Interessierte können im Vorfeld ein Zeitfenster buchen, als Einzelperson, aber auch als Vereine. „Die können dann in der Zeit, so viele Leute ins Wasser schicken, wie sie wollen“, erklärt der Schwimmmeister, der deshalb vorher nicht weiß, wie viele Teilnehmer es am Ende werden.

Freunde und Familie schwammen zu Ehren von Helene  Stracke.
Freunde und Familie schwammen zu Ehren von Helene Stracke.
(Foto: Katrin Sieler)

Mir hat er den Slot ab 0.30 Uhr zugeteilt. 15 Minuten Bahnen ziehen. Die Teilnehmerin vor mir hört pünktlich auf. Ich tauche ein in das angeblich 22 Grad warme Wasser, das sich bei aufkommender Müdigkeit doch kälter anfühlt. Mein Körper braucht etwas, bis er versteht, dass er sich jetzt tatsächlich noch einmal zum Sport aufraffen soll. Dann geht es vorwärts. Vier Armzüge, einatmen, vier Armzüge. Wenden und zurück. Beim Atmen sehe ich das Schwarz der Nacht über mir, ansonsten den Boden der Edelstahlwanne, die unter mir im Flutlicht glitzert.

Vermutlich war der Lichteffekt vor zehneinhalb Stunden noch stärker, als der diesjährige Startschwimmer Lutz Heimann auf die Reise ging. Der Chef des Basedow-Klinikums hat eine Vergangenheit im Wasser, holte Weltmeistertitel als Rettungsschwimmer. Jetzt ist er Tobischs Einladung gefolgt, dass 24-Stunden-Schwimmen zu eröffnen. „Es ist natürlich eine Ehre und eine Verpflichtung über meine Position das Klinikum sichtbar zu machen“, sagt Heimann dazu.

„Oma Leni“ gehörte zum Inventar

Dreieinhalb Stunden nach ihm erlebt die diesjährige Auflage des Schwimmens ihren emotionalen Höhepunkt. Im Januar war die langjährige Dauerschwimmerin Helene Stracke an Covid-19 gestorben. „Damals konnten wir keine Trauerfeier machen“, erklärt ihr Sohn Roberto. Die hat die Familie am Samstagnachmittag nachgeholt und ist danach in T-Shirts mit den Konterfei der Verstorbenen ins Stadtbad gekommen, dorthin, wo „Oma Leni“ zum Inventar gehörte, wie Tobisch sagt. „Sie ist hier jeden Morgen 300 bis 500 Meter geschwommen. In den vergangenen Jahren war sie immer die älteste Starterin beim 24-Stunden-Schwimmen.“

Diesmal hat ihre Familie ein Zeitfenster von 75 Minuten gebucht, um nacheinander zu Ehren der engagierten Querfurterin zu schwimmen, die etwa das Wandbild an der Freibadmauer initiiert hat. Den Anfang macht ihre Freundin Edda Boris, mit 80 Jahren die älteste Teilnehmerin 2021. Sie ist extra aus Magdeburg angereist. „Es ist mir eine Ehre hier anstelle von Helene zu schwimmen“, sagt die Seniorin.

Emotionale Worte, an die ich denke muss, während ich mich Armzug um Armzug durch das Becken bewege. Kein Geräusch höre außer dem Plätschern des Wassers und lerne das Querfurter Viertelstunden länger sind als anderswo. Die Oberarme brennen schon, als am Beckenrand die Ablösung wartet. Die Uhr zeigt fünf vor eins. Mit schweren Beinen klettere ich aus dem Wasser in die nun gefühlt kalte Nacht hinaus. Abtrocknen. Anziehen. Bis 14 Uhr folgen noch zahlreiche weitere Schwimmer. 204 sind es am Ende, die knapp 45 Kilometer geschwommen sind, wie Tobisch sagt, der auch die 26. Auflage des 24-Stunden-Schwimmens als Erfolg verbuchen kann.