Adolf Reichwein

Adolf Reichwein: Wie ein begnadeter Dozent aus Halle einst gegen die Nazis kämpfte

Halle (Saale) - Der Reformpädagoge und Widerstandskämpfer, vor 120 Jahren geboren, hat in Halle seine Spuren hinterlassen. Warum seine Werte heute noch zählen.

Von Dirk Skrzypczak

Die Treppe vor dem Haupteingang des Thomas-Müntzer-Gymnasiums auf dem Giebichenstein ist mit einem Flatterband angesperrt - hinter dem Portal wird gearbeitet. Schulleiter Thomas Gaube steht auf den Stufen und streicht mit der Hand über die hölzerne Tafel an der Fassade, die an Adolf Reichwein erinnert.

Von 1930 bis 1933 war Reichwein Dozent an der Pädagogischen Akademie in Halle, dem heutigen „TMG“. Diese drei Jahre waren der berufliche Höhepunkt des begnadeten Pädagogen.

Als Sozialdemokrat setzte er sich zudem mit der Ideologie der Nazis auseinander. Am 20. Oktober 1944 wurde Reichwein im Gefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Geboren wurde er am 3. Oktober 1898 in Bad Ems, vor 120 Jahren.

Adolf Reichwein bot den Nazis die Stirn

„Wir müssen uns um die Tafel kümmern“, sagt Gaube. Verblassen soll sie nicht, die Erinnerung an den Reformer. Gaube hat eine besondere Beziehung zu Reichwein und seinen Idealen. Von 1991 bis zu seiner Schließung 2004 war Gaube stellvertretender Schulleiter am Reichwein-Gymnasium in der Diesterwegstraße.

Heute trägt die Volkshochschule den Namen des Pädagogen und Widerstandskämpfers, ebenso das Gebäude mit der SPD-Zentrale in der Großen Märkerstraße. „Vor allem in der DDR wurde von Reichwein nur ein Bild vermittelt - das des Freiheitskämpfers, der den Faschisten die Stirn bot. Wir sollten aber auch sein pädagogisches Vermächtnis nicht vergessen. Vieles von dem, was er damals lehrte, hat auch heute noch Bedeutung. Und in 100 Jahren wird es immer noch so sein“, sagt Gaube.

Uni-Professor setzte auf innovative Methoden für seine angehenden Lehrer

Reichwein gestaltete seinen Unterricht erlebbar. Mit seinen Studenten zog der Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde in Betriebe, Arbeitsämter, Gefängnisse und Sozialhilfestellen. „Die angehenden Lehrer sollten die Arbeitssituation der Menschen kennenlernen, deren Kinder sie später unterrichten würden“, sagt Rüdiger Fikentscher, SPD-Stadtrat in Halle und selbst ein Urgestein der Sozialdemokratie.

Reichwein lehrte im Freien. Er fuhr mit seinen Schülern in die Ferien. Und er verstand es, zu leben. Schon in seiner Zeit als Leiter der Volkshochschule Jena, die er 1925 selbst gegründet hatte, schrieb Reichwein Bücher.

Reichwein pendelte mit dem eignen Sportflugzeug auch nach Berlin

Die Werke verkauften sich so gut, dass er sich ein eigenes Sportflugzeug kaufen konnte. Mit der Maschine pendelte er nach Berlin. 1929 hatte ihn der preußische Kultusminister zum Leiter der Pressestelle und zu seinem persönlichen Referenten ernannt. „Er hat viele Menschen beeindruckt“, sagt Fikentscher. Das gilt im Nachgang betrachtet auch für seinen Mut, die Nazis nicht einfach so gewährenzulassen.

Bei den Wahlen im September 1930 hatte Hitlers Partei, die NSDAP, mit einem Erdrutsch-Sieg die politische Landschaft verändert.

Reichwein duckte sich nicht weg. Die Konsequenzen waren verheerend. 1933 wurde mit Reichwein fast der komplette Lehrkörper der Pädagogischen Akademie entlassen. Mit seiner Ehefrau Rosemarie Pallat, die als Dozentin ebenfalls ihren Job in Halle verlor, wurde Reichwein auf „Bewährung“ die Stelle als Direktor der einklassigen Dorfschule in Tiefensee übertragen. 1939 wechselte er als Pädagoge an das Museum für deutsche Volkskunde in Berlin.

Reichwein wurde für seinen Widerstand von den Nazis hingerichtet

Sein Engagement im „Kreisauer Kreis“, einer Widerstandsbewegung gegen die Nazis, bezahlte er mit seinem Leben. Reichwein wurde erhängt, verbrannt, seine Asche auf den Rieselfeldern Berlins verstreut.

„Wenn wir von Reichwein etwas lernen können, dann dass wir die Demokratie verteidigen müssen“, sagt Fikentscher. Schulleiter Thomas Gaube wünscht sich zudem, dass die Stadt Halle noch eine Grundschule nach Reichwein benennen würde. „Zum Reformpädagogen ist er erst als Lehrer von Kindern geworden.“ (mz)