Experiment in Klöden

Experiment in Klöden: Die Elbe bremsen

Klöden - Wenn wir früher die Pfahlreste der alten Rampe sehen konnten, waren das absolute Trockenjahre“, erzählt der Klödener Ortsteilbeiratsvorsitzende Dietmar Wartenburger am ehemaligen Klödener Fähranleger, wo Mittwochnachmittag die Bundestagsabgeordnete Steffi Lemke (Grüne) auf ihrer Sommertour mit dem Paddelboot angelegt hat.

Von Ute Otto 15.07.2016, 13:40

Wenn wir früher die Pfahlreste der alten Rampe sehen konnten, waren das absolute Trockenjahre“, erzählt der Klödener Ortsteilbeiratsvorsitzende Dietmar Wartenburger am ehemaligen Klödener Fähranleger, wo Mittwochnachmittag die Bundestagsabgeordnete Steffi Lemke (Grüne) auf ihrer Sommertour mit dem Paddelboot angelegt hat.

Grundwasserspiegel sinkt

Sie will sich von Elke Kühne, Projektverantwortliche des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Dresden, sowie Guido Puhlmann, Leiter des Biosphärenreservates „Mittelelbe“, über den Stand des Pilotprojektes zur Verminderung der Sohleerosion der Elbe informieren. Neben den beiden Experten sind auf dem Landweg auch Ines Brunar und Ernst Paul Dörfer vom Elbeprojekt des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gekommen sowie interessierte Bürger wie Berndt und Brigitte Richter aus Wittenberg.

Dass die Pfahlstummel sichtbar sind, sei heutzutage im Sommer schon fast Normalität, sagt Wartenburger. Und der Klödener Werner Olitzsch berichtet, dass der Grundwasserspiegel auf seinem Grundstück im Lauf von 30 Jahren um 1,30 Meter gesunken ist, was eine ganze Menge sei. „Das sind wichtige Feststellungen“, sagt Dörfler. „Die Wasserstände fallen in dem Maße, wie sich die Elbsohle durch Erosion vertieft.“ Die Folge sei das Austrocknen der Flussaue. Wie dramatisch die Situation schon ist, macht Guido Puhlmann deutlich: „Die Alte Elbe bei Bösewig war im vergangenen Sommer das erste Mal ausgetrocknet. In diesem Jahr sieht es nicht besser aus.“

Auch der Klödener Riss hatte laut Wartenburger vorigen Sommer kaum noch Wasser. Wenn das so weitergehe, überspitzt er, „dann ist der Grand Canyon nicht mehr weit. Es wird Zeit, dass wir mit dem Sohlestabilisierungskonzept voran kommen.“

Das Gesamtkonzept für die Elbe liegt laut Puhlmann schon seit 2009 vor. Weitere sieben Jahre hat es gebraucht bis zum Scoping-Termin für das Pilotprojekt für den etwa zwölf Stromkilometer langen Abschnitt von Klöden bis zur Einmündung der Schwarzen Elster in diesem Jahr. Beim Scoping werden vor dem Planfeststellungsverfahren Art und Umfang der Umweltverträglichkeitsprüfungen für die geplanten Maßnahmen definiert. Sohleerosion zu stoppen, dafür gibt es „einen ganzen Baukasten“, wie Elke Kühne formuliert. Man kann, um die Strömung zu verlangsamen, den Fluss wieder mehr mäandern lassen - die Wiederanbindung des Klödener Risses wäre eine Option. Dann der Umbau von Buhnen. Die jetzigen sind gegen den Strom geneigt, dienten sie doch ursprünglich sogar der Landgewinnung. Nun sollen laut Kühne die Buhnen so modelliert werden, dass weniger Sediment in den Buhnenfeldern abgelagert wird. Zugleich sollen die Buhnen bei Niedrigwasser den Pegelstand möglichst hoch halten, bei Mittelwasser soll die Elbe schon breiteren Raum bekommen, damit sich die Kraft des Wassers verteilt und nicht an der Sohle knabbert.

Die Zugabe von Geschiebe, an dem sich der Fluss „abarbeiten“ kann, wird bereits praktiziert. 100 000 Tonnen sind es pro Jahr am gesamten Fluss. „Die Kunst ist, gleichmäßiges Geschiebe hinzubekommen und dennoch die Dynamik in den Buhnenfeldern zu behalten“, sagt Kühne. Auf die Schifffahrt werde das alles keine Auswirkungen haben.

Für Puhlmann, der aus naturschutzfachlicher Sicht von Landesseite das Pilotprojekt betreut, bedeutet dieses den „Einstieg in die Umkehr der Tendenz“. Die Erosion werde damit noch nicht gestoppt, aber der Prozess verlangsamt. „Dafür brauchen wir die Politik“, sagte er an die Adresse der Grünen-Bundestagsabgeordneten. „Der Bund muss die Verwaltung in die Lage versetzen, daran zu arbeiten.“ Nach Puhlmanns Auffassung ist das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt gemessen an der Dringlichkeit der Umsetzung des Gesamtkonzeptes personell nicht ausreichend ausgestattet. Nicht vor 2020 werden laut Kühne und Puhlmann die Umbaumaßnahmen in Klöden sichtbar werden. Bereits begonnen habe aber die Installation eines Messnetzes, um den Zusammenhang von Elbvertiefung und sinkendem Grundwasserspiegel sowie die spätere Entwicklung dokumentieren zu können.

Wasserstraße oder Naturreservat

„Das Grundübel ist, dass die Elbe nicht als natürlicher Fluss gesehen wird, sondern als Wasserstraße“, sagt der Wittenberger Berndt Richter, der vor nunmehr fast zwei Jahrzehnten die Bürgerinitiative zum Schutz der Elbe in der Lutherstadt mitbegründet hatte. Von den Experten will er wissen, wie man die Erosion aufhalten würde, wenn die Elbe keine Wasserstraße wäre. „Man könnte sofort mehr Geschiebe reinbringen und Deiche rückverlegen“, so Puhlmanns Antwort. „Allerdings würde das die Nutzung der Elbaue erheblich verändern. Das muss man dann auch wollen.“ „Dann bräuchte es einen großen Entschädigungsfonds“, fügt Elke Kühne hinzu. „Die besten Konzepte nützen nichts, wenn die Eigentümer der angrenzenden Flächen nicht mitmachen.“ Das sind meist Landwirte. Die vermisst Richter in dieser Diskussion. „Sie müssten doch hier stehen und demonstrieren für mehr Wasser. Das ist doch das kostbarste, was wir haben“, sagt der Wittenberger. (mz)