Im Ausnahmezustand

Im Ausnahmezustand: Hallescher Chefarzt spricht über ein Jahr mit Corona

Halle (Saale) - Ende März vergangenen Jahres erreichte Professor Hermann Wrigge vom Klinikum Bergmannstrost Halle ein Hilferuf aus Italien: „Ein Kollege aus Mailand, mit dem ich seit Jahren wissenschaftlich zusammenarbeite, fragte, ob wir Corona-Patienten aus Bergamo aufnehmen könnten“, erinnert sich der Chefarzt der Klinik für Intensiv- und ...

Von Julius Lukas

Ende März vergangenen Jahres erreichte Professor Hermann Wrigge vom Klinikum Bergmannstrost Halle ein Hilferuf aus Italien: „Ein Kollege aus Mailand, mit dem ich seit Jahren wissenschaftlich zusammenarbeite, fragte, ob wir Corona-Patienten aus Bergamo aufnehmen könnten“, erinnert sich der Chefarzt der Klinik für Intensiv- und Notfallmedizin.

Es sei um drei Männer und eine Frau in kritischem Zustand gegangen. „Natürlich wollten wir helfen“, sagt Wrigge. „Allerdings ist es nicht einfach, derartig infektiöse Notfallpatienten durch halb Europa zu befördern.“

Was damals - und auch in anderen Phasen - half, war Kooperation. Mit Unterstützung des Elisabethkrankenhauses in Halle konnte der Transport mit einem Ambulanzflugzeug der Schweizerischen Rettungsflugwacht organisiert werden. „Und nach Wochen intensiver Behandlung waren die vier Patienten in der Lage, die Klinik auf ihren eigenen Füßen wieder zu verlassen.“

Chefarzt Hermann Wrigge über ein Jahr Corona

Die vier Italiener sind für Hermann Wrigge ein Beispiel, das stellvertretend für die vielen Gesichter der Pandemie steht: Da seien zum einen die schwerkranken Menschen, die um ihr Leben kämpfen. „Da ist aber auch die Zusammenarbeit und Solidarität, die bis auf die europäische Ebene reicht“, sagt der Chefarzt, mit dem die MZ stellvertretend für die vielen Beschäftigten des medizinischen Sektors auf die vergangenen zwölf Monate Corona-Pandemie zurückgeblickt hat.

Ein Jahr der Extreme

Für Ärzte und Pflegekräfte war das Jahr eines der Extreme. „Solche eine Situation habe ich in meinem Arbeitsleben noch nie erlebt“, sagt Wrigge. Die Belastung sei dauerhaft hoch gewesen. Insbesondere Ende Dezember, als die zweite Infektionswelle die Zahl der Patienten nach oben trieb, war die Grenze des Machbaren fast erreicht.

„Wir mussten Stationen räumen, um das Pensum bewältigen zu können“, erzählt Wrigge. Alle planbaren Eingriffe wurden abgesagt, und die Intensivbetten füllten sich. „Das war eine Eskalation, mit der ich so nicht gerechnet hätte, obwohl wir gut vorbereitet waren.“

Sorge um die eigene Gesundheit

Während die Furcht vor Kapazitätsengpässen die zweite Welle bestimmte, war für das medizinische Personal während des ersten Infektionsschubs im Frühjahr 2020 auch die Sorge um die eigene Gesundheit hoch. „Vor allem zu Beginn hatten wir Probleme, genug Schutzausrüstung zu bekommen“, sagt Wrigge.

Die Frage stand im Raum, wie man die infektiösen Patienten behandeln kann, ohne selbst zum Patienten zu werden. „Aber bis heute hat sich auf unserer Corona-Intensivstation kein Mitarbeiter angesteckt.“

Nicht nur Risikogruppen von Corona betroffen

Die vergangenen zwölf Monate waren auch eine Zeit des Lernens. „Wir standen und stehen einem Virus und einer Krankheit gegenüber, die wir zuvor nicht kannten und auch erst nach und nach verstehen“, sagt der Chefarzt. Auch er habe sich manchmal machtlos gefühlt. „Wir haben ja bis heute das Problem, dass wir die Erkrankung selbst nicht bekämpfen, sondern nur die Symptome behandeln können.“

Hinzu kommen Fälle vergleichsweise junger Patienten, die schwere Verläufe haben. Die topfitte 30-jährige Polizistin, die auf die Intensivstation muss, der kerngesunde 40-jährige Maurer, bei dem nur noch die künstliche Beatmung hilft. „Diese schweren Verläufe bei jungen Patienten, die keine Vorerkrankungen haben, kennen wir auch von anderen Erkrankungen - etwa bei bakteriellen Lungenentzündungen oder auch bei der Grippe.“ Eine Erklärung dafür, warum es den einen schlimmer trifft als den anderen, gebe es jedoch bisher nicht.

Zeit des Lernens

In anderen Bereichen, sagt Wrigge, habe es im vergangenen Jahr allerdings durchaus eine Lernkurve gegeben. Ein Beispiel ist die Art der Beatmung. „Zu Beginn haben wir die Patienten recht schnell intubiert, also invasiv beatmet“, erklärt Wrigge. Das hänge mit Erfahrungen bei anderen, die Atmung betreffenden Krankheiten zusammen. „Beim klassischen Lungenversagen sind große Teile der Lunge zusammengefallen oder mit Sekret gefüllt.“

Ein hoher Beatmungsdruck durch die Intubation könne helfen, die Lunge wieder aufzumachen. „Covid führt allerdings eher zu einer Durchblutungsstörung in der Lunge“, sagt Wrigge. Und der könne auch mit weniger schwerwiegenden Therapien begegne werden, etwa einer intensiven Zufuhr von bis zu 50 Liter Sauerstoff pro Minute, die über eine sogenannte Nasenbrille verabreicht wird.

Sorge vor der dritten Welle

Das vergangene Jahr sei Dauerstress gewesen, sagt Hermann Wrigge. Aber der habe auch zusammengeschweißt. „Ich habe bei uns in der Klinik, aber auch darüber hinaus viel selbstlose Zusammenarbeit erlebt.“ Diese positiven Eindrücke dürften aber nicht über die Gefährlichkeit der Virusinfektion hinwegtäuschen.

„Einer der vier Italiener schickt mir regelmäßig noch Aufnahmen seiner Lunge, die zeigen, wie schwerwiegend auch die Langzeitfolgen sind.“ Gerade mit Hinblick darauf befürchtet Hermann Wrigge, dass die aktuellen Lockerungen zu weit gehen. „Ich habe die Sorge, dass wir gerade in eine dritte Welle laufen, die uns schwerer treffen könnte als die zweite.“ (mz)