Vortrag in Lochau

Vortrag in Lochau: Schicksale von NS-Opfern beleuchtet

Döllnitz - Licht ins Dunkel zu bringen, das ist Michael Viebigs Auftrag. Unermüdlich frisst sich der Historiker von der Gedenkstätte Roter Ochse in Halle durch bis zu 80 Jahre alten Dokumenten und Akten. „Es ist erstaunlich, dass man zu nahezu jedem Dorf etwas findet“, sagt ...

Von Michael Bertram 17.11.2015, 13:13

Licht ins Dunkel zu bringen, das ist Michael Viebigs Auftrag. Unermüdlich frisst sich der Historiker von der Gedenkstätte Roter Ochse in Halle durch bis zu 80 Jahre alten Dokumenten und Akten. „Es ist erstaunlich, dass man zu nahezu jedem Dorf etwas findet“, sagt er.

Auch im Fall Döllnitz und Umgebung ist er wieder auf Unterlagen gestoßen, die zeigen, wie und weshalb das NS-Regime unschuldige Bürger und politische Feinde verurteilt hat. Die Ergebnisse präsentiert der Experte morgen bei einem interessanten Vortrag in der Gaststätte Lindenhof in Lochau.

Bei drei, vier Personen sei es ihm gelungen, etwas mehr über die Schicksale in Erfahrung zu bringen. Eine von diesen dürfte vielen Döllnitzern ein Begriff sein: Otto Kreutzmann, nach dem nicht nur eine Straße in dem Schkopauer Ortsteil benannt ist, sondern der auch mit einem Denkmal geehrt wurde. Anders noch als zur Errichtung in den 70er Jahren ist die Inschrift längst verwittert, das Denkmal scheint heute wenig gepflegt. Und so ist es an Viebig und dem Arbeitskreis Döllnitz, an den bereits 1937 getöteten Kreutzmann zu erinnern.

„Bei Kreutzmann war es schwierig, mehr über die Umstände seines Todes zu erfahren“, erzählt Viebig. Zumal es widersprüchliche Angaben gibt. Die Ortschronik erzähle etwas anderes als offizielle Dokumente.

Vier solcher Unterlagen konnte der Historiker schließlich in Augenschein nehmen. Wieso Kreutzmann schließlich im Polizeigewahrsam starb und eine Spur auch nach Hamburg führt, das wird der Geschichtsexperte in seinem Vortrag erläutern.

Bei seinen Recherchen ist Viebig aber auch über den nicht weniger bekannten Friedrich Lober gestolpert. 1895 geboren, wird er 1945 von den Sowjets als Bürgermeister von Döllnitz eingesetzt, 1947 wird er sogar kurzzeitig Landrat, wie Viebig erzählt. Der Kommunalpolitiker dient als bestes Beispiel dafür, wie die Nationalsozialisten mit politischen Feinden verfahren sind. „1933 wurde er in Schutzhaft genommen, landete später sogar vor dem Volksgerichtshof in Berlin, wo eigentlich nur die wichtigsten Leute wegen Landesverrats abgeurteilt wurden“, berichtet der Historiker von seinen Erkenntnissen.

Lober erhält die damalige Höchststrafe von zehn Jahren Zuchthaus und sitzt die Strafe auch voll ab. Das Kriegsende erlebt er in einer Strafeinheit in Frankreich, kehrt dann nach Döllnitz zurück. Zum Verhängnis wurde Lober seine Parteikarriere. „Er war schon früh bei der KPD, war im Unterbezirk Merseburg-Halle Waffenverwalter“, schildert Viebig. „Zudem hat er die Antifa in Döllnitz mitbegründet.“ Das Problem: Ein Spitzel in der Ortsgruppe plauderte aus, was bei den geheimen Treffen besprochen wurde.

Geschichtsfreunde können sich aber auch auf einige kuriose Erkenntnisse freuen, die der Historiker von der Gedenkstätte Roter Ochse während seiner eigentlichen Recherchen gewonnen hat. Da wäre beispielsweise jener Döllnitzer Chef der Wachtruppen im KZ Lichtenburg Prettin, in dem Lober einsaß, der sich durch eine unbedachte Aktion selbst zur Zielscheibe der Nazis machte. Aber auch das Schicksal einer Arbeiterin, die nur einem Liebespaar helfen wollte, und so ins Visier der umbarmherzigen Strafverfolgung geriet. (mz)

Einlass zum Vortrag ab 17 Uhr in der Gaststätte Lindenhof Lochau