Der Hauptbahnhof und seine Geschichte

Hauptbahnhof Halle (Saalle) und seine Geschichte: Und nun kommt Hans-Dietrich Genscher

Halle (Saale) - Am Freitag wird der Bahnhofsplatz nach Halles Ehrenbürger benannt. In der Geschichte steht dieser Ort vor allem für den Aufschwung der Stadt.

Von Dirk Skrzypczak

Wie oft ist Hans-Dietrich Genscher (1927 - 2016) wohl Bahn gefahren? Für den Ehrenbürger der Stadt Halle und früheren Bundesaußenminister war - in seiner Amtszeit - natürlich das Flugzeug das wichtigste Reisemittel. Als Bundesinnenminister (1969 - 1974) wurde der FDP-Politiker öfters im Nachtzug zwischen Berlin und München gesichtet. Und 1999 saß Genscher für einen Werbespot der Bahn mit seinem berühmten gelben Pullunder in einem ICE.

Am Freitag, zu seinem ersten Todestag, wird die Stadt Halle den Bahnhofsplatz nach dem gebürtigen Reideburger benennen. An der festlichen Zeremonie gegen 13.30 Uhr, die am Abend durch einen Empfang in der Leopoldina (18 Uhr) abgerundet wird, soll auch Genschers Ehefrau Barbara teilnehmen.

Stadtarchiv Halle (Saale): Der Bahnhof mit seinem Vorplatz hat eine bewegte Geschichte

Viele Hallenser rümpfen indes noch heute die Nase. Einen Hans-Dietrich-Genscher-Platz oder eine Genscher-Straße hätten sie sich in besserer Lage gewünscht. Ralf Jacob, Leiter des Stadtarchivs, widerspricht. „Der Bahnhof mit seinem Vorplatz hat eine bewegte Geschichte. Hier wurden schon Könige und Kaiser empfangen. Der Ort ist dem Gedenken absolut würdig“, sagt er.

2015 hatte Jacob zum 125. Geburtstag des Hauptbahnhofs in Halle ein reich bebildertes Buch herausgebracht, das die Geschichte der Eisenbahn in und um die Saalestadt beleuchtet. Und eines steht fest: Mit 40.000 bis 50.000 Passagieren pro Tag gehört der Hauptbahnhof und mit ihm der Vorplatz, etwa 44 Meter lang und 120 Meter breit, zu jenen Flecken in Halle, auf denen das Leben am meisten und vor allem nahezu unablässig pulsiert. Gemessen an der Größe des Platzes sind hier auf dem Quadratmeter mehr Menschen unterwegs als etwa auf dem Markt.

Ludwig Wucherer schwebte eine Eisenbahn von Halle nach Leipzig und bis nach Magdeburg vor

Es waren unter anderem Visionäre wie der Unternehmer und Politiker Ludwig Wucherer oder aber der Zuckerfabrikant Carl August Jacob, die sich im 19. Jahrhundert für einen „eisernen Weg zur Fortschaffung der Mineralien und Kohle“ aussprachen, schreibt Jacob. In Halle lebten damals etwa 28.000 Einwohner. Und um den Handel anzukurbeln und damit den Wohlstand an die Saale zu bringen, brauchten die Kaufleute auch neue Vertriebswege.

Wucherer schwebte eine Eisenbahn von Halle nach Leipzig und bis nach Magdeburg vor. Die Rivalität mit der Elbestadt muss schon damals groß gewesen sein. Wie Archivar Ralf Jacob beim Stöbern in den Akten jedenfalls herausgefunden hat, wollte Magdeburg den Schienenweg über Halle mehrfach verhindern.

Hauptbahnhof Halle (Saale): Am 17. Juli 1840 begann das Eisenbahnzeitalter

Doch der Fortschritt war nicht aufzuhalten und so begann in Halle am 17. Juli 1840 das Eisenbahnzeitalter. Fortan ging es rasant weiter. Und ähnlich wie heute bei den ICE, die seit 2002 die Namen von Städten tragen, wurden die stählernen Schlachtrösser auch im 19. Jahrhundert getauft. „Antilope“, „Hercules“ oder „Vulkan“ galten laut Jacob als Synonym für Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer.

Doch der starke Anstieg des Reise- und Güterverkehrs brachten die Eisenbahner an ihre logistischen Grenzen. Der Ruf nach einem Hauptbahnhof wurde laut, Architekt Friedrich Carl Peltz übernahm die Aufgabe und 1890 war der Neubau fertig. Die Hallenser waren derart euphorisiert, dass sie das Gebäude mit seiner prachtvollen Ansicht von der Delitzscher Straße aus mit einem Schloss verglichen.

1893 wurde ein Modell des Bahnhofs auf der 19. Weltausstellung in Chicago präsentiert

Die lokale Presse sah in der Architektur gar eine Anlehnung an den Petersdom in Rom. 1893 wurde ein Modell des Bahnhofs auf der 19. Weltausstellung in Chicago präsentiert.

Und nun, in dieser Historie, kommt also Genscher. Und wenn man so will, lässt sich sehr wohl ein treffender Vergleich zwischen dem Politiker und der Bahn ziehen. Nach seinem berühmten Auftritt am 30. September 1989, als er vom Balkon der voll besetzten Prager Botschaft die Ausreisegenehmigung den versammelten DDR-Flüchtlinge verkündete, waren die Menschen mit Sonderzügen in den Westen gefahren. Wie die Leipziger Montagsdemos galt auch dieser Moment als ein Wendepunkt in der Geschichte. Mit Genscher als einer der Hauptakteure. (mz)