Carmen Rohrbach

Carmen Rohrbach: Fernweh brachte Weltenbummlerin auch ins Gefängnis

Halle (Saale)/MZ. - Ins Offene gehen, frei sein, fremde Länder sehen. Für Carmen Rohrbach, zum Zeitpunkt ihres Fluchtversuches über die Ostsee 26 Jahre alt, war ein Kinofilm über die Meerechsen auf den Galapagos-Inseln der Auslöser ihrer unstillbaren Fernweh-Erkrankung. "Ich sah den Film und wollte dorthin", sagt die 64-Jährige, die heute Deutschlands bekannteste Reiseschriftstellerin ist, "aber irgendwann wurde mir klar, dass ich dort nicht hinkommen ...

Von Steffen Könau 02.11.2012, 16:03



Ins Offene gehen, frei sein, fremde Länder sehen. Für Carmen Rohrbach, zum Zeitpunkt ihres Fluchtversuches über die Ostsee 26 Jahre alt, war ein Kinofilm über die Meerechsen auf den Galapagos-Inseln der Auslöser ihrer unstillbaren Fernweh-Erkrankung. "Ich sah den Film und wollte dorthin", sagt die 64-Jährige, die heute Deutschlands bekannteste Reiseschriftstellerin ist, "aber irgendwann wurde mir klar, dass ich dort nicht hinkommen kann."



Schließlich ist Carmen Rohrbach in Bischofswerda / DDR geboren und in Freyburg an der Unstrut aufgewachsen. Noch dazu in einer Familie, die nicht nur nach außen hin fest daran glaubt, dass nur der Sozialismus Gerechtigkeit und Frieden für alle Völker bringt. Ihr Vater habe oft gesagt, "Du wirst es noch erleben, dass unser Land blüht und alle Menschen sehen, dass unsere Politik richtig ist".



Rohrbach ist so erzogen worden. "Über Jahre habe ich auch nie daran gezweifelt, weil ich es ja nicht anders kannte", sagt sie. Als Kind nimmt die hübsche Blondine selbstverständlich hin, dass die DDR sich eingemauert hat, dass Reisen dorthin, wo Entdeckungen und Abenteuer warten, nicht so einfach möglich sind. Mit roten Ohren liest sie die Berichte von Entdeckungsreisenden, an ihrer Seite durchquert sie Afrika, sie wandert zu den Nilquellen und besteigt den Nanga Parbat. Ihr "Entdecker-Gen", wie sie es heute selbst nennt, zwingt ihr ein schier unstillbares Fernweh auf. Die Zwölfjährige ist fest entschlossen, den Fährten von Humboldt, Cook und Livingstone zu folgern. "Ich habe gar nicht begriffen, dass ich in einem Land lebte, dass wie ein Gefängnis war."

Die einzige Sorge des kleinen Mädchens aus dem Unstruttal: "Alles, was ich las, war schon Vergangenheit, alles war schon entdeckt und erforscht". Was bleibe denn da noch für sie übrig, wenn sie erst alt genug sei, auszuziehen, um ihre eigenen Entdeckungen zu machen?, fragte sie sich.

So weit aber kommt es gar nicht. Carmen Rohrbach entscheidet sich zwar extra für ein Biologiestudium, um vielleicht doch einen Platz in einer Forschungsstation in exotischen Ländern zu ergattern. Aber als sie sich um einen von zwölf Plätzen für eine Forschungsreise nach Kuba bewirbt, kommt eine Absage - "obwohl sich insgesamt bloß sechs Bewerber gefunden hatten", wie Carmen Rohrbach heute noch schimpft. Zwei Studenten nur dürfen fahren, sie wird aussortiert, weil Verwandte im Westen leben.

Für die junge Frau ein erstes Zeichen. Das zweite folgt nicht viel später - diesmal bekommt sie eine Absage für eine Expedition in die Mongolei. "Man erklärte mir, ich könne ja durch die Wüste Gobi fliehen und dann von China aus zu meinen Verwandten fliegen." Carmen Rohrbach schüttelt den Kopf. "Das war, als ob mir jemand die Füße wegschlägt", sagt sie.

Der Fluchtversuch, der im WM-Sommer 1974 scheitern wird, folgt dennoch keinem langgehegten Plan. Er ist vielmehr Ergebnis einer zufälligen Begegnung im GST-Tauchklub: Auch der hübsche Ausbilder Jürgen fühlt die DDR-Enge, er will zum Great Barrier Reef und nach Mikronesien. Untrainiert und ohne Plan B machen sich beide wenig später in Halle-Neustadt auf, um geschützt von Neopren-Anzügen im Schlauchboot über die Ostsee zu rudern. Doch als sich ein DDR-Grenzschutz-Schiff nähert, muss das Boot geopfert werden. Trotzdem gibt es kein Zurück mehr: Obwohl sie beide wissen, dass es völlig unmöglich ist, 50 Kilometer weit bis nach Dänemark zu schwimmen, kehren die beiden Fernwehgeplagten nicht um.

Eine Entscheidung, die Carmen Rohrbach bis heute nicht bereut hat. Zwar erwischt ein DDR-Küstenschutzboot die völlig erschöpften Schwimmer schließlich doch noch, als sie auf einer Boje ausruhen. Zwar folgen der missglückten Flucht die U-Haft im Roten Ochsen in Halle, ein Prozess in Weißenfels und zwei Jahre Haft im Frauengefängnis Hoheneck. Doch eines Tages kommt auch für Carmen Rohrbach der Ruf "Du gehst auf Transport". Jeder im Gefängnis habe gewusst, was das bedeutet, sagt sie: "Man wird freigekauft."

Und frei bedeutet im Fall der heute in Bayern lebenden Biologin wirklich frei. Keinen Moment lang steht für sie die Frage, was sie im Westen tun wird. Während ihr früherer Fluchtgenosse, noch vor ihr aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen, wie es offiziell heißt, hingerissen ist von den Konsummöglichkeiten der Marktwirtschaft, marschiert Carmen Rohrbach trotz einer telefonischen Absage zum Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen bei München, um sich um eine Stelle zu bewerben.

Sie bekommt sie. Und noch mehr. "Das absolut Unglaubliche war", sagt sie, "dass ich tatsächlich den Auftrag bekam, ein Jahr lang das Verhalten der Meerechsen auf Galapagos zu beobachten."

Ein Kreis schließt sich. Ein Zufall, nicht mehr. Aber für Carmen Rohrbach auch die logische Folge ihres angeborenen Fernwehs. "Das ist wie bei jemandem, der das Talent hat, Musik zu machen", glaubt sie, "auch wenn man ihm das verbietet, wenn es in ihm drinsitzt, dann sucht er nach einem Weg."

Carmen Rohrbach hat ihren gefunden. Nach ihrer Reise zu den Galapagos-Inseln macht sie sich auf in die Anden. Lange vor Hape Kerkeling wandert sie den Jakobsweg entlang. Sie untersucht die in den Stein gescharrten Nazca-Bilder in Peru und folgt den Spuren der Königin von Saba quer durch den archaischen Jemen. Es sind abenteuerliche, oft einsame Reisen, die Carmen Rohrbach seit mehr als 20 Jahren rund um die Erde geführt haben. Durch die Mongolei ist sie auf dem Pferd geritten, den Jakobsweg in Begleitung eines Esels gegangen. Sie kommt nie als Touristin dorthin, sie lässt sich ganz ein auf Land und Leute, auf fremde Bräuche und Sitten, selbst auf die von Kopfgeldjägern auf den Philippinen oder mongolischen Schamanen.

Immer noch treibt sie die Neugier, treibt sie die Entdeckerlust, die schon das kleine Mädchen beseelte, das vor einem halben Jahrhundert in Freyburg an der Unstrut saß, mit heißen Ohren von den Reiseabenteuern der großen Pioniere las und sich fortträumte in den Himalaya, zum Kilimandscharo und zu den Bergen aus Feuer auf Maui. Überall dort ist sie gewesen, überall dort hat sie geforscht, sich umgeschaut, Menschen getroffen und Geschichten erlebt. So weit die Füße tragen, ist sie gegangen seit dem Tag, an dem sie sich in der Ostsee freigeschwommen hat. Aber angekommen ist Carmen Rohrbach zum Glück noch immer nicht.