Vor Spiel gegen Oranienburg

Vor Spiel des DRHV gegen Oranienburg in Dessau: Keeper Ambrosius spricht erstmals über lange Erkrankung

Dessau - Eine Stunde Schnellkrafttraining im „aktiVital“. Wie es war? „Vergleichsweise entspannt“, erzählt Philip Ambrosius in der kleinen Lounge des Fitnessstudios. Der Torwart vom Handball-Drittligisten Dessau-Roßlauer HV grinst: „Unter Uwe (Chefcoach Jungandreas; Anm. d. Red.) gibt es auch deutlich härtere ...

Von Tobias Grosse 10.11.2019, 12:52

Eine Stunde Schnellkrafttraining im „aktiVital“. Wie es war? „Vergleichsweise entspannt“, erzählt Philip Ambrosius in der kleinen Lounge des Fitnessstudios. Der Torwart vom Handball-Drittligisten Dessau-Roßlauer HV grinst: „Unter Uwe (Chefcoach Jungandreas; Anm. d. Red.) gibt es auch deutlich härtere Trainingseinheiten.“

Ambrosius sitzt am Donnerstagvormittag hier, um 2019 einmal Revue passieren zu lassen. Diese Achterbahnfahrt von einem Jahr. Der 26-Jährige wirkt aufgeräumt, mit sich im Reinen. Das ist deswegen bemerkenswert, weil das in den vergangenen Monaten nicht immer so war.

DRHV-Keeper Ambrosius: „Bin auf die Fresse gefallen“

Rückblick: Als der DRHV Anfang des Jahres in der 2. Bundesliga im Abstiegskampf steckte, kam eine Hiobsbotschaft herein: Stammtorhüter Ambrosius fällt bis auf weiteres aus. Erkrankt sei er, hieß es damals in einer Mitteilung des Clubs und auf jegliche Nachfrage. Genaue Angaben machte keiner. Doch, alleine schon die Reaktion, dass der DRHV damals mit dem kroatischen Oldie Ivan Martinovic einen weiteren Torwart holte, ließ den Schluss zu, dass Ambrosius nicht nur eine normale Grippe haben würde.

Vor dem anstehenden Drittliga-Heimspiel Dessau-Roßlaus gegen Oranienburg am Sonntag, spricht Philip Ambrosius nun zum ersten Mal öffentlich über die schwere Zeit zu Beginn dieses Jahres und über das, was ihn vier Monate außer Gefecht gesetzt hat. „Ich bin damals an meine körperlichen Grenzen gegangen und war komplett leer“, sagt er.

Philip Ambrosius hatte sich im Dezember 2018 einen Muskelfaserriss zugezogen

Ambrosius hatte sich im Dezember 2018 einen Muskelfaserriss im Oberschenkel zugezogen, woraus sich für den DRHV ein mittelschweres Torhüterproblem ergab, weil Ersatzmann Dominik Plaue nur ganz selten überzeugen konnte. Philip Ambrosius bekam das natürlich mit - und wollte so schnell wie möglich wieder spielen. Er trainierte mehr und härter, kehrte im Januar zurück und wurde in der Vorbereitung beim „Peugeot Cup“ zum besten Keeper gewählt - ein Zweitliga-Spiel machte Ambrosius aber bis Mitte Mai nicht. Erst später verstand er, „dass der Muskelfaserriss ein erstes Anzeichen war. So etwas kommt ja aus dem Körper.“

Dessau-Roßlaus Torwart wollte damals zu schnell, zu viel - und hat sich übernommen. „Ich habe nicht auf meinen Körper gehört“, sagt er. Was viele nicht wissen: Philip Ambrosius spielt nicht nur Handball unter professionellen Bedingungen, sondern er macht auch noch seinen Master in Maschinenbau - und ist dort nicht weniger ehrgeizig.

Um den Jahreswechsel herum war eine heiße Phase im Studium, mit mehreren Prüfungen. Teilweise fünfmal in der Woche ist der 1,98 Meter-Hüne nach Magdeburg gependelt. Dazu die Verletzung, der Drang, schnell fit zu werden, der Zweitliga-Alltag mit dem DRHV. Philip Ambrosius betont: „Es hat nie an Druck gelegen.“ Doch er wollte das alles auf einmal schultern.

DRHV-Keeper Ambrosius: "Heute weiß ich, dass das komplett falsch war"

Heute weiß er, dass das falsch war: „Es war dumm, das muss ich zugeben. Ich hab’s komplett übertrieben.“ Im Januar hat er das auf die harte Weise zu spüren bekommen. „Ich bin auf die Fresse gefallen“, sagt Ambrosius. Sein System ist implodiert - und der Handball, der ihn so lange begleitet hatte, war plötzlich „gar kein Ausgleich mehr“. Die Folge: Philip Ambrosius musste sich rausnehmen. „Es war meine eigene Schuld.“

Dass der 26-Jährige mittlerweile so offen über seine Erkrankung sprechen kann, liegt daran, dass er Kraft und die richtigen Lehren daraus gezogen hat. Schon als er Mitte Mai zum ersten Mal wieder spielte, war das zu spüren. Dessau-Roßlau taumelte damals dem Abstieg entgegen, der Frust der Fans war groß, Gräben innerhalb des Teams und auch des Vereins waren unübersehbar.

Und trotzdem stand Philip Ambrosius nach seinem Comeback bei der 29:36-Heimniederlage gegen Dormagen glücklich in der Halle. „Ich wollte einfach wieder Spaß am Handball haben“, sagt er. Mittlerweile ist er wieder in bestechender Form.

Torwart hat nach dem Ausfall sein Leben verändert

Der Torwart hat während seines Ausfalls und danach sein Leben verändert. Klar, ehrgeizig ist er noch immer. Egal, ob Studium oder Handball . Aber er sagt: „Ich achte jetzt mehr auf meinen Körper.“ Wo Philip Ambrosius früher an trainingsfreien Tagen Extra-Fitnessschichten geschoben hat, macht er heute wirklich frei. „Ich schaffe mir mehr Freiraum und bin nicht mehr so verbissen.“

Im Studium will der angehende Maschinenbauer nicht mehr fünf oder sechs Prüfungen in kurzer Zeit bewältigen, sondern nur noch zwei oder drei. Bald geht es ins Master-Praktikum, das Ambrosius bei einer Firma in der Region absolvieren will. „Das Studium ist die Basis meiner Zukunft.“

Ambrosius: Charaktere im Team stimmen wieder

Sportlich läuft es für Philip Ambrosius und den DRHV nach dem harten Zweitliga-Jahr aktuell wie geschmiert. Das Team von Coach Uwe Jungandreas ist der einzige aller 64 Drittligisten hierzulande, der nach einem Drittel der Saison noch keinen Punkt verloren hat. Dessau dominiert den Nord-Osten und hat mit Philip Ambrosius den aktuell wohl besten Keeper der Staffel im Tor. „Die Grundlage des Erfolgs ist, dass wir wieder ein Team sind“, findet er, „wir haben die richtigen Charaktere in der Mannschaft.“ Am Sonntag gegen Oranienburg ist der DRHV natürlich haushoher Favorit. Zu Hause in der Arena zählt nur ein Sieg. Torwart Ambrosius weiß das - verrückt macht er sich deswegen aber nicht.

››Anwurf gegen Oranienburg in der Anhalt-Arena ist am Sonntag, 17 Uhr.

(mz)