Kulturreederei Halle

Kulturreederei Halle: Sind wir noch wir - oder wer?

halle/MZ - Die Frage, ob wir - bei allem Streben nach perfekter Individualität vielleicht doch nichts anderes sind als genetische Imitationen unserer Vorfahren, ist mit Sicherheit erst wenigen eingefallen. Bei Geistesgrößen wie Friedrich Nietzsche, Hans-Peter Dürr oder auch Elfriede Jelinek finden sich Äußerungen zu dieser spannenden Frage - wenn man nur tief genug in deren Schriften gräbt. Das hat das Team der halleschen Kulturreederei weidlich getan und sich über einen drei Jahre währenden kreativen Prozess diesem Thema genähert. Mit ins Boot der intensiven textlichen wie auch persönlichen Auseinandersetzung wurden drei Schauspieler aus Berlin und Dresden geholt, die nach einem extra anberaumten Vorsprechen nun die quasi-ideale Bereicherung für das eingespielte und ausdrucksstarke Kulturreederei-Ensemble ...

Von Manuela Schreiber

Die Frage, ob wir - bei allem Streben nach perfekter Individualität vielleicht doch nichts anderes sind als genetische Imitationen unserer Vorfahren, ist mit Sicherheit erst wenigen eingefallen. Bei Geistesgrößen wie Friedrich Nietzsche, Hans-Peter Dürr oder auch Elfriede Jelinek finden sich Äußerungen zu dieser spannenden Frage - wenn man nur tief genug in deren Schriften gräbt. Das hat das Team der halleschen Kulturreederei weidlich getan und sich über einen drei Jahre währenden kreativen Prozess diesem Thema genähert. Mit ins Boot der intensiven textlichen wie auch persönlichen Auseinandersetzung wurden drei Schauspieler aus Berlin und Dresden geholt, die nach einem extra anberaumten Vorsprechen nun die quasi-ideale Bereicherung für das eingespielte und ausdrucksstarke Kulturreederei-Ensemble bilden.

Dass das Ganze keine leicht verdauliche Kost ergeben kann, ist im Voraus zu ahnen. Da wird keine leichte Kost serviert, sondern aus dem prallen bis grotesk verstörenden (Theater-)Alltag mit vollen Händen geschöpft. Die passgenaue Raumkonstellation ermöglicht den blutigen Shakespear’schen Monolog (Martin Sommer) ebenso, wie das absurde synchrone Spaghetti-Essen aller sieben Akteure. Oder die sich schier endlos wiederholenden Bewegungsabläufe zu Beginn, deren Sinn sich aber erst am Ende des fast dreistündigen, ambitionierten Theaterabends vollständig erschließt. Dann, als auch der ständig präsente Batman (Ilya Wehrenpfennig) nichts anderes mehr sein will als nur noch er selbst - statt seines eigenen Abziehbilds.

Etliche darstellerische Leistungen frappieren - wie jener Monolog von Maxi Mercedes Grehl, bei dem sie sich vom Weltschmerz zum Kinderwunsch durchhangelt. Und das nachfolgende, genial imitierte - sprich gesungene - Céline-Dion-Super-Lied (Vivien Andrée) aus „Titanic“ jagt gleich noch eine Gänsehaut hinterher. So setzen sich viele Szenen wie Puzzlesteine eines interessanten, anspruchsvollen Bildes aneinander.

Doch das Ausufernde, zeitlich Überbordende und die nicht hundertprozentige Ausgewogenheit zwischen intellektuellem Anspruch und intelligenter Unterhaltung vermindern etwas das hier aufflammende großstädtische Theaterflair. Dennoch: Ein unbedingt sehenswerter Abend für alle, die sich Zeit und inneren Raum dafür geben können - und wollen.