Privorozki nimmt Haseloff in Schutz

Jom Kippur in Halle: Kritik an Politiker-Besuch

Halle (Saale) - Ein als Zeichen der Solidarität gemeinter Besuch und eine Ansprache bei der Jüdischen Gemeinde in Halle hat Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) Kritik eingebracht.

Von Hagen Eichler und Jonas Nayda
Ministerpräsident Haseloff (CDU) besuchte die Gemeinde am Montag.
Ministerpräsident Haseloff (CDU) besuchte die Gemeinde am Montag. ZB

Ein als Zeichen der Solidarität gemeinter Besuch und eine Ansprache bei der Jüdischen Gemeinde in Halle hat Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) Kritik eingebracht.

Die aus Österreich stammende Jüdin Christina Feist, beim Terroranschlag vor einem Jahr und auch am Montag in Halle dabei, warf Haseloff vor, den Feiertag Jom Kippur zu PR-Zwecken als „Schaubühne“ zu instrumentalisieren.

Streit um die „Versöhnung“

Zudem zitierte sie Haseloff mit dem Satz: „Was letztes Jahr geschah, wäre nicht passiert, wenn es mehr Versöhnung gäbe.“ Feist deutete das offenbar als Kritik an Juden. Dieser Deutung schlossen sich auch andere an. Die Jüdische Studierendenunion zeigte sich „entsetzt“ und forderte eine Entschuldigung von Haseloff.

Halles Jüdische Gemeinde nahm Haseloff gegen die Kritik in Schutz. „Was Frau Feist schreibt, ist nicht fair“, sagte Gemeindechef Max Privorozki.

„Der Besuch war von uns gewünscht und auch so vereinbart. Ich kann ihre Reaktion nicht verstehen.“ Die Politiker - neben Haseloff war Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) anwesend - hätten sich nicht respektlos verhalten. Der Gottesdienst sei insgesamt sehr erfolgreich verlaufen.

Haseloff erklärt umstrittenen Satz

Dass der von Feist zitierte Satz so gefallen ist, bestreitet Haseloff nicht. Regierungssprecher Matthias Schuppe sagte auf MZ-Nachfrage, der Ministerpräsident habe dabei aber das Umfeld des Attentäters gemeint.

Wenn es dort mehr Versöhnung gegeben hätte, wäre Stephan B. vielleicht gar nicht erst zum Attentäter geworden, so Schuppe. Kritik an Haseloff gab es jedoch auch aus der Landespolitik. Sebastian Striegel, Landeschef der mitregierenden Grünen, hält Haseloffs Wortwahl für unangebracht.

Forderung: Haseloffs Ansprache soll im Landtag debattiert werden

„Er hat in der Synagoge zu den Beterinnen und Betern gesprochen und fehlende Versöhnung angesprochen. Das kann nicht sein. Im Umgang mit dem Holocaust kann Versöhnung von den Betroffenen ausgehen, sie kann aber niemals eingefordert werden“, sagte Striegel.

Kritik kam auch von der oppositionellen Linken. Haseloffs Satz lasse sich so interpretieren, als hätte der Anschlag von Halle „durch Versöhnung der Juden verhindert werden können“, sagte Landtagsvizepräsident Wulf Gallert.

Tatsächlich aber hätte die Polizei das Gebäude schützen müssen. Gallert forderte, Haseloffs Ansprache in der Synagoge im Landtag zu debattieren.

Störende Christen?

Die Haseloff-Kritikerin Feist ist auch Nebenklägerin im Terrorprozess von Halle. In ihrer per Twitter verbreiteten Kritik stellte sie den Besuch von Haseloff und Oberbürgermeister Wiegand indirekt in eine Reihe mit dem Terroranschlag am 9. Oktober 2019. „Auch dieses Jahr“ habe das Gebet zu Jom Kippur „wegen der christlichen Mehrheitsgesellschaft“ unterbrochen werden müssen, klagte sie.

In Sachsen-Anhalt gehören allerdings nur etwa 15 Prozent der Einwohner einer christlichen Kirche an.

Kritik übte Feist auch daran, dass „einer der wichtigen Menschen“ mit dem Handy in der Hand in den Gebetsraum gekommen sei. Einen Namen nannte sie nicht. Regierungssprecher Schuppe sagte auf Nachfrage, Haseloff habe kein Handy gehalten, sondern eine Bibel. (mz)