25-jähriges Jubiläum

25-jähriges Jubiläum : Angriff des Einheitskanzlers auf Eierwerfer in Halle

Halle (Saale) - Es war alles penibel geplant, an jenem 10. Mai 1991. Ein straffes Programm sollte Bundeskanzler Helmut Kohl erst nach Buna führen, wo er den Erhalt des Chemiestandorts verkünden würde. Dann nach Bitterfeld, wo er ebenso energisch Zuversicht verbreitete. Zum Finale dann ging es nach Halle, ein „Informationsaufenthalt“, wie es offiziell hieß, der in Tagen gesellschaftlicher Unruhe das Signal senden sollte: Die Regierung kümmert sich um ...

Von Steffen Könau 09.05.2016, 19:42

Es war alles penibel geplant, an jenem 10. Mai 1991. Ein straffes Programm sollte Bundeskanzler Helmut Kohl erst nach Buna führen, wo er den Erhalt des Chemiestandorts verkünden würde. Dann nach Bitterfeld, wo er ebenso energisch Zuversicht verbreitete. Zum Finale dann ging es nach Halle, ein „Informationsaufenthalt“, wie es offiziell hieß, der in Tagen gesellschaftlicher Unruhe das Signal senden sollte: Die Regierung kümmert sich um Euch!

Um sich selbst zu überzeugen, sind einige hundert Menschen vor das Stadthaus am Markt gezogen. Ein improvisierter Zaun sperrt den Bereich vor der Eingangstür, Polizei ist nicht in Sicht. Kohls Wagenkonvoi taucht auf, ein nach fast getaner Arbeit entspannter Helmut Kohl marschiert Richtung Portal. Hoch ragt der Mann, ein Jahr zuvor noch als Einheitskanzler gefeiert, aus der Menge seiner Begleiter. Die Stimmung aber ist nicht freundlich, hier in Halle, wo die Arbeitslosigkeit hoch und die Zukunftshoffnung niedrig ist. Es gibt Pfiffe, es gibt Buh-Rufe, schließlich fliegen Tomaten, Kohlköpfe und Eier.

Sturm auf die Eierwerfer

Helmut Kohl ist inzwischen im abgesperrten Bereich angelangt. Da trifft ihn tatsächlich ein Ei. Und der 61-Jährige, der gerade Weltgeschichte geschrieben hat, tut plötzlich, was ein Staatsmann nie tut: Statt sich unter den Wurfgeschossen wegzuducken, stürmt Kohl seinen Angreifern entgegen.

Kein Sicherheitsmann kann den 1,93-Meter-Mann halten, auch der Zaun gibt unter seinem Ansturm nach. Wütend ist Kohl, außer Rand und Band angesichts einer „schwer zu beschreibenden Radikalen-Szene, die ein schäbiges Kapitel hallescher Gastfreundschaft“ (Kohl) zu schreiben im Begriff ist. Helmut Kohl hilft nach Kräften - er langt über den halb niedergetretenen Zaun und versucht, einem jungen Mann mit langem Haar eine Fahne mit dem Symbol der SPD-Nachwuchsorganisation Jusos aus den Händen zu reißen.

Das gelingt nicht. Doch die Bilder des mit Eigelb bekleckerten Helmut Kohl schaden dem Mann mit der Fahne schließlich doch mehr als dem Kanzler. Kurze Zeit nach dem Kohl-Besuch wird Halles Juso-Vizechef Matthias Schipke als einer der Eierwerfer identifiziert. Der Jurastudent, gerade 21 Jahre alt und Sohn einer Familie, die seit Willy Brandts Erfurtbesuch sozialdemokratisch denkt, ist auf einmal die „Schande von Halle“. Seine Partei droht, ihn ausschließen. Und eine Zeitung nutzt Fotos von seiner Tat für eine Werbekampagne. Zynisches Motto: „Aufeinander zugehen“ steht unter dem zornig vorstürmenden Kohl.

Die Wut im Bauch zeigen

Dabei hatten Halles Jusos an eine „witzige Aktion“ gedacht. „Ein Spaß“, sagte Matthias Schipke, „kein Attentat.“ So, wie die Einheit damals gelaufen sei, habe er nicht einverstanden sein können. „Ich hatte Wut im Bauch und die wollte ich Kohl zeigen.“

Schuld daran, dass alles aus dem Ruder geriet, war aus Sicht der Eierwerfer nur Helmut Kohl. Weil der anders reagiert habe als gedacht, wird aus der geworfenen Kritik eine Staatsaffäre. Die Fotos gehen um die Welt. Matthias Schipke, der in Halle studiert, ist hervorragend zu erkennen. „Wir waren mehrere“, erinnerte er sich später, „aber viel ging dann auf mich“.

Die Szene hat Schipke lange verfolgt, zu lange. Doch dass der Hallenser seit Jahren in Skandinavien lebt, ist nicht Folge einer Flucht vor der Vergangenheit, sondern hat ganz private Gründe. Der „Radikale“, der Mann aus dem „Pöbel“, ewiggestrig in seiner Sehnsucht nach der DDR und auf Krawall gebürstet, ist Schipke nie gewesen. „Mit der DDR hatte ich nichts am Hut“, sagt er, „aber wie der Westen dann kam, das gefiel mir eben auch nicht.“ Seinen Frieden mit dem Deutschland, das er so nie haben wollte, hat er erst in der Ferne gemacht. „Seit ich hier oben lebe“, sagt er, „bin ich ja irgendwie mehr Deutscher als vorher.“ (mz)