Brieftaubensport

Der Tauben-Kutscher aus Seyda

Andreas Weidel fährt für die Reisevereinigung Wittenberg den Kabinen-Express mit den „Rennpferden der Lüfte“.

Von Ute Otto
Andreas Weidel, der Fahrer des Kabinenexpresses, wartet hier in Seyda auf die Verladung der  Brieftauben.
Andreas Weidel, der Fahrer des Kabinenexpresses, wartet hier in Seyda auf die Verladung der Brieftauben. (Foto: Ute Otto)

Seyda - Es ist kurz vor halb sechs am Freitagnachmittag. Vor dem Gehöft von Richard Schulze in Seyda steht der neue Kabinen-Express der Reisevereinigung Wittenberg der Brieftaubensportler. Fahrer Andreas Weidel ist ungeduldig. Er pocht auf Einhaltung des Zeitplans, der die Abfahrt von der Einsatzstelle Seyda für 17.30 Uhr vorsieht. Dort gibt es Probleme mit der Computertechnik, die über die Ringe die Kennungen der gesetzten Tauben erfasst. Bei den Brieftaubensportlern der Vereine „Heimatliebe“ Seyda und „Wolkenstürmer“ Jessen liegen die Nerven blank.

Etliche Orte anzufahren

Die Brieftauben soll Weidel diesmal zum Auflassort ins rheinland-pfälzische Polch bringen. Bis dorthin sind es 550 Straßenkilometer. Doch bevor es auf die Autobahn geht, muss der Fahrer noch die Wettkampfteilnehmer in Wittenberg, Piesteritz, Ragösen und Dessau einsammeln. Die Tauben aus Jüterbog sind bereits an Bord.

In der fünften Saison fährt der Kemberger für die Reisevereinigung Wittenberg den Kabinenexpress. „Zuvor habe ich das aushilfsweise gemacht“, erzählt Weidel, der seit 1980 Mitglied des dortigen Brieftaubensportvereins ist. Seit er Fahrer sei, habe er allerdings keine Tauben mehr im Rennen. „Man kann nur eins machen“, sagt er, zumal er noch berufstätig sei.

„Für den Kabinenexpress könnten wir auch Verstärkung gebrauchen“, denkt Joachim Schrade, Vorsitzender des Jessener Vereins „Wolkenstürmer“, zum Beispiel an ehemalige Berufskraftfahrer, die in der Rente noch ein Betätigungsfeld suchen.

Mit einer Kapazität von 1.600 Tauben ist der neue Transporter der Reisevereinigung kleiner als sein Vorgänger. Schließlich werden es auch immer weniger Aktive - Sportlernachwuchs ist rar. Für den 3,5 Tonner braucht es laut Weidel zwar keinen Fahrtenschreiber mehr. Pausen hält er dennoch ein, schließlich ist es eine wertvolle Fracht - Brieftauben werden auch als Rennpferde der Lüfte bezeichnet.

Eine Brieftaube geht auf die Reise zum Auflassort
Eine Brieftaube geht auf die Reise zum Auflassort
(Foto: Ute Otto)

Mit einer Distanz von rund 450 Kilometern gilt dieser Wettbewerb als Langstreckenflug. Deshalb werden nicht mehr als 14 Tiere in einen Kasten gesetzt, auf kürzeren Distanzen dürfen es bis zu 20 sein. Der Transporter hat ein Belüftungs- und Tränkensystem.

„Das Fahren ist kein Zuckerschlecken“, sagt Weidel. „Man ist immer froh, wenn man heil durchkommt.“ 25.000 Kilometer kämen in einer Saison zusammen. „Es ist deutlich weniger geworden“, berichtet Weidel, über Begegnungen mit anderen Kabinenexpress-Fahrern auf Rastplätzen.

Noch vor Sonnenaufgang am Sonnabendmorgen wird er das Ziel erreicht haben, erzählt er am Freitag vor der Abfahrt. Dort werden die Tauben erneut mit Wasser versorgt. Über den Zeitpunkt des Auflasses entscheide der Auflassleiter je nach Wetterlage. In Kemberg verfolgt Bernd Apitzsch am Wetterradar, wie sich die Bedingungen auf der Fluglinie entwickeln. Bei kurzfristigen Unbilden wird abgewartet. Bisher, so der Fahrer, ist es nur einmal vorgekommen, dass am geplanten Ort nicht aufgelassen werden konnte.

Deutlich fixer als zur Hinfahrt

„Bei herrlichem Sonnenschein“, wie für den nächsten Morgen prognostiziert, rechnet Weidel ab sechs Uhr mit Apitzschs Anruf, dass er den Auflass vorbereiten kann. Bei geschlossenen Jalousien wird die Verriegelung der Käfige - 40 an jeder Seite - gelöst. Sobald die Rollos hochgefahren werden, öffnen sich die Klappen der Boxen und die Tauben suchen das Weite. 80 bis 100 Stundenkilometer flink, werden die Schnellsten zur Mittagszeit zurück im heimischen Schlag erwartet. Da hat Weidel noch ein ganzes Stück Straße vor sich.