Prozess gegen Adrian Ursache

Prozess gegen Adrian Ursache: Spektakuläre Wende im Verfahren gegen Ex-Schönheitskönig?

Halle (Saale) - Im Verfahren wegen versuchten Mordes gegen den früheren Mister Germany Adrian Ursache könnte sich eine spektakuläre Wende andeuten.

Von Steffen Könau 11.12.2017, 16:03

Als es vor dem Landgericht in Halle laut knallt, zischt Sandra Ursache ihrem Mann zu, er solle schnell von dem Fenster wegkommen, an dem der Angeklagte gewohnheitsmäßig steht. Adrian Ursache, der sich in Saal 89 seit Anfang Oktober wegen versuchten Mordes an einem SEK-Beamten verantworten muss, grient. „Das werden sie nicht versuchen“, sagt er, „nicht nochmal“.

Ursache hat gute Laune an diesem 13. Verhandlungstag, an dem neben seiner Mutter zwei Zeugen gehört werden, die dabei waren, als ein Polizeikommando am 25. August 2016 das Grundstück seiner Familie in der Elsteraue stürmte. Ziel war es damals, einem Gerichtsvollzieher eine Zwangsräumung zu ermöglichen. Familie Ursache hatte Schulden, das Haus war zwangsversteigert worden, der frühere „Mister Germany“, der auf seinem Grundstück den eigenen Staat „Ur“ ausgerufen hatte, weigerte sich, auszuziehen.

Was dann folgte, war ein Polizeieinsatz, der aus dem Ruder lief. Beamte stürmten das Gelände und stellten den Hausbesitzer, der inzwischen einen Revolver geholt hatte, um „mein Eigentum zu verteidigen“, wie er sagt. Nach einer minutenlangen Konfrontation mit gezogenen Waffen fielen Schüsse. Ursache brach schwerverletzt zusammen, ein Polizist meldete, dass er ebenfalls von einer Kugel getroffen worden sei.

Prozess gegen Ursache: Zeugin filmte Polizeiaktion

Wer wann zuerst und auf wen geschossen hat, ist bisher nicht aufgeklärt. Die Zeugin Sch., die am Tattag als „stille Beobachterin“ in Reuden war, wie sie es nennt, kann auch nicht helfen. Sie flüchtete nach dem Beginn der Polizeiaktion in ein Haus, das einem Verwandten der Ursaches gehört.

Dort habe sie am Fenster gefilmt, bis Polizisten in den Raum stürmten, sie zu Boden zwangen und mit Kabelbindern fesselten. Ihr Handy sei nach der Polizeiaktion verschwunden gewesen, zwischenzeitlich, so wisse sie heute, sei es von der Polizei zum Fundbüro gegeben worden. Nein, ein Beschlagnahmeprotokoll habe sie nie bekommen. Erst vor einer Woche sei es ihr gelungen, das Gerät zurückzuerhalten. Allerdings seien alle Daten gelöscht gewesen.

Ganz ähnlich klingt der Bericht des Zeugen E., eines Nachbarn der Ursaches. „Zwei Pistolen“ seien auf ihn gerichtet gewesen, als er aus seinem Zelt krabbelte. „Dann wurde ich rausgezerrt, in den Dreck gedrückt und gefesselt.“

Zeuge beschreibt „heilloses Durcheinander“ zwischen Polizisten

Niemand habe ihm erklärt, warum und weswegen. Aus Gesprächen der Beamten untereinander habe er den Eindruck gewonnen, dass dort „ein heilloses Durcheinander“ geherrscht habe. Keiner habe gewusst, was eigentlich getan werden sollte. „Das Grundstück, auf dem ich war, hatte ja gar nichts mit der Zwangsräumung zu tun.“ Weil er keinen Ausweis dabei hatte, habe ihn die Polizei später mit nach Zeitz genommen. „Dort wurde ein Kooperationsgespräch mit mir geführt.“ Als er ablehnte, „haben die mich am Abend ohne Geld und ohne Handy wie einen räudigen Hund auf die Straße gesetzt.“

Umstände, die aus der angespannten Situation vielleicht noch erklärbar sein können. Adrian Ursache hatte im Internet mehrfach erklärt, er werde sein „Reich Ur mit Blut und Eisen verteidigen“. Der 43-Jährige, den die Behörden zu den „Reichsbürgern“ rechnen, galt als gefährlich, auch wenn seine Mutter Antoinette im Zeugenstand unter Tränen beschwört, ihr Adrian habe noch nie jemandem etwas zuleide getan. Doch als Verteidiger Dirk Magerl am Nachmittag einen Antrag vorliest, erscheint das gesamte Verfahren in einem neuen Licht – und auch Ursaches aufgeräumte Laune erklärt sich. In einem Video eines SEK-Beamten haben die Ursache-Anwälte eine bemerkenswerte Beobachtung gemacht.

„Als Spiegelbild im Wasser des Pools“, so der Potsdamer Rechtsanwalt, sei während der letzten Sekunden vor dem Schusswechsel der Mann zu sehen, den Polizeibeamte im Zeugenstand bisher stets als „unbekannte männliche Person“ bezeichnet hatten. Dieser Mann war von Mitgliedern des SEK teilweise als Begründung dafür angeführt worden, dass sie den Schusswechsel nicht hatten beobachten können. Sie hätten, hieß es unisono, in den fraglichen Sekunden nicht auf Adrian Ursache, sondern auf den Unbekannten geschaut.

„Jetzt musst du mich auch erschießen, weil ich gesehen habe, was ihr gemacht habt“

Die Verteidigung nun glaubt, den Mann in der Lederjacke identifiziert zu haben, der nach den Videobildern zudem die gesamte Schießerei aus nur vier Metern Entfernung beobachtet habe. Magerl zitiert aus dem Videoband: „Nach den Schüssen sagt der Mann zu dem SEK-Beamten mit der Videokamera: Jetzt musst du mich auch erschießen, weil ich gesehen habe, was ihr gemacht habt.“

Dennoch sei der Betreffende im Ermittlungsverfahren gegen Adrian Ursache nie als Zeuge gehört worden. Ebensowenig habe er in den – inzwischen eingestellten - Ermittlungsverfahren gegen die beiden Schützen aus den Reihen des SEK ausgesagt. „Das verstößt gegen das Recht meines Mandanten auf ein faires Verfahren.“

Da auf dem Video zudem zu hören sei, wie der filmende Beamte einem Kollegen mitteilt, dass ein in der Tonspur namentlich genannter Beamter „zuerst geschossen hat, so viel ich gesehen habe“, will die Verteidigung nicht nur den Mann in der Lederjacke als Schlüsselzeugen für das Tatgeschehen hören, sondern auch eine Wiederaufnahme der Ermittlungen gegen die tatbeteiligten Beamten beantragen.  (mz)