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Fauna im SaalekreisAuswirkungen des Waschbären: „Katzen sind ein größeres Problem“

Waschbären haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in ganz Deutschland verteilt. Auch im Saalekreis ist der Räuber heimisch. Einige sehen in ihm eine Gefahr für die hiesige Vogelwelt. Aber hat er den schlechten Ruf zurecht?

Von Robert Briest Aktualisiert: 21.08.2023, 09:43
Waschbär im Grünen
Waschbär im Grünen Foto:Sieler

Merseburg/Leipzig/MZ - Wie viele Waschbären es in Deutschland gibt? Diese Frage könne wohl keiner richtig beantworten, sagt der Zoologe Martin Winter vom Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (Idiv). Ein Kollege von ihm habe vor ein paar Jahren eine Hochrechnung angestellt und sei auf etwa eine Million Tiere gekommen. Mittlerweile seien es vermutlich Hunderttausende mehr. Die Jäger im Saalekreis zählten in den vergangenen Jahren jeweils zwischen 1.600 und 2.243 tote Tiere. Mittlerweile, sagt Winter, komme der Waschbär in fast jedem Kreis vor: „Er ist so gut wie eingebürgert.“

In die hiesige Tierwelt eingebracht hat den aus Nordamerika stammenden Räuber der Mensch: gewollt und zufällig, wie der Zoologe berichtet. 1934 seien am hessischen Edersee zwei Paare ausgesetzt worden, um die Fauna zu bereichern. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs seien später Waschbären aus zerstörten Pelztierfarmen entkommen.

Untersuchungen an der Elbe: Waschbär als Nesträuber

Wissenschaftlich wird seit einigen Jahren diskutiert, welche Auswirkungen die starke Verbreitung auf das vorhandene Ökosystem hat, insbesondere auf die Vogelbestände. Einige Studien, wie etwa eine zu Trauerschnäppern bei Steckby an der Elbe, deuten darauf hin, dass der Waschbär durch das Ausräumen von Nistkästen und möglicherweise auch das Töten der brütenden Eltern, zu schrumpfenden Vogelzahlen führt. Andere Untersuchungen sehen die Störung der Brut nicht nur durch das bloße Fressen, sondern auch dadurch, dass Höhlen und Horste als Nistplätze durch den Waschbären als Schlafplätze zweckentfremdet werden.

Dass sie Gelege aus Nestern fressen, sei bekannt, sagt Winter. „Der Waschbär frisst alles.“ Der Zoologe zweifelt allerdings daran, dass das Tier der Hauptgrund für rückläufige Bestände von Rebhühnern und Singvögeln sind. Das sei vielmehr die intensive Landnutzung durch den Menschen und in der Folge das Verschwinden von Lebensräumen, Nistmöglichkeiten und Insekten als Nahrung. Und Winter sieht gerade im Umfeld menschlicher Siedlungen noch ein anderes, beliebtes Raubtier als stärkere Gefahr für die Vogelwelt, als es der Zuwanderer aus Nordamerika sei: „Freilaufende Katzen sind ein größeres Problem als die Waschbären.“