Marktplatz Halle

Marktplatz Halle: Was fehlt, damit der Platz richtig brummt

Halle (Saale) - Ein manchmal totgesagter Ort lebt auf. Das Herz der Stadt pocht zum Frühlingsauftakt wieder, doch es fehlt noch viel, bis dieser Platz richtig brummt.

Von Detlef Färber 07.03.2017, 14:45

Der große Kasten ist aus Stahl und wirkt unbeweglich. Oben in den schmalen Quader ist eine Glasplatte eingearbeitet, die zum Durchschauen einlädt. Zum Runterschauen genauer gesagt, denn der Kasten ist ein Geoskop - eins, durch das man in der Tiefe die „Marktplatzverwerfung“ genannte Gesteinsspalte gut erkennen kann.

Erkennen vor allem dann, wenn man die in den Quader eingeritzte Gebrauchsanleitung beachtet: „Drehen bis es leuchtet!“ - steht dort. Und wirklich, man kann den schweren Kasten drehen: Drehen, bis tief unten ein Licht angeht.

Wer mit einer Gebrauchsanleitung im Kopf Halles Markt betritt, hat gleich ein sehr nützliches Motto für diesen Platz

Wer mit dieser Gebrauchsanleitung im Kopf Halles Markt betritt, hat gleich ein sehr nützliches Motto für diesen Platz, der so großartig ist - einerseits. Und zum anderen nur so schwer zu beleben. Doch weil man den Markt als ganzen nicht drehen kann, heißt es, sich selber drehen. Ein junger Mann - ein Jüngling eher noch - tut genau das am Händel-Denkmal. Will er etwa den Platz und seine Bausubstanz auf sich wirken lassen? Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht, denn dafür wirkt sein Blick doch einen Tick zu angespannt. Er schaut wechselweise in Richtung Leipziger Straße, Richtung Stadthaus und „Große Uli“ und in Richtung Marktkirche. Und sein Blick wird davon nicht fröhlicher. Die Turmuhr zeigt schon „zehn nach“. Hat diesen Jungen jemand versetzt? Eine hübsche Hallenserin vielleicht sogar? Tja.

85-Jähriger Hallenser aus Dnjepropetrovsk: Das Alte ist toll, das Neue eher nicht.

Fast gleichzeitig dreht auch Semen Prosjak den Kopf - und sich selber: Der 85-Jährige stammt aus Dnjepropetrovsk (Ukraine) und lebt schon sehr lange in Halle. Er war in seiner Heimat ein preisgekrönter Fotograf und hat auch in der Saalestadt seine Kunst schon mehrfach unter Beweis gestellt.

Doch Halles Markt, auf dem er täglich unterwegs ist, bedenkt er doch lieber mit klangvollem Mutterlaut: „Krasivyj“ - wunderschön. Dabei geht Prosjaks wegweisende Hand in Richtung der fünf Türme. Wie überhaupt „das Alte“ hier toll sei. Und das Neue eher hässlich!

Markthändler ärgert, dass in Halle zunehmend geklaut wird.

„Auf dem Markt?“ Semen Prosjak bejaht - und dieser Meinung begegnen wir hier noch öfter. Auch bei einem, der seit 1990 fast täglich auf dem Platz zu tun hat: Markthändler Jürgen Busse. Busse, der lange CDU-Stadtrat war, ärgert sich. Ärgert sich über manches, das den Markt in engerem Sinne des Handels betrifft: Etwa, dass „zunehmend geklaut“ werde.

Und, dass es nur einen einzigen neuen Stromverteiler gebe - und und und. Doch dann hellt sich sein Gesicht auf und er freut sich über diesen ersten, strahlend sonnigen Frühlingssamstag, der ihm viele Kunden an seinen Obststand treibt. Und der auch insgesamt einen erstaunlichen Magnetismus für den ganzen Marktplatz entwickelt.

Markt in Halle: Im Wettbewerb um den besten Treffpunkt haben die Rathausstufen den Händel inzwischen um Längen abgehängt

Hunderte Leute sind fast permanent auf ihm unterwegs. Doch was für berühmte Märkte der Welt ein Klacks wäre, ist jenseits der Sommermonate durchaus viel für den hiesigen Obermarkt. Die Leute kommen und gehen - nur offenbar noch nicht die Eine, auf die unser Jüngling am Händel wartet. Oder? Plötzlich hellt sich auch seine Miene auf. Ein hübsches, schon etwas sommerlicher gekleidetes Mädchen naht eiligen Schrittes. Der Samstag scheint gerettet.

Derweil macht sich am Nachmittag Bewegung auf dem Platz breit, mehre Männer packen hier wie dort Gitarren aus und klimpern los. Ein etwa fünfjähriges Mädchen jagt in noch nicht allzu professionellen Dribbelschritten einem Fußball nach, was vielen Beobachtern zu gefallen scheint. Und im Wettbewerb um den besten Treffpunkt haben die Rathausstufen den Händel inzwischen um Längen abgehängt.

Vor der Pforte zur Stadtverwaltung wird geschwatzt, geknutscht, auf dem Laptop rumgeklappert und an Dönern gekaut

Vor der Pforte zur Stadtverwaltung wird geschwatzt, geknutscht, auf dem Laptop rumgeklappert und an Dönern gekaut. Die Plätze auf den Stufen werden langsam knapp.

Mehr Platz ist da an denen Ständen derer, die eine Botschaft verbreiten wollen. Wenig Glück scheinen Unterschriftensammler für ein marxistisch-leninistisches Projekt zu haben, weil mancher Passant sich wohl erinnert, dass die von dieser Lehre beherrschte DDR-Zeit auch für Halles Marktplatz keinesfalls gut war.

Greenpeace-Aktivisten wünschen sich Halles Marktplatz grüner.

Mehr Glück hat die Greenpeace-Gruppe, die schriftliche Ideen für Halle sammelt. Und selber Ideen hat, wie die Studentin und gebürtige Hallenserin Hanna Romanowsky: Auch der Markt brauche einfach viel mehr Grün, sagt sie - was sofort einleuchtet, wenn man sich die grüne Pyramide wegdenkt, an der die Greenpeace-Gruppe hier nur gelegentlich Aktionen startet.

Einmal wöchentlich steht dagegen die „Bürgerinitiative Historische Rathausseite“ an der Marktecke zur Leipziger Straße. Ein Wiederaufbau des nach Kriegsschäden abgerissenen alten Rathauses ist ihr Fernziel, der Aufbau des noch erhaltenen Rathaus-Portals das Nahziel. Vereins-Chef Ulrich Schröder hält den Plan eines Wiederaufbaus des ganzen Rathauses, etwa als Domizil für eine Kunsthalle - mit Hilfe eines Investors und der bereits gegründeten Stiftung - für realistisch: 20 Millionen würde es kosten, meint er. Das Geld solle aber aufgebracht werden, „ohne dass deshalb anderswo was fehlt“.

Bürgerinitiative Historische Rathausseite: Der graue Steinboden ... „Sieht aus wie ein Leichentuch“

Und sonst? „Es müsste noch einiges am Markt geschehen“, meint Schröder: Der graue Steinboden ... „Sieht aus wie ein Leichentuch“ würden manche sagen. Auch eine Überarbeitung der biederen alten Kaufhof-Fassade sei längst wünschenswert. Und, ja, auch mehr Grün. Doch dafür müssen er, sein Verein und viele andere sich noch mächtig drehen. Sich drehen um Halles Markt endlich richtig zum Leuchten zu bringen.

Gedreht, nämlich weggedreht vom Händel hat sich übrigens nun auch das Pärchen. Und die Geduld des Jungen hat sich offenbar gelohnt. Arm in Arm mit dem Mädchen schlendert er zum Boulevard. Und beide sind, wie es scheint, nun in doppeltem Sinn nicht mehr auf dem Markt. (mz)