Extrem-Tour

Extrem-Tour: 67-Jährige radelt vom Brocken nach Peking

Schierke - Manchmal wird das Leben ganz einfach. Dann schrumpft der digitalisierte, globale, immer gehetzte Alltag auf wenige Dimensionen zusammen. „Morgens hatte ich die Sonne im Gesicht, mittags auf dem rechten Arm, und wenn mich mein Schatten überholte, musste ich mir schnell ein Nachtlager suchen“, beschreibt Roswitha Söchtig ihre Reise. Wo führt das hin? Na klar, nach Osten, nach Osten und immer weiter nach Osten. Ziel: ...

Von ingo kugenbuch

Manchmal wird das Leben ganz einfach. Dann schrumpft der digitalisierte, globale, immer gehetzte Alltag auf wenige Dimensionen zusammen. „Morgens hatte ich die Sonne im Gesicht, mittags auf dem rechten Arm, und wenn mich mein Schatten überholte, musste ich mir schnell ein Nachtlager suchen“, beschreibt Roswitha Söchtig ihre Reise. Wo führt das hin? Na klar, nach Osten, nach Osten und immer weiter nach Osten. Ziel: Peking.

Am 1. April 2011 startet Roswitha Söchtig auf dem Brocken. „Er ist der Deutscheste der Deutschen“, schreibt sie in ihrem Buch zu der Abenteuerreise. „Gäbe es den Brocken nicht, man müsste ihn erfinden; denn er ist der Berg der Berge in einer wunderschönen Umgebung.“ Die Braunschweigerin, die da bereits Mitte 60 ist, kann es beurteilen. Als passionierte Bergsteigerin hat sie alle Ortler-Gipfel im Vinschgau bestiegen.

Mit dem Segen von Brocken-Benno tritt Roswitha Söchtig in die Pedale, wuchtet ihr 11,6 Kilo schweres 2 500-Euro-Trekkingrad mit 28 Kilogramm Gepäck an Bord in Richtung Osten. Was braucht man - neben Kreditkarte, Visa und Pass - auf einer 14 000 Kilometer langen Reise? Zunächst einmal ein robustes Fahrrad mit Rennlenker und Kettenschaltung. 120 Papierunterhosen („So konnte ich jeden Tag wechseln“), vier T-Shirts (für jeden Monat eins), vier Leggings, Socken, Regenjacke, Medikamente, Biwaksack, Werkzeug und „jede Menge Schläuche und Mäntel“. Mit einer Pumpenzange aus ihrem Gepäck hat Roswitha Söchtig im kasachischen Baikonur die Toilette in ihrer Unterkunft repariert. Chapeau!

Karfreitag in Kiew

Es geht zunächst nach Magdeburg, Berlin und Frankfurt an der Oder. Am 6. April die Grenze zu Polen. Sie ahnt nicht, welche Ablehnung ihr in diesem Land entgegenschlagen wird. Als sie Polizisten nach dem Weg fragt, antworten die: „Es ist nicht unsere Aufgabe, Ihnen darauf zu antworten.“ Viele Polen seien unfreundlich gewesen, hätten sie als „Nazi“ beschimpft. Sie hat dagegen ein Patentrezept: „,Du altes Arschloch‘ und dazu der gestreckte Mittelfinger - das versteht jeder Mensch auf der ganzen Welt“, sagt Roswitha Söchtig und grinst unter ihrem roten Hut hervor. Den - oder ihren roten Helm - trägt sie seit den 1960er Jahren immer und überall.

Trotz Sandsturm, Beinahe-Unfall und Kälte in Polen - am 17. April landet Roswitha Söchtig an der ukrainischen Grenze. Ein junger Grenzsoldat sagt zu ihr auf Englisch: „Du bist mein Held. Ich werde dich niemals vergessen.“ Die Straßen in der Ukraine sind gut, die Menschen freundlich. Roswitha Söchtig kommt schnell voran. Karfreitag ist sie in Kiew. Obwohl es noch April ist, findet dort der „Tanz in den Mai“ statt - ein großes Spektakel, bei dem Schülerinnen aus dem ganzen Land tanzen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Roswitha Söchtig noch erlebte.

Am 30. April bei Dnepropetrovsk dann der Super-Gau. „Plötzlich kam aus der Straße ein grünes Fahrzeug geschossen, genau in mich hinein, vom Vorderrad bis zum Hinterrad.“ Sie kann noch ihr Bein wegziehen - und fliegt dann gegen die Motorhaube und in weitem Bogen auf die Straße. Im Krankenhaus wird sie geröntgt - der Arzt findet nichts Ernsthaftes. Unter Schmerzen fährt sie zunächst weiter, bis Donezk. Dann hält sie es nicht mehr aus - und fliegt zurück nach Deutschland. Es stellt sich heraus: Ein Lendenwirbel und der kleine Zeh sind gebrochen.

Erste Radtour nach China 2008

Spätestens hier fragt man sich: Warum macht sie das? „Ich möchte zeigen, dass man als Frau überall hinreisen kann und von jedermann Hilfe kriegt“, sagt Roswitha Söchtig. „Ich kann es jedem empfehlen. Wenn man erst mal auf dem Sofa sitzt und ,Rote Rosen‘ schaut, dann sind sie schon verblüht, und mit dem ,Sturm der Liebe‘ klappt das dann auch nicht mehr.“

Durch ihre erste Radtour nach China zu den Olympischen Spielen 2008 hat Roswitha Söchtig allerdings auch ihren Job als Lehrerin verloren. Ihr Schulleiter in Remlingen im Landkreis Wolfenbüttel habe ihr die Reise nicht gegönnt. „Da habe ich das Handtuch geworfen“, sagt sie. Die Fahrt - damals nahm sie die Strecke südlich des Schwarzen Meeres - wurde für sie zum „Highlight meines Lebens“. Vom Brocken nach Peking dagegen „war die Härte“, sagt sie. „In Russland hüpft man von Schlagloch zu Schlagloch, und in Kasachstan bin ich bis zum Knöchel im Sand eingesunken.“

Aber da musste sie erst wieder hinkommen. Nach ihrer Gesundung in Deutschland und endlosen Streitigkeiten mit den Versicherungen fliegt Roswitha Söchtig im Mai 2013 zurück nach Donezk. Tagebucheintrag aus Russland: „Die vielen kleinen Erhebungen kosteten Kraft; insgesamt musste ich ja 100 Kilogramm fortbewegen - mich, mein Fahrrad und mein Gepäck. Dazu die Autos, die an mir vorbeirasten. Meine Schreie ,Arschloch‘ verhallten im Nichts.“ Die Essens-Portionen in Russland sind klein, der Streichkäse teuer, sie steigt auf Kaviar um.

In Wolgograd übernachtet Roswitha Söchtig im Hotel „Stalingrad“ (das gibt es tatsächlich). Wenn sie nichts zu essen findet, kauft sie Chips und Tomatensaft oder Chips und Bier. Fahrradfahrer-Standard-Menue. Irgendwo holt sie sich Flöhe, und die Straßen sind mies. Am Wegesrand spricht sie ein Autofahrer an, will sie mitnehmen. „Dieser Mann war nicht sauber, hatte sichtlich Dreck am Stecken“, sagt Roswitha Söchtig. Sie glaubt, es war der Mörder, der bei Rostow mehr als 30 Frauen getötet hat.

Kasachstan - das ist dann Hitze, Durst und Steppe. Und schlechte Straßen. Manchmal schenken ihr Menschen Flaschen mit Eiswasser. In Atyrau verdirbt sie sich mit Pilzen den Magen. Himbeergeist, schwarzer Tee und Weißbrot bringen sie wieder auf die Beine. Ein Stück fährt sie in Kasachstan mit dem Bus. Mitte Juli erreicht Roswitha Söchtig dann die chinesische Grenze. Durch die Taklamakan, die Wüste des Todes, traut sie sich nicht mit dem Rad. Auch hier fährt sie einen Teil der Strecke mit dem Bus. Später muss sie noch einen Pass von 3 767 Metern überwinden, ein paar Reifen flicken, einen dicken Bienenstich im Krankenhaus behandeln lassen. Dann ist sie auch schon in Peking. Nach 14 000 Kilometern, 135 Tagen.

Was kann jetzt noch kommen? Wenn Roswitha Söchtig alle Berge mit Personennamen von A bis Z bestiegen hat, will sie rund um Australien radeln. 16 000 Kilometer. 16 000 Kilometer!? Sie wirft die Arme in die Luft. „Man muss was machen!“

(mz)