Auch ohne leibhaftiges Publikum

Auch ohne leibhaftiges Publikum: Wie das Literaturhaus Halle den Neustart wagt

Halle - Autoren ohne leibhaftiges Publikum? Das ist die Taktik der Buchmesse, die an diesem Mittwoch in Frankfurt beginnt. Wo sich vor einem Jahr noch bis zu 300.000 Menschen an den Verlagsständen entlangschoben, herrscht ...

Von Christian Eger

Autoren ohne leibhaftiges Publikum? Das ist die Taktik der Buchmesse, die an diesem Mittwoch in Frankfurt beginnt. Wo sich vor einem Jahr noch bis zu 300.000 Menschen an den Verlagsständen entlangschoben, herrscht Leere.

Es ist, als hätte man ein Aquarium umgekippt: Im Restwasser zappeln einige Moderatoren und Schriftsteller. Übriggebliebene, die ihre einsam geführten Gespräche aufzeichnen und online verbreiten lassen.

Literaturhaus Halle setzt auf Online-Lesungen

Eine Umweg-Kommunikation, die dann zum Problem wird, wenn es die ausschließliche ist. Das Literaturhaus Halle geht einen anderen Weg. Das eine tun -und damit die tatsächliche Autorenlesung pflegen - und das andere nicht lassen: Digitale Formate schaffen, die im besten Fall auch mehr und anderes liefern, als es die klassische Publikumsbegegnung zu bieten hat.

Corona sorgt für Einschränkungen

Die ist im Literaturhaus Halle seit September wieder zu haben. Wenn auch nur im Großen Saal im Erdgeschoss des Hauses. Aber 40 bis 50 Menschen finden hier Platz, sagt der Literaturhaus-Leiter Alexander Suckel. „Das ist für ein Literaturhaus völlig okay.“

Zukunftsweisend ist das, was man vom März an gelernt hat: Erstens, digital aufgezeichnete Gespräche, Diskussionen und Magazine eigens herzustellen und zu vertreiben. Und, zweitens, ausgewählte Publikumsveranstaltungen zusätzlich online zu senden und danach bereitzuhalten. Alexander Suckel spricht von „Hybrid-Veranstaltungen“, sozusagen einer Autorenlesung Plus.

Lesungen im Haus und online

Das ist am Donnerstag der Fall, wenn der Erzähler Clemens Meyer und die Poetry Slamerin Josephine von Blueten Staub im Literaturhaus zu Gast sind - er als aktueller Klopstockpreisträger, sie als Förderpreisträgerin des Landes.

Es gibt die von Alexander Suckel moderierte Lesung und Diskussion mit Publikum vor Ort, die zeitgleich gestreamt, also online übertragen, und zudem - nachbearbeitet - auf dem Internetportal des Hauses abrufbar sein wird.

Mediathek mit zahlreichen Aufzeichnungen

Bereits jetzt bietet das digitale Literaturhaus-Portal in der Rubrik „Programm online“ eine Fülle an Autorengesprächen. Aufgezeichnet seit Frühjahr, sind unter anderen Begegnungen mit Ingo Schulze („Die rechtschaffenen Mörder“), Greta Taubert („Guten Morgen, du Schöner“), André Schinkel („Umbo, oder vom Verlassen der Stadt“) und Katrin Schumacher („Füchse“) zu finden.

Die Abrufzahlen zeigen, was literaturgesellschaftlich gefragt ist. Da liege nicht zwangsläufig regional vor überregional, aber regional doch vor westdeutsch, teilt Suckel mit.

Die Spitzenreiter in der Online-Abfrage seien - in der Reihenfolge - eine Arno-Schmidt-Lesung mit dem halleschen Schauspieler Martin Reik, das bei Naumburg unter freiem Himmel geführte Gespräch mit der MDR-Kultur-Redakteurin Katrin Schumacher zu ihrem „Füchse“-Buch sowie die Begegnungen mit Greta Taubert und Ingo Schulze.

Fokus auf mehr eigene Inhalte

Hergestellt werden diese Formate „unter maximaler Selbstausbeutung“, sagt Suckel, finanziert aus Mitteln, die in der ersten Jahreshälfte gespart sowie aus dem „Neustart“-Fond des Bundes geschöpft worden sind.

Fest steht, „dass wir die Digitalstrecke weitertreiben wollen“, sagt Suckel. „Und wir wollen eigene Inhalte produzieren.“ Das heißt, Inhalte bieten, die über das Leseprogramm hinausgehen.

Plan für digitales Schulfernsehen

„Wir führen gerade Vorgespräche, um Ideen für ein digitales Schulfernsehen zu entwickeln“, sagt Alexander Suckel. Nicht zuletzt, um Erwerbsquellen zu erschließen. Schon jetzt entsteht eine sechsteilige Serie über den Jahrhundertdichter Paul Celan, dessen Geburtstag sich im November zum 100. Mal jährt.

Gespräche mit dem Celan-Lektor und Lyriker Klaus Reichert und dem Schriftsteller Karl-Heinz Ott wurden aufgezeichnet, letzteres in Sachen Celan und Hölderlin. Unter dem Motto „Vergessene Dichter in Sachsen-Anhalt“ sollen Gesprächsporträts entstehen im Auftrag der Landesvertretung Sachsen-Anhalt in Berlin.

Auktion für Künstler

Kamera läuft! Aber immer mit und neben dem bewährten Literaturhausbetrieb. Noch im Oktober kommen Michael Kleeberg und Grit Poppe nach Halle, für November sind Klaus Reichert, Nadia Terranova sowie Bénédicte Savoy und Karamba Diaby angesagt, letztere diskutieren in Sachen Beutekunst; im Dezember stehen Helmut Böttiger und Marcel Beyer auf dem Programm.

Das bietet auch handfeste, dabei solidarische Unterhaltung: Unter den Hammer des Auktionators bringt der Mitteldeutsche Verlag am 22. Oktober Originalkunstwerke aus dem eigenen Bestand - eine Versteigerung, deren Erlös freischaffenden Künstlern zukommen soll. (mz)

››Literaturhaus Halle: Clemens Meyer und Josephine von Blueten Staub, 15. Oktober, 19 Uhr. Der Eintritt ist frei