Germanwings-Absturzopfer Juliane Noack beigesetzt

Germanwings-Absturzopfer Juliane Noack beigesetzt: "Es wäre eindeutig viel besser, Du wärst noch da"

Halle (Saale) - „Liebe Jule, ich habe gehört, Du sollst tot sein. Abgesehen davon, dass ich es nicht verstehen kann, finde ich es scheiße.“ Die junge Frau, die am Freitag in der Laurentiuskirche in Halle ans Mikrofon tritt, atmet tief durch, bevor sie aus dem Brief vorliest, den sie ihrer Freundin Juliane Noack unmittelbar nach der Todesnachricht geschrieben hat. Einer von vielen sehr emotionalen Momenten bei der Trauerfeier für die beim Absturz von Germanwings-Flug 4U?9525 am 24. Märzums Leben gekommene Künstlerin aus ...

Von Felix Knothe 31.07.2015, 14:42

„Liebe Jule, ich habe gehört, Du sollst tot sein. Abgesehen davon, dass ich es nicht verstehen kann, finde ich es scheiße.“ Die junge Frau, die am Freitag in der Laurentiuskirche in Halle ans Mikrofon tritt, atmet tief durch, bevor sie aus dem Brief vorliest, den sie ihrer Freundin Juliane Noack unmittelbar nach der Todesnachricht geschrieben hat. Einer von vielen sehr emotionalen Momenten bei der Trauerfeier für die beim Absturz von Germanwings-Flug 4U?9525 am 24. Märzums Leben gekommene Künstlerin aus Halle.

Rund 160 Angehörige und Freunde sind gekommen, um Abschied zu nehmen. Von März bis Ende Juli, das ist eine lange Zeit der Trauer, ohne dass es einen Schlusspunkt hätte geben können, einen äußerlichen zumindest. Nun ist er immerhin da. Der katholische Propst von Halle, Reinhard Hentschel, würdigt Juliane Noack. Sie sei eine besondere junge Frau mit großer Eigenständigkeit gewesen. „Ein bunter Mensch, der es vermochte, den Dingen auf den Grund zu gehen.“ Als die Urne ins Grab gesenkt wird, sprechen Freunde letzte Fürbitten. Tränen fließen.

Wie geht Bewältigung?

Bis zu diesem Schlusspunkt in Halle war es ein weiter, schwerer Weg für Juliane Noacks Freunde und Verwandte. Sie hinterlässt ihre Eltern und ihren Partner, mit dem sie ein Kind erwartete. Bis Mitte Juni musste die Familie darauf warten, dass die sterblichen Überreste nach Deutschland überführt wurden. Die Noacks haben sich mehrmals mit anderen Angehörigen von Opfern des Absturzes getroffen. Sie haben natürlich auch mit Anwälten geredet, haben jede Information aufgesaugt und versucht klarzukommen, die Trauer zu bewältigen.

Aber wie geht Bewältigung? Wie kann man irgendwann klarkommen mit einem plötzlichen, sinnlosen, so unfassbaren Tod wie diesem? Mit der „Unabänderlichkeit des Geschehenen“, wie es der Beauftragte der Bundesregierung für die Hinterbliebenen des Unglücks Steffen Rudolph genannt hat?

Um klarzukommen hat sich Juliane Noacks Vater Frank Dinge zugemutet, die man eigentlich kaum jemandem zumuten würde. Er hat sich in Paris vor die Monitore der französischen Staatsanwaltschaft gesetzt, wo die Ermittler den Angehörigen, die das wollten, die letzten Minuten des Fluges in einer Simulation vorspielten. Parallel zur Sicht aus dem Cockpit lief die Aufnahme des Stimmenrekorders.

„Wir hörten, wie der Pilot von draußen den Copiloten beim Vornamen rief, wie er versuchte, die Tür einzuschlagen. Wir hörten, wie die Fluglotsen versuchten, Kontakt aufzunehmen, dann auch andere Flugzeuge in der Umgebung. Das spitzt sich immer mehr zu. Dann kommen die Alarmsignale. Und dann sehen Sie die Wand auf sich zukommen.“

Warum setzt man sich so einer schrecklichen Szene aus? „Weil wir aus erster Hand erfahren wollten, was passiert ist. Nicht von einem Ermittler oder aus irgendeinem Bericht“, sagt Noack. „Für uns war es extrem hart, denn wir wussten, dass Juliane in der ersten Reihe gesessen hatte. Sie muss das alles mitbekommen haben.“

Den Schmerz durchleben, um ihn begreifen zu können. Für Frank Noack scheint das eine Hilfe zu sein. Eine von vielen, die er und seine Frau Jana immer wieder erfahren. Da sind die Freunde, die Familie. Da ist die gemeinsame Trauer mit den anderen.

Und da ist die Anteilnahme der Fremden. Vor knapp drei Wochen sind sie zum ersten Mal in die französischen Alpen gereist, in jenen Ort Le Vernet, in dessen Bergen das Flugzeug zerschellte. Allein. Sie wollten Ruhe, und doch trafen sie eine andere Gruppe Angehöriger aus Spanien. Es war bei allem Schmerz eine herzliche Begegnung. Auch der Bürgermeister sei spontan gekommen und habe sie begrüßt. Die Menschen im Ort hätten sie umarmt und mit ihnen geweint.

Am Freitag hat Propst Hentschel in seiner Ansprache auch Oscar Wilde zu Wort kommen lassen: „Am Ende wird alles gut, und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht zu Ende.“ Für die Noacks ist es noch nicht zu Ende. Da ist zum einen das Positive. Sie kümmern sich jetzt mit anderen um das künstlerische Werk, das ihre Tochter hinterlässt. Ein Werkverzeichnis soll entstehen, es gibt Anfragen großer Museen, auch die Diskussionen mit dem Land um eine Künstlerförderung gehen voran. „In ihren Werken lebt Juliane fort. Es ist unsere Aufgabe, uns darum zu kümmern“, sagt Frank Noack.

Aber es gibt auch noch das Negative, denn zum Klarkommen gehört natürlich auch die Frage nach der Schuld. Noack hat viele Fragen, vor allem an die Lufthansa und die Krankenkasse des Copiloten. „Wenn jemand so eine Krankengeschichte hat, 41 Mal den Arzt wechselt, dann verursacht er einen Haufen Kosten. Mich interessiert: Was hat die Krankenkasse gewusst? Was haben sie dem Arbeitgeber möglicherweise verschwiegen?“

Warten auf ein faires Angebot

Und die Lufthansa selbst? Frank Noack ist dankbar und aufgebracht zugleich. „Die Mitarbeiter, die sich um uns Hinterbliebene kümmern, machen ihre Arbeit ausgezeichnet. Sie nehmen Anteil, leiden mit, weinen mit, sie beschützen und betreuen uns. Das wird aber gerade kaputt gemacht durch die unsäglichen Diskussionen ums Geld, die aus der oberen Lufthansa-Etage kommen. Sie versetzen uns in die Lage von Bittstellern. Das hat niemand verdient.“ Noack nennt keine Summen, die er möchte. Er will wie die allermeisten Angehörigen eine Regelung, die nicht allein dem deutschen Entschädigungsrecht folgt, das Hinterbliebene unfair behandelt. Die Lufthansa sollte von sich aus mit einem besseren Angebot kommen.

Oft sind die Worte, die man direkt nach dem Erleben aufschreibt, die treffendsten, so wie die, mit denen der Brief weitergeht, den die Freundin an Juliane Noack schrieb: „Es wäre eindeutig viel besser, Du wärst noch da. Aber mich fragt ja keiner. Jule, mich hat keiner gefragt!“ (mz)