Hochwasser in Halle

Hochwasser in Halle: Aber was ist schon normal?

Halle/MZ - Aus der Anzeigetafel ist eine Speisekarte geworden. „Mittagessen ab 12.30 Uhr. Kartoffelbrei mit Currywurst, Mischgemüse und Nachtisch! Guten Appetit!“ steht in leuchtenden Buchstaben auf der quadratmetergroßen Tafel, auf der normalerweise Spielstände angezeigt werden. Aber in diesen Tagen ist ja nichts normal, in Halle nicht und auch nicht in der Brandberge-Sporthalle. Das Gebäude am Kreuzvorwerk wurde zur Notunterkunft umfunktioniert für all jene, die wegen des Hochwassers ihre Wohnungen verlassen mussten. 80 Menschen haben dort die Nacht zum Donnerstag verbracht. Auf ...

Von Peter Godazgar 07.06.2013, 21:18

Aus der Anzeigetafel ist eine Speisekarte geworden. „Mittagessen ab 12.30 Uhr. Kartoffelbrei mit Currywurst, Mischgemüse und Nachtisch! Guten Appetit!“ steht in leuchtenden Buchstaben auf der quadratmetergroßen Tafel, auf der normalerweise Spielstände angezeigt werden. Aber in diesen Tagen ist ja nichts normal, in Halle nicht und auch nicht in der Brandberge-Sporthalle. Das Gebäude am Kreuzvorwerk wurde zur Notunterkunft umfunktioniert für all jene, die wegen des Hochwassers ihre Wohnungen verlassen mussten. 80 Menschen haben dort die Nacht zum Donnerstag verbracht. Auf Feldbetten.

Bequem ist anders. Das weiß auch Florian Sachse. Der Chef des Sanitätszugs Saalekreis des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) hat mit seinen Kollegen darum fast bis Mitternacht versucht, vor allem für die älteren Menschen andere Unterkünfte zu bekommen. In Pflegeeinrichtungen oder in freien Wohnungen. „Mit einem ordentlichen Bett.“

Man hat nicht für alle was gefunden, aber am Donnerstag ging die Suche weiter. Und da fand sich auch für Christa Lange eine neue, angenehmere Zwischenlösung: Katrin Ullrich und Nancy Ufer vom Bauverein Halle & Leuna kamen am Vormittag vorbei - im Angebot: Ein Appartementhaus auf der Silberhöhe, dessen Wohnungen das Unternehmen vermietet - normalerweise. 40 Betten stehen dort zur Verfügung, richtige Betten. Christa Lange freut das - aber sie hätte auch noch eine weitere Nacht in der Sporthalle überstanden: „Besser konnte man gar nicht betreut werden“, lobt die 79-Jährige den Einsatz der Helfer.

Schüler helfen

Jetzt spielt sie erstmal eine Runde Rommé, mit der ebenfalls betroffenen Jasmin (14) sowie mit Marie und Max, zwei 15-jährigen Schülern, die in eine neunte Klasse des Elisabeth-Gymnasium gehen - eigentlich. Sie machen es wie viele hallesche Schüler: Sie lassen sich von ihren Eltern Entschuldigungen schreiben - und gucken, wo sie helfen können. „Bei uns ist fast die ganze Klasse unterwegs“, sagt Marie. Sie selbst war Anfang der Woche blöderweise krank. „Ich lag im Bett und dachte: Ich muss was machen.“ Über soziale Netzwerke tauschen sich die jungen Leute aus: Wo wird jemand gebraucht?

„Das ist toll“, sagt DRK-Zugführer Sachse. Und wichtig. Um mit Kindern zu spielen oder mit alten Leuten einen Schwatz zu halten, braucht es keine Ausbildung. So kommen Menschen zusammen, die sich vor zwei Tagen noch nicht gekannt hatten. Zum Beispiel Rudolf Ziron und Nora Hofmann: Sie sitzen vor der Halle im schönsten Sonnenschein und plaudern. Ziron ist 93 Jahre alt - Nora Hofmann 39. Sie hat früh die Kinder in die Schule gebracht und kam danach spontan vorbei.

Sie nickt Rudolf Ziron zu: „Wir sind schon ein richtiges Team, was?“ Ja, noch ist die Stimmung bei den meisten gut. Aber DRK-Helfer Sachse weiß: Die Katastrophe ist längst nicht vorbei. Das Nervenkostüm wird in den kommenden Tagen dünner, vor allem bei jenen, die nach dem Abzug der Flut erkennen, wie groß der Schaden ist.

Hilfe statt Fitness

Noch ist die Hilfsbereitschaft riesig. Immer wieder kommen Hallenser vorbei, die Essen und Getränke bringen: Diana Heine hat ihr Fitness-Studio in eine Verpflegungsstation umgewandelt. Von dort aus verteilt sie Lebensmittel, die sie von Unternehmen bekommt. „Ich kann doch jetzt keine Fitness-Kurse anbieten“, sagt sie. Diese Hilfsbereitschaft - Alisa Böttcher bereitet das ein echtes „Gänsehaut-Gefühl“. Nachmittags standen die Hallenser fast Schlange, um Kuchen abzugeben. „Das ist so unglaublich beeindruckend“, sagt die 23-Jährige, die das Auskunftsbüro am Halleneingang leitet.

Am frühen Abend sind es nur noch 25 Betroffene, für die noch keine Unterkunft gefunden wurde. Fragt sich, ob das eine normale Lage wäre in diesen gänzlich unnormalen Tagen.