Dorfreport in Weischütz

Ein Jesus aus Uganda

Weltoffen, inmitten einer prächtigen Landschaft gelegen und von Wein und fröhlicher Freundlichkeit geprägt: In dem Freyburger Ortsteil stößt man auf eine Reihe interessanter Anekdoten.

Weischütz - Weltoffen und hilfsbereit sind sie in Weischütz - in jenem Dorf an der Unstrut also, das trotz seiner deutlich näheren Lage hin zur Stadt Laucha im Zuge der Gemeindegebietsreform 2009 dennoch Freyburg als Ortsteil „zugesprochen“ wurde. Dieses Aufgeschlossensein für andere und deren Belange lässt sich in Weischütz an vielen Stellen ablesen. Daran etwa, dass bei jedweden Bau-, Garten- oder Erntearbeiten in aller Regel auch gleich die halbe Nachbarschaft als Unterstützertrupp auf der Matte steht. Oder eben auch anhand der vielen Anekdoten, die sich um die Dorfkirche ranken - und erst recht um deren „verborgenes“ Geheimnis: eine Art „Gaststube“ unterm Dach, direkt am steilen Aufgang zum Glockenturm.

„Bei uns im Ort gibts es an jedem Sonnabend um 18 Uhr das sogenannte Feierabendläuten. Die ,Stammbesatzung’ von drei, vier Einwohnern, die sich um die Pflege dieses schönen Rituals kümmert, setzt sich nach getaner Arbeit dann gern hoch oben unterm Kirchendach noch auf ein Bier und Schwätzchen zusammen - in Corona-Zeiten natürlich nicht“, plaudert Martin Hoffmann aus dem Nähkästchen. „Und tatsächlich haben wir dabei spontan bereits Gäste aus Australien, Japan, Kanada und sogar Bolivien begrüßen können, die auf Stippvisite in Weischütz waren“, erzählt der 66-jährige Kirchenälteste. Auch einige Wanderer, Radler und Paddler, die in der Kirche Schutz vor Gewittern oder allzu sengender Gluthitze suchten oder gar ein improvisiertes Nachtquartier bezogen, werden vollen Herzens bestätigen, dass das vor dem Gotteshaus angebrachte Schild „Offene Kirche“ alles andere als ein bloßes Lippenbekenntnis ist.

Hochzeit und Taufe von der Alster an die Unstrut verlegt

Und (welt)offen ist die Weischützer Kirche auch insofern, als dass sie gewissermaßen einen „Jesus aus Uganda“ birgt. Die über dem Altar schwebende und in dem ostafrikanischen Land entstandene Holzfigur des Messias brachten die 1993 nach Weischütz gezogenen Eheleute Wissel, die weltweit als Tierärzte im Einsatz gewesen waren, als „Antrittsgeschenk“ mit. Das schlicht-erhabene Setting im Kirchenraum verfehlt seine Wirkung nicht; ein junges Paar aus Hamburg, das Weischütz und Umgebung dereinst touristisch bereist hatte, hatte offensichtlich sogar dermaßen Gefallen an dem Ambiente gefunden, dass es sowohl seine Hochzeit als auch die Taufe des gemeinsamen Kindes jeweils von der Alster an die Unstrut „verlegte“.

„Wer schon mal da war, kommt wieder“, sagt Regina Schlensok, die dem örtlichen Heimatverein „Unstrutfreunde“ vorsteht, im Brustton der Überzeugung. Sowohl die idyllisch-bezaubernde Landschaft ringsum mit dem Nüssenberg als Weischützer „Hausgipfel“ als auch die ein wenig abgeschiedene und somit nur noch wohltuendere Lage im Unstruttal sprächen einfach für sich. Vielleicht ist es von daher gar nicht mal eine Übertreibung, wenn vom „Luftkurort Bad Schönweischütz“ gesprochen wird, wie es etwa Daniel Schmidt augenzwinkernd tut. Die unzähligen Aufenthalte als Ferienkind bei der Oma in Weischütz in den 1970-er Jahren seien seine „schönste Zeit“ gewesen, sagt der 56-Jährige und liefert en passant den Grund, warum er mit seiner Frau Claudia von Naumburg ins Dorf-Kleinod gezogen ist.

Wer schon mal da war, kommt wieder.

Regina Schlensok, Verein „Unstrutfreunde“

Was auch nicht vergessen werden sollte: „Wo Wein angebaut wird, sind die Menschen freundlich“, bringt es der 2001 „zugewanderte“ Axel Sommer auf den Punkt. Und nach dieser Maßgabe muss Weischütz fürwahr ein überaus freundliches Fleckchen sein: Das Weingut Köhler-Wölbling hat hier seinen Sitz; und jede Menge Weischützer (unmöglich, hier alle aufzuzählen!) sind beruflich in Sachen Wein unterwegs: Enrico Tänzer beispielsweise, der auch Chef der Freiwilligen Feuerwehr im Ort ist, zeichnet als angestellter Weinbautechniker bei Böhme & Töchter in Gleina für die Qualität der Trauben verantwortlich, Weischütz’ letzte Bürgermeisterin Sabine Krämer arbeitet im Weingut Herzer in Roßbach, und Hannes Müller wacht im Keller des Thüringer Weinguts Bad Sulza über die Qualität des Rebensaftes. Selbst der weiter vorn erwähnte „Scherzkeks“ Daniel Schmidt, im Hauptberuf selbstständiger Konditormeister, füllt seinen eigenen Wein ab.

Wussten Sie eigentlich, dass die Weischützer zum Lachen buchstäblich in den Keller gehen - jedenfalls in den Jahren, in denen es keine Pandemie, sehr wohl aber Kultur gibt? Meike und Dietmar Hirsekorn, die das architektonisch beeindruckende einstige Rittergutshaus bewohnen, spielen gekonnt mit verbalen Versatzstücken aus der Weinwelt, wenn sie jedes Jahr anlässlich der herbstlichen Erntezeit im Weinberg zur „Spätlese“ einladen: zu einer launigen Kabarett-Veranstaltung in den Katakomben des Gutsgebäudes nämlich - eben zum „Lachen im Keller“.

Hirsekorns und ihr Sohn Hannes Müller sind auch die Gastgeber und „guten Geister“ der alljährlich groß und gemeinschaftlich begangenen Osterfeierlichkeiten im Ort, wenn sie den in ihrem Privatbesitz befindlichen Gutspark für die Allgemeinheit und fürs lustige Ostereiersuchen mit Kind & Kegel öffnen. Was ebenfalls nicht fehlen darf: Das abendliche Osterfeuer inklusive der berühmten, auf Eisenplatten gebackenen Fladen von Bäckermeister Schmidts Hand und mit Aufstrichen wie Nutella, Pflaumenmus, Frischkäse oder Kräuterquark: Was gleichsam die erste „Sportlernahrung“ mit Blick auf das kultige Weischützer Badewannen-Rennen auf der Unstrut am ersten Juli-Wochenende ist... (Andreas Löffler)