Erster diverser Buchladen in Halle

Hier gibt es keinen Platz für Stephen King

Eine junge Unternehmerin eröffnet Halles ersten diversen Buchladen. Sie will den Blick auf Literatur von Frauen und von diversen Menschen lenken.

16.04.2021, 12:58

Halle (Saale) - Wer den neuen Buchladen in der Kleinen Marktstraße?4 betritt, wird vergeblich nach Literatur von Thomas Mann, Erwin Strittmatter oder Lutz Seiler suchen. Auch die Romane von Stephen King sind nicht in den Regalen zu finden - und das, obwohl der zu den literarischen Favoriten der Inhaberin zählt. Doch bei aller Liebe: In dem Geschäft, das am Freitag, 9 Uhr, zum ersten Mal seine Türen öffnen wird, geht es um etwas anderes. Sarah Lutzemann will im „Kohsie“ (nach cosy – englisch für kuschlig oder gemütlich) weibliche und diverse Autoren ins Blickfeld rücken.

Begonnen hat alles damit, dass sich die heute 34-Jährige mehr und mehr Gedanken über die eigene Identität machte, und sich dabei vor zwei Jahren selbst verordnete, vorerst nur noch Literatur zu lesen, wie sie jetzt anbietet. Die Vielfalt ist enorm, hat sie mit zunehmender Recherche festgestellt – weitaus größer jedenfalls als im Buchhandel sichtbar. Es entstand die Idee, diesen Büchern einen Platz zu bieten und Leser darauf aufmerksam zu machen. Zugleich erfüllt sich Sarah Lutzemann mit dem Geschäft den Traum von der beruflichen Selbstständigkeit. Bis 2019 war sie in der Koordination technischer Änderungen zwischen Entwicklungsabteilung und Produktion bei einem Fahrzeughersteller im Saarland angestellt.

„Irgendwann habe ich gemerkt: Das ist nicht mehr meine Arbeitswelt“

„Irgendwann habe ich gemerkt: Das ist nicht mehr meine Arbeitswelt“, erzählt sie. Da kam ihr ein Abfindungsprogramm des Unternehmens zupass. Sarah Lutzemann ergriff ihre Chance, zunächst mit dem Ziel, sich im Saarland selbstständig zu machen. Anfang 2020 sollte es soweit sein. „Dann kam Corona“, erinnert sie sich. Wieder war vieles offen. Bis es sie und ihren Mann Danny aus familiären Gründen in dessen Heimatstadt zog. Seit Jahresbeginn leben Lutzemanns nun (wieder) in Halle und haben für ihr Geschäft die Räume in der Kleinen Marktstraße gefunden.

Im Laden wird hauptsächlich Sarah Lutzemann stehen. Ihr Mann, nach Abitur und Lehre im Einzelhandel in Westdeutschland tätig, übernimmt die Aufgaben, die erfüllt werden müssen, damit ein Geschäft gut läuft. Damit, dass keine Bücher aus männlicher Feder in den Regalen stehen, hat der 43-Jährige kein Problem, im Gegenteil. „Die Welt, in der wir uns befinden, ist von weißen, männlichen Entscheidungen geprägt“, sagt er, „und ihr Zustand ist nicht der beste.“ Es sei auf jeden Fall den Versuch wert, andere Sichtweisen in Entscheidungen einfließen zu lassen. Dazu aber müsse ein Bewusstsein entstehen, dass es diese anderen Stimmen gibt.

„79 Prozent der Autoren sind Männer“

Sarah Lutzemann hat ein Blick in die Buchempfehlungen für Gymnasiasten in Sachsen-Anhalt genügt, um festzustellen, wie viel da noch zu tun bleibt: „79 Prozent der Autoren sind Männer, und es wird Literatur von genau einer schwarzen Frau und einem schwarzen Mann empfohlen.“ Im „Kohsie“ stehen selbstverständlich Bücher aus Asien oder Afrika in den Regalen. Die Gründerin findet es spannend, Geschichten aus diesen Regionen zu lesen, verfasst von Menschen, die manches aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Sie selbst will demnächst „Royal blue“ lesen, ein Buch von Casey McQuiston, einer nonbinären Person – also einer, die sich weder als eindeutig weiblich noch als eindeutig männlich sieht – aus den USA. In deutscher Übersetzung wird es im „Kohsie“ zu haben sein. Sie kenne nicht jedes Buch im Sortiment im Detail, erzählt Sarah Lutzemann. Aber jeder Titel sei von Hand ausgewählt.

Bei Verwandten und Freunden sind Lutzemanns mit ihrem Vorhaben auf Rückhalt, aber auch auf Fragezeichen gestoßen. „Wir machen ihnen viel Mühe“, sagt Danny Lutzemann. „Sie sind hin und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu uns und ihrem eigenen Weltbild. Da kratzen wir mit Löffeln an Mauern.“ Aber es lohnt sich, sind seine Frau und er sich sicher. Und selbstverständlich gibt es in ihrem Geschäft auch Bücher von Männern. Aber nur auf Bestellung. (mz/Annette Herold-Stolze)