Diskussion entbrannt

Diskussion entbrannt: Sekundarschule in Mücheln vor Umbenennung?

Branderoda - Der im Müchelner Ortsteil Branderoda geborene Kinderbuchautor Adolf Holst (1867-1945) hat in seinen Werken nachweislich auch Kriegspropaganda und NS-Ideologie verbreitet. Wie man damit umgehen soll, wird seit Anfang 2016 öffentlich kontrovers ...

Von Diana Dünschel

Der im Müchelner Ortsteil Branderoda geborene Kinderbuchautor Adolf Holst (1867-1945) hat in seinen Werken nachweislich auch Kriegspropaganda und NS-Ideologie verbreitet. Wie man damit umgehen soll, wird seit Anfang 2016 öffentlich kontrovers diskutiert.

Nun ist eine aktuelle Diskussion darüber entbrannt, ob die in den 1920er Jahren nach Holst benannte heutige Sekundarschule Mücheln weiter seinen Namen tragen kann. Der Landkreis Saalekreis als Schulträger hat reagiert und beschlossen, ein wissenschaftliches Gutachten über ihn in Auftrag zu geben.

„Das Kinderbuch erklärt den Krieg“

Die Schule müsse umbenannt werden, fordert Hans-Ulrich Gräf aus dem niedersächsischen Bückeburg, wo Adolf Holst viele Jahre bis zu seinem Tod lebte. Anlass für diese Aussage waren Recherchen von ihm nach Ausstellungen zu Holst 150. Geburtstag dieses Jahr im niedersächsischen Landesarchiv Bückeburg und im dortigen Stadtmuseum sowie die Ausstellung „Das Kinderbuch erklärt den Krieg“ in der Staatsbibliothek Berlin mit mehreren Holst-Texten.

Dass es in Bückeburg überhaupt Holst-Würdigungen gab, kritisiert er ebenso wie die seiner Meinung nach viel zu unkritische Berichterstattung über den Besuch von Mitgliedern des Heimatvereins Branderoda im Frühjahr in Bückeburg aus Anlass der Ausstellungen und einer Holst-Tagung, die auch im Müchelner „Geiseltal-Echo“ veröffentlicht wurde.

Man brauche die Erinnerung an diesen Autor nicht, so Hans Ulrich Gräf. „Die Bücher, die ich in Berlin und auch im Nachlass über Auerbachs-Kinderkalender gesehen habe, schließen die Benennung einer Schule nach Adolf Holst zweifelsfrei aus. Die Kriegspropaganda ist eine Anleitung zum Töten für Kinder, und die NS-Ideologie im Kontext der Kinder-Kalender preist die NS-Jugend und lädt zum Mitmachen bei der Hitlerjugend ein“, sagt er.

Der Saalekreis reagierte jetzt darauf. „Der Namensentzug einer Schule ohne fachliche Begründung wäre unangemessen“, teilt Kreis-Pressesprecherin Kerstin Küpperbusch mit. „Um bezogen auf die Person Adolf Holst allen Seiten gerecht zu werden, werden wir uns deshalb als Schulträger in Abstimmung mit der Schulleiterin dafür einsetzen, ein entsprechendes wissenschaftliches Gutachten in Auftrag zu geben. Danach wird entschieden, ob die Schule weiterhin den Namen des Schriftstellers tragen soll.“

Es ist keine befriedigende Antwort für Hans Ulrich Gräf: „Es geht nicht darum, allen Seiten gerecht zu werden. Es kann nur darum gehen, ob Adolf Holst durch seine Bücher abseits der unbelasteten und unkritischen Kinderbücher in der Kaiserzeit und im Dritten Reich nationalsozialistisches Gedankengut verfolgt und verbreitet hat und es daher hinreichenden Anlass gibt, sich von ihm als erzieherisches Vorbild zu distanzieren“, reagiert er.

Holst-Ausstellung zum 150. Geburtstag in Vorbereitung

Ganz anders fallen die Reaktionen vom Branderodaer Ortsbürgermeister Udo Virchow (parteilos) und vom Vorsitzenden des Branderodaer Heimatvereins, Klaus Popko, aus. „Der Landkreis hätte hier viel früher reagieren müssen. Ich sehe mich in meiner kritischen Haltung gegenüber Adolf Holst bestätigt“, so Udo Virchow. „Endlich“, kommentiert Klaus Popko die Nachricht. „Genau das wollten wir die ganze Zeit erreichen.“

Derweil bereitet der Heimatverein Branderoda gerade mit dem Kultur- und Heimatverein Mücheln zwei Veranstaltungen zum 150. Geburtstag von Adolf Holst vor. So wird am 23. September, 14 Uhr, im Müchelner Bürgersaal eine Holst-Ausstellung eröffnet. Dazu gehört auch ein Vortrag „Fragen an seine Werke“. Am 29. September, 20 Uhr, folgt eine literarisch-musikalische Lesung im Bürgersaal.

Dass der Heimatverein Branderoda diese beiden Veranstaltungen trotz der aktuellen Diskussion durchführt, erklärt Klaus Popko auf Nachfrage der MZ zum einen damit, dass die Vorbereitungen dafür schon begannen, als vom Gutachten noch keine Rede war. Zum anderen gelte ja auch vor Gericht so lange die Unschuldsvermutung für den Angeklagten, bis das Gegenteil bewiesen worden ist. „Warum sollen wir also einen Rückzieher machen? Adolf Holst hat nicht nur Schattenseiten. Das ist eine Chance, sich mit ihm sachlich auseinanderzusetzen“, sagt er. (mz)