Stadtpflegebetrieb startet 2022 Kampagne

Wie Dessau-Roßlau für mehr Kompost ohne Plastik sorgen will

Pro Jahr landen im Biomüll 575 Tonnen Stoffe, die dort nicht hineingehören. Das soll sich ändern.

Von Heidi Thiemann 07.11.2021, 12:00
Blick auf die Kompostieranlage auf dem Plateau des 47 Meter hohen Scherbelbergs.
Blick auf die Kompostieranlage auf dem Plateau des 47 Meter hohen Scherbelbergs. (Foto: Thomas Ruttke)

Dessau-Roßlau/MZ - Plastikbeutel im Biomüll? „Die haben darin nichts verloren“, sagt Sabine Moritz, Chefin des Dessauer Stadtpflegebetriebes. Auch Biomüll-Folienbeutel, die der Handel anbietet, nicht. „Die zersetzen sich viel zu langsam und bereiten Probleme“, sagt sie und zeigt auf dem Scherbelberg auf den Kompost, der mit der eigenen Anlage gewonnen wird. Mit Trommelsieben müssen Störstoffe, wie die Tüten, aufwendig herausgesiebt und anschließend teuer als Restabfall entsorgt werden. Das kostet 75.000 Euro im Jahr.

Ärger und Geld, die künftig eingespart werden sollen. Ab dem kommenden Jahr macht der Stadtpflegebetrieb mit bei #wirfuerbio. Das ist eine Kampagne, an der sich über 70 Abfallwirtschaftsbetriebe bundesweit beteiligen. Ziel ist es, die Bevölkerung zu sensibilisieren und so den Anteil der Störstoffe zu senken.

Immwer wieder landen Plastikmüll und andere Störstoffe im  Biomüll.
Immwer wieder landen Plastikmüll und andere Störstoffe im Biomüll.
(Foto: Thomas Ruttke)

In Dessau-Roßlau fällt jährlich bei insgesamt 12.000 gesammelten Tonnen Biomüll ein 575 Tonnen schwerer Störstoffberg an. Der soll viel kleiner werden. „Das senkt nicht nur die Kosten, das hilft auch der Umwelt“, erklärt Moritz. Wenn herkömmliche Plastiktüten in Mikroplastik zerfallen, könne das Mikroplastik nicht mehr aus dem Rohkompost getrennt werden und landet dann auf Äckern, gelangt ins Grundwasser und womöglich auch in die menschliche Nahrungskette.

Seit Anfang der 1990er Jahre wird Biomüll in Dessau und später Dessau-Roßlau eingesammelt. Erst von der Firma DRL, später vom Stadtpflegebetrieb. Wurde er anfangs vom Stadtpflegebetrieb zu Kompostieranlagen in Vockerode und Oranienbaum gebracht, so wird er nunmehr selbst verwertet auf dem 47 Meter hohen Scherbelberg.

Anfang 2019 ist hier die Bioabfallvergärungsanlage in Betrieb gegangen. Betrieben wird sie von der Kompotec Kompostierungsanlagen GmbH. In der Anlage wird der von Bürgern angelieferte Bioabfall und Grünschnitt, der durch die Pflege im Stadtgebiet anfällt, verarbeitet.

Der Biomüll wird zur Verarbeitung in der Biogasanlage angefahren.
Der Biomüll wird zur Verarbeitung in der Biogasanlage angefahren.
(Foto: Thomas Ruttke)

Die Stoffe vergären in dieser Biogasanlage durch ein Trockenfermentationsverfahren. Gewonnen werden Strom und Wärme. Mit dem Strom können nicht nur die gesamte Abfallentsorgungsanlage auf dem Scherbelberg versorgt werden, sondern gut 600 Haushalte, denn er wird auch ins öffentliche Netz eingespeist. Und mit der Wärme, so Moritz, wird Kochstedt versorgt.

Mit der Biogasanlage werden Strom und Wärme erzeugt.
Mit der Biogasanlage werden Strom und Wärme erzeugt.
Foto: Thomas Ruttke

Ist der Gärprozess abgeschlossen, werden die Gärreste auf dem Plateau des Scherbelbergs zusammen mit geschreddertem Baum- und Strauchschnitt zu Kompost. Die Verrottung in der Kompostierungsanlage erfolgt in zwei Phasen über mehrere Wochen und überwacht unter Folie, sagt Holger Landmann, Leiter der Abfallanlage. Rund zwei Monate dauert es, bis der Kompost fertig ist.

Bevor er abgegeben und vermarktet werden kann, wird der Kompost zweimal gesiebt. Das ist mit hohem Aufwand verbunden. Dabei werden auch alle Störstoffe entfernt, die nichts im Biomüll verloren haben, wie die Plastiktüten. Nur zertifizierter Kompost könne verkauft werden, erläutert Moritz. „In diesem Jahr haben wir schon 4.800 Tonnen an die Landwirtschaft abgegeben.“ Die Vermarktung erfolgt auch an Bürger und professionelle Gärtner.

Fast fertiger Kompost: Vor der Vermarktung muss er noch gesiebt werden. Deutlich zu erkennen sind die noch enthaltenen Störstoffe.
Fast fertiger Kompost: Vor der Vermarktung muss er noch gesiebt werden. Deutlich zu erkennen sind die noch enthaltenen Störstoffe.
(Foto: Thomas Ruttke)

Der Stadtpflegebetrieb erhofft sich von der Kampagne #wirfuerbio, dass Bürger wachsamer werden und weniger falschen Abfall in die Biotonne werfen. Bei anderen Teilnehmern der Kampagne habe der Anteil an Stoffen, die nicht hineingehören, um die Hälfte reduziert werden können. Um die Kampagne zu bewerben, sollen zunächst zwei der elf Fahrzeuge, mit denen die Mitarbeiter des Stadtpflegebetriebes unterwegs sind, um die grünen Tonnen zu leeren, zu Werbeträgern werden.

Was gehört in die Biotonne und was nicht?

Im Biomüll entsorgt werden können Gemüsereste, Obstreste, pflanzliche Speisereste, Nuss- und Eierschalen sowie Pilzreste. Auch Kaffee und Tee inklusive Filter und -beutel können in die grüne Tonne geworfen werden. Entsorgt werden können über den Biomüll darüber hinaus Strauch-, Hecken- und Rasenschnitt sowie Unkraut. Ebenfalls können Topf- und Balkonpflanzen mit Erde und Schnittblumen in der Tonne landen.

Nicht in den Biomüll gehören dagegen Gegenstände aus Plastik, auch kein Bioplastik, Metall und Schutt.